VerkehrEin Leihrad-System mit großen Lücken

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So ein Leihrad muss eine Menge aushalten (von links): Starnbergs Landrat Stefan Frey, Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter und der Gilchinger Bürgermeister Stefan Siegl.
So ein Leihrad muss eine Menge aushalten (von links): Starnbergs Landrat Stefan Frey, Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter und der Gilchinger Bürgermeister Stefan Siegl. Nila Thiel
  • Das neue Leihrad-System My Radl startet mit 6700 Fahrrädern an 1000 Standorten in München und 36 Umlandgemeinden, aber große Teile der Region bleiben ohne Angebot.
  • Viele Kommunen haben sich gegen eine Teilnahme entschieden, vor allem aus finanziellen Gründen, da sie etwa 200 Euro pro Rad und Jahr zahlen müssen.
  • Im nächsten Jahr kommen 15 weitere Kommunen vor allem im Süden dazu, darunter Bad Tölz, Geretsried und Wolfratshausen.
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Beim Start von My Radl sind 36 Gemeinden und Städte rund um München dabei, im nächsten Jahr kommen 15 weitere Kommunen vor allem im Süden dazu. Aber im größten Teil der Region sind bislang keine Standorte vorgesehen.

Von Michael Berzl, Gilching

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Ein Raunen, dann kommt Jubel auf, es wird applaudiert, und tatsächlich macht der Gilchinger Bürgermeister auch noch ein Selfie mit dem Techniker Can Ogan, der hier unversehens auf einem geliehenen Fahrrad während einer Ansprache im Parkhaus im Asto-Park bei Gilching eingetroffen ist. Ein echter My-Radl-Kunde kann also zwei Wochen nach dem Start des neuen Angebots in der Stadt München und den Umlandgemeinden immer noch Gefühlswallungen auslösen. Zumal die Ankunft des Original-Radlers während eines offiziellen Termins mit Reden und symbolischem Durchschneiden eines roten Bandes ganz spontan passiert, nicht bestellt oder arrangiert, sondern sozusagen in freier Wildbahn beobachtet, in seinem natürlichen Habitat. So ein Glück.

Es ist die Eröffnung der drei My-Radl-Stationen in Gilching, in die der Luftfahrttechniker hineingerät. Bürgermeister Stefan Siegl (Parteifreie Wähler) und der Starnberger Landrat Stefan Frey (CSU) sind bei Ortstermin und Probefahrt dabei, Vertreter des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) und der Betreiberfirma Nextbike. Der junge Mann auf dem Weg zu seiner Arbeit beim Sonderflughafen Oberpfaffenhofen ist etwas verdutzt, erzählt dann aber noch auf Nachfragen in englischer Sprache, wie es so war mit dem Ausleihen per Handy.

Wenn die passende App auf dem Mobiltelefon geladen ist, geht das unkompliziert und schnell. QR-Code scannen, Fahrt starten, und schon öffnet sich das Schloss mit einem metallischen Knacken. Die nagelneuen Räder mit Taschenhalterung am Lenker, silber-grauem Rahmen und einer blauen Abdeckung über dem Hinterrad, mit Gangschaltung und gut vernehmbarer Klingel, sind robust und schwer. Rennräder sind sie nicht, wer in die Pedale tritt, spürt schon, dass er ein paar Kilogramm Metall bewegen muss. Das muss wohl so sein bei diesen Gefährten, die ungeschützt im öffentlichen Raum stehen.

Gilching gehört nun zu einem regionalen Netzwerk im MVV-Gebiet rund um München, das mit öffentlichen Mitteln gefördert wird. Es ist eine Flotte mit etwa 6700 Fahrrädern, die an insgesamt 1000 Standorten im Stadtgebiet von München sowie in 36 Städten und Gemeinden in der Region verteilt sind. Zwei Drittel davon sind klassische Fahrräder, die mit Muskelkraft zu bewegen sind, und ein Drittel E-Bikes.

Das Versorgungsgebiet erstreckt sich von Mammendorf im Westen bis Kirchheim im Osten, von Neufahrn im Norden bis hinunter nach Holzkirchen im Süden. Dazwischen klaffen aber große Lücken. In Gilching sind es ganze drei Standorte: Zehn Fahrräder stehen am Bahnhof in Neugilching, elf im Asto-Park und acht im Gewerbegebiet Süd. Und das war es erst mal im gesamten Landkreis Starnberg. Südlich davon herrscht zwischen Isar und Ammersee ansonsten Leere in Sachen Leihrad. Das gilt ebenfalls in großen Teilen des Umlands von München. Auch im Osten von München beginnt die Bikesharing-Diaspora. Östlich von Haar und Kirchheim kein einziger Standort, die gesamten Landkreise Erding, Ebersberg und Dachau sind nicht vertreten.

Grob überschlagen beteiligt sich nicht einmal ein Viertel der Gemeinden in den Landkreisen rund um die Stadt an dem neuen Verleihsystem, der überwiegende Teil hat dem Betreiber Nextbike eine Absage erteilt. Das hat keine technischen Ursachen, sondern ist Folge politischer Entscheidungen in den Rathäusern. Wie die MVV-Sprecherin Sonja Schneider erläutert, sind die Städte und Gemeinden Auftraggeber von My Radl, „sie haben daher selbst entschieden, ob sie teilnehmen möchten“. Die meisten haben sich demnach dagegen entschieden.

Viele Kommunen haben sich gegen das Verleihsystem entschieden, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen

Eichenau im Landkreis Fürstenfeldbruck etwa. Als die Kommunen vor drei Jahren im Zuge der Neuausschreibung abgefragt wurden, habe der Gemeinderat mehrheitlich abgelehnt, berichtet Bürgermeister Peter Münster, der selbst für das landkreisweit koordinierte System geworben hat. Zur Abstimmung sei damals aber eine „große Mobilitätsstation“ gestanden, und die habe eben keine Mehrheit gefunden.

Das Geld dürfte bei den Entscheidungen in den oft klammen Kommunen auch eine Rolle spielen. In der Stadt Ebersberg zum Beispiel. „Grundsätzlich finde ich die Aktion May Radl echt gut“, erklärt Bürgermeister Uli Proske. „Jedoch sind wir in Ebersberg an einem Punkt angekommen, wo alle Haushaltsstellen hinterfragt und auf das Minimalste reduziert oder keine Gelder mehr nach Erwartung eingestellt werden. Für weitere, sogenannte freiwillige Leistungen haben wir keine Mittel mehr. Egal, ob nun die Maßnahme wie diese bezuschusst wird oder nicht.“

Ähnlich klingt das in Dachau: Die Stadt habe sich „aufgrund der Haushaltslage dagegen entschieden“, teilt die stellvertretende Leiterin des Stadtbauamts, Ariane Jungwirth, mit. Die jährlichen Betriebskosten für die Leihräder sowie die Kosten für die Errichtung der Stationen wären durch die Kommune zu finanzieren gewesen. Allein für die Errichtung der Stationen wäre demnach eine kleine vierstellige Summe angefallen, eine staatliche Förderung hierfür zu beantragen hätte sich im Verhältnis zum Nutzen nicht rentiert. Ein Tipp aus dem Stadtbauamt: Den Bürgerinnen und Bürgern stünden die Leihräder des Anbieters Lime zur Verfügung. „Für dieses Angebot fallen der Stadt keine Kosten an".

Mit dem Rad beim Möbelmarkt (von links): Gemeinderat Vincent Blank, Mobiliätsbeauftragter David Rehbach, Fritz Hammel vom ADFC, der Echinger Bürgermeister Michael Steigerwald, Ikea-Mitarbeiter Ingo Mikulla, Gemeinderätin Angelika Pflügler und Nordallianz-Geschäftsführerin Anna-Laura Liebenstund.
Mit dem Rad beim Möbelmarkt (von links): Gemeinderat Vincent Blank, Mobiliätsbeauftragter David Rehbach, Fritz Hammel vom ADFC, der Echinger Bürgermeister Michael Steigerwald, Ikea-Mitarbeiter Ingo Mikulla, Gemeinderätin Angelika Pflügler und Nordallianz-Geschäftsführerin Anna-Laura Liebenstund. Gemeinde Eching

Etwas leichter tun sich finanziell die Kommunen im Norden der Landeshauptstadt, die in der Nordallianz zusammengeschlossen sind. Dort fördert das Bundesumweltministerium das Bikesharing-Modell. Eine dieser Gemeinden ist Eching, wo zeitgleich mit dem Start in Gilching ebenfalls eine Verleihstation auf dem Parkplatz des Ikea-Möbelhauses offiziell in Betrieb genommen wurde. In Eching gibt es nun insgesamt 30 Fahrräder an derzeit acht Stationen.

Der Preis für den Nutzer ist überschaubar: ein Euro je halbe Stunde zum Beispiel für ein normales Fahrrad, der Tagestarif beträgt neun Euro. Das ist günstig im Vergleich zu anderen Anbietern. Zudem gibt es in bestimmten Fällen Ermäßigungen, für Inhaber des Deutschlandtickets etwa oder für Studenten. „Preiswert und sehr attraktiv“, nennt daher Isabella Weber, die im Starnberger Landratsamt für die Mobilitätsprojekte zuständig ist, das System. Mit diesem Obolus lässt es sich jedoch nur zum Teil finanzieren; ohne Zuzahlungen der beteiligten Kommunen geht es nicht.  Wie hoch die Beiträge der öffentlichen Hand ausfallen, ist weniger überschaubar.

Per App auf dem Handy wird das Fahrrad entsperrt.
Per App auf dem Handy wird das Fahrrad entsperrt. Nila Thiel

Offiziell gibt niemand genaue Zahlen preis. Der MVV hält sich mit Verweis auf das Vergaberecht genauso bedeckt wie Vertreter der Nextbike GmbH aus Leipzig, weder der Gilchinger Bürgermeister noch Vertreter des Landratsamts lassen sich beim Einweihungstermin Zahlen entlocken. Dem Vernehmen nach geht es laut Insidern um eine Größenordnung von 200 Euro pro Rad und Jahr, für ein klassisches Fahrrad etwas weniger, für ein E-Bike mehr. Da könnten schon ein paar tausend Euro aus der Gemeindekasse zusammenkommen. Dazu kommen die Ausgaben für weiß-grüne Bodenmarkierungen, Schilder und Ausstattung der Verleihstationen.

Im nächsten Jahr kommen 15 weitere Kommunen dazu, vor allem im Süden. Die Leihräder sollen dann auch in Bad Heilbrunn und Bad Tölz, in Geretsried, Wolfratshausen und Lenggries zur Verfügung stehen, außerdem in Gmund am Tegernsee, in Valley, Miesbach, Waakirchen und Weyarn. Im Landkreis Starnberg sind insgesamt neun weitere Stationen vorgesehen: je zwei in Herrsching und Gauting, vier in Weßling und eine in Seefeld. Auch Freising zählt zu den Nachzüglern.

Die Fahrräder dürfen nur auf markierten oder dafür vorgesehenen Plätzen wieder abgestellt werden

Die Zahl der Stationen ist durchaus entscheidend für die Attraktivität des Systems. Es sind zwar Fahrten über weite Strecken möglich, auch über Gemeinde- und Landkreisgrenzen hinweg, die Fahrräder dürfen dann aber nur auf markierten oder dafür vorgesehenen Plätzen wieder abgestellt werden. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Rollern oder Rädern kommerzieller Anbieter wie Lime oder Voi, die an vielen Stellen geparkt werden dürfen, die aber in der Regel auch teurer sind.

Wer ein bei My Radl gemietetes Gefährt außerhalb der vorgesehenen Plätze irgendwo abstellt, muss eine Art Strafgebühr bezahlen, verrät Alexander Korol, der als Projektmanager für den Vertrieb bei Nextbike zuständig ist, am Rande des offiziellen Starts in Gilching. Dann werde eine Servicegebühr von 20 Euro fällig.

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