BerufswahlVom Volljuristen zum Lehrling

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Christian Spielbauer will nicht länger jeden Tag im Büro sitzen.
Christian Spielbauer will nicht länger jeden Tag im Büro sitzen.
Georgine Treybal

Christian Spielbauer ist ein erfolgreicher Anwalt, doch die Arbeit erfüllt ihn nicht. Mit 45 Jahren beschließt der Familienvater aus Gilching, noch mal ganz von vorn anzufangen – in einer Zimmerei.

Von Carolin Fries, Starnberg

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Christian Spielbauer möchte möglichst wenig Arbeitszeit verlieren, die Baustelle muss fertig werden. Das Interview findet deshalb um sieben Uhr morgens statt, danach will er gleich rausfahren zu den Kollegen. Draußen arbeiten, als Team zusammenzuhelfen und mit den eigenen Händen etwas zu schaffen – davon hat der Rechtsanwalt aus Gilching lange geträumt. Im Herbst fängt er nun bei Leopold Göring in Starnberg eine Lehre zum Zimmerer an. Mit 45 Jahren, einer fünfköpfigen Familie, die es zu versorgen gilt und einem Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Dass er mutig ist, das höre er zuletzt immer wieder, erzählt er.

Bereits seit ein paar Wochen arbeitet Spielbauer in dem Handwerksbetrieb als Hilfsarbeiter mit. Noch immer steht er vor sechs Uhr auf, doch anstatt in Hemd und Hose in überfüllten S-Bahnen in die Münchner Innenstadt zu pendeln, zieht er seine Kluft an und fährt mit dem Auto nach Starnberg.

Von dort geht es in Teams auf die laufenden Baustellen. Zu zwölft sind sie hier im Betrieb, Spielbauer ist einer der ältesten – und der unerfahrensten. „Ich fange komplett bei null an“, sagt er und grinst. Man spürt, wie viel Spaß ihm die Arbeit macht und wie er es kaum erwarten kann, dazuzulernen und in der Berufsschule auch die Theorie vermittelt zu bekommen. Was er besonders mag? „Alles.“ Nur alte Dachpappe herunterreißen, das sei keine schöne Arbeit.

Menschen wie Spielbauer, die aus ihrem Beruf wechseln, gibt es im Landkreis Starnberg immer mehr. „Tendenziell stellen wir fest, dass Umschulungen zunehmen“, sagt Markus Mühlberger, Leiter der Agentur für Arbeit in Starnberg. Die meisten Arbeitnehmer seien zwischen 30 und 50 Jahre alt, manche noch älter. Doch für das Handwerk entscheiden sich nur wenige. Gefragt sind eher Berufe, die mehr Lohn und weniger Belastung sowie flexiblere Arbeitszeiten bieten. „Bürojobs“, wie Spielbauer zusammenfasst. Er selbst erlebte das Arbeiten an einem Schreibtisch indes immer mehr als seelisches Gefängnis. Warum er sich damals nach dem Abitur für ein Jura-Studium entschied? „Weil ich nicht wusste, was ich machen sollte.“

Zum Handwerk gab es in der Familie keinen Bezugspunkt, der Vater war Richter. „Seine Erzählungen als Staatsanwalt klangen spannend.“ Also startete Spielbauer nach sieben Jahren Studium und Rechtsreferendariat als Strafverteidiger in einer Kanzlei. Er vertrat Kleinkriminelle und Betrüger, sein Arbeitgeber übernahm viele Pflichtverteidigungen. „Dass man wirklich mal Unschuldige vertrat, war selten“, erzählt Spielbauer.

Im eigenen Haus fängt er mit kleinen Arbeiten an

Weil er nicht „auf der falschen Seite“ stehen wollte, machte er sich nach eineinhalb Jahren selbständig und spezialisierte sich auf Immobilien- und Mietrecht. Das Geschäft lief gut, er musste sich nicht zerreißen. Mit seiner Frau, die als Beamtin in Teilzeit für die Stadt Starnberg arbeitet, kaufte er ein Haus. Alles schien perfekt.

Doch obwohl Spielbauer seine Arbeit „gut konnte“, wie er rückblickend sagt, hat etwas gefehlt. „Erfüllt hat sie mich nie.“ 2019 wechselte er als Syndikusrechtsanwalt in die Rechtsabteilung einer Firma. Nach Feierabend werkelt er am eigenen Haus oder bei Freunden mit. Terrassen anlegen, Betonkanten setzen, Trockenbauwände einziehen – solche Sachen. Dabei merkt er, dass er sich gar nicht so schlecht anstellt. Vor allem aber, wie viel Freude ihm diese Arbeiten machen.

Zimmerer Leopold Göring schätzt eine Mischung in der Altersstruktur bei seinen Lehrlingen.
Zimmerer Leopold Göring schätzt eine Mischung in der Altersstruktur bei seinen Lehrlingen.
Georgine Treybal

Im Herbst vergangenen Jahres hat Spielbauer dann mit seiner Frau gesprochen. „Sie war schon immer der Meinung, dass der Juristen-Beruf nicht zu mir passt.“ Und er besuchte die Ausbildungsmesse in Starnberg, wo er auf Leopold Göring traf. „Ich dachte zuerst, er ist ein Lehrer“, erinnert der sich. Sie kamen ins Gespräch, vereinbarten zwei Tage zum Probearbeiten und verständigten sich danach bei einem Bier per Handschlag darauf, dass Spielbauer einer von vier Lehrlingen sein wird, die im Oktober in der Zimmerei anfangen. Er musste keine Bewerbung schreiben und auch keinen Lebenslauf abgeben. „Er will“, sagt Göring. Das sei entscheidend.

Der Zimmerermeister schätzt eine gemischte Altersstruktur bei den Azubis. Im Herbst werden 14 und 15 Jahre alte Burschen bei ihm in der Werkstatt anfangen – und eben Spielbauer. „Da muss man auch seine Sprache entsprechend anpassen“, weiß Göring aus Erfahrung. In der Pandemie hatte er bereits einmal einen 50 Jahre alten Azubi angestellt. Dass man mit 45 womöglich langsamer lernt, stört ihn nicht. Spielbauer hat schließlich einen Führerschein und jahrelange Berufserfahrung als Jurist.

Der Familienvater sagt, sein Leben habe sich bereits in den wenigen Wochen im neuen Job verändert. „Ich freue mich am Sonntag schon wieder auf die Arbeit.“ Früher habe es das nie gegeben. Klar, die Familie müsse sich die kommenden zwei Jahre sicherlich ein wenig einschränken. „Doch Geld ist nicht alles.“

Finanzielle Unterstützung vom Staat bekommt er nicht

Und natürlich habe man alles mehrfach durchgerechnet. Dass er keinerlei staatliche Unterstützung bekommt, ärgert ihn. Obwohl es doch den Fachkräftemangel gebe. Wäre er arbeitslos, bekäme er Geld. „Der Staat unterstützt die Faulen“, sagt der Gilchinger.

Markus Mühlberger von der Agentur für Arbeit sagt, bei Umschulung während eines Beschäftigungsverhältnisses unterstütze die Arbeitsagentur durch Übernahme der Lehrgangskosten sowie Ausfallzeiten für den Arbeitgeber. Es können je nach Fall zusätzliche Kosten für Fahrten, Kinderbetreuung oder eine Weiterbildungsprämie gezahlt werden. Zu konkreten Einzelfällen kann er sich freilich nicht äußern.

Fakt ist, dass es nicht besonders häufig vorkommt, dass ein Volljurist die Robe an den Nagel hängt, um Nägel in Dachstühle zu schlagen. Aus dem Baugewerbe, der Gastronomie oder aus einer Vertriebstätigkeit würde häufig gewechselt. Und das meist aus den gleichen Gründen: die zu hohe Belastung. Regelmäßig liegen bereits berufsbedingte psychische oder physische Erkrankungen vor. Ob es auch bei Spielbauer so weit gekommen wäre? Er überlegt, dann sagt er: „Ich habe ja vorher die Kurve gekriegt.“

Dafür bekommt Spielbauer viel Bewunderung – vor allem von Menschen, die ebenfalls gern den verhassten Job gegen eine neue Tätigkeit eintauschen würden, aber nicht den Mut oder die passenden Bedingungen vorfinden. Die Eltern des 45-Jährigen haben inzwischen auch akzeptiert, dass der Sohn nicht mehr Anwalt sein will, so Spielbauer. Der Vater habe gescherzt, er werde einen Vaterschaftstest machen – von ihm könne er das handwerkliche Geschick schließlich nicht haben.

Spielbauer sagt, er habe seine Entscheidung nicht einen Tag bereut. Doch jetzt muss er los auf die Baustelle, ein Gartenhaus in Starnberg. Er würde es gern in dieser Woche noch fertigkriegen.

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