So manche Weltneuheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie erstaunlich unspektakulär daherkommt. Nicht immer ist die Innovationskraft auf den ersten Blick zu erkennen. Erst recht bei technologischen Neuerungen blickt der Laie gerne mal ohne große Emotion auf besagte Weltneuheit, während sich die Fachwelt vor Begeisterung überschlägt. So ist das auch am Ufer des Jais-Weihers in Gilching: Rund 50 Fotovoltaik-Module schaukeln auf dem Wasser vor sich hin. Was soll daran schon besonders sein?
Doch die Bedeutung des Projekts ist so groß, dass an einem tristen Novembervormittag eine schwarze Limousine auf dem Kies- und Quetschwerk Jais vorfährt. Ihr entsteigt Hubert Aiwanger, seines Zeichens bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Kurz darauf wird Aiwanger von seinem Rednerpult auf die Anlage auf dem Wasser zeigen und sagen: „Das ist Innovation aus Bayern.“
Und dann hat Aiwanger auch noch einen Preis im Gepäck: Die Firma Sinn Power aus Gauting wird für ihr Projekt auf dem Jais-Weiher, als „Gestalter im Team Energiewende“ geehrt, und der Minister begleitet diese Auszeichnung mit einem verbalen Ritterschlag nach dem anderen: Ein „Paradebeispiel der bayerischen Energiewende“ sei die Anlage, die nach Aiwangers Auffassung eine „Leuchtturmwirkung über die Grenzen des Freistaats hinaus“ entfalten könnte. Klar, es gehört zu Aiwangers Jobprofil, bayerischen Unternehmern zu schmeicheln. Aber so etwas sagt auch ein Wirtschaftsminister nicht alle Tage.
Was also ist das Besondere an der Solaranlage, die einmal knapp zwei Drittel des Strombedarfs im Kieswerk abdecken soll? Zum einen: Sie schwimmt, klar. Zum anderen, und das ist die Besonderheit: Die Panels sind vertikal und in Ost-West-Ausrichtung montiert. Das bei anderen PV-Anlagen übliche Mittagshoch, bei dem so viel Strom erzeugt wird, dass der Preis dafür mitunter negativ wird, kann so umgangen werden und es wird über einen längeren Zeitraum kontinuierlicher Strom gewonnen. Zudem werden die Panels beidseitig genutzt, wodurch mehr als 20 Prozent mehr Energie erzeugt werden kann. „Das ist enorm“, erklärt Geschäftsführer Philipp Sinn. Überhaupt sei die Anlage „was ganz Anderes“ als die Solarmodule, die man von Hausdächern oder Wiesen neben der Autobahn kennt, auf denen die Panels meist horizontal ausgerichtet sind. Insgesamt sollen auf dem Jais-Weiher rund 2500 Solarmodule auf Kunststoffhalterungen montiert werden, die offizielle Eröffnung ist für Anfang 2025 geplant.


Durch die neue Technik der vertikalen Ausrichtung, auf die Sinn Power ein weltweites Patent angemeldet hat, dürften Wasserflächen sich in Zukunft viel besser für die Stromgewinnung durch Sonnenkraft nutzen lassen. Wegen rechtlicher Vorgaben dürfen maximal 15 Prozent der Fläche auf einem Gewässer versiegelt werden. Bei horizontal platzierten Solarpanels war der Flächenbedarf groß, der Ertrag dagegen eher gering. Zudem müssen die Panels 40 Meter Abstand zum Ufer haben. Die Technologie auf Gewässern einzusetzen war aufgrund dieser Gesetzeslage bislang wenig attraktiv. Georg Scheitz, Andechser Bürgermeister und stellvertretender Landrat, spricht bei Aiwangers Besuch deshalb von einem „Meilenstein“.
Der Minister selbst betont bei seinem Abstecher nach Gilching die Bedeutung der verschiedenen Möglichkeiten zur Stromgewinnung. Nur eine Mischung aus Solar- und Windenergie, Biogas, fossiler Energieträger und was es sonst noch alles gibt, könne eine erfolgreiche Energiewende garantieren. „Ich bin ein Freund aller Energieformen, die halbwegs vernünftig sind“, sagt Aiwanger. Fotovoltaik gehöre da „allemal dazu“. Erst recht, wenn die Installation der Anlagen so problemlos läuft wie in Gilching. Das Starnberger Landratsamt hat das Vorhaben zwar geprüft, die Genehmigung dann aber so schnell erteilt, dass Sinn und auch der Minister fast ein wenig überrascht sind.
Auch mit Blick auf das Wahlergebnis in den USA müsse der deutsche Staat Unternehmern wieder mehr Dinge ermöglichen. Projekte wie die schwimmende Solaranlage auf dem Jais-Weiher seien schon auch irgendwie „eine geistige Antwort“ auf Trump, befindet Aiwanger. Auch Philipp Sinn, der Geschäftsführer, betont, man müsse angesichts der politischen Entwicklungen jenseits des Atlantiks wieder mehr auf eigene Technologien setzen und hält fest: „Wir brauchen Innovation aus Bayern.“

