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Gilching:Schuberts späte Dramen

Florian Prey (Bariton) und Wolfgang Leibnitz (Klavier) nahmen die Zuhörer im Gymnasium Gilching mit in Schuberts fein differenzierten Liedkosmos.

(Foto: Arlet Ulfers)

Kunstforum Gilching präsentiert spannungsreichen Liederabend

Von Reinhard Palmer, Gilching

Franz Schubert ist bis heute zweifelsohne der König des Kunstliedes. Das langjährig aufeinander abgestimmte Duo Florian Prey (Bariton) und Wolfgang Leibnitz (Klavier) nahm sich erneut "Die schöne Müllerin" von 1823 und den 1827 entstandenen Liederzyklus "Die Winterreise" vor, präsentiert in der Aula des Gilchinger Gymnasiums und zu Gast beim Kunstforum vor einem reduzierten, auf Corona-Abstand zueinander gesetzten Publikum. Eine dem intimen Lied eher wesensfremde Situation, entstammt es doch gerade bei Schubert der privaten Sphäre kleiner Salons, in denen sich die Zuhörer eng um den Flügel herum scharten.

Prey und Leibnitz ließen sich von dieser weiträumigen Verteilung nicht irritieren und blieben dem Genre treu. Es mutete zunächst zu leise und in den musikalischen Gesten zu klein gedacht an, doch schon nach wenigen Notenzeilen war man in Schuberts fein differenziertem Liedkosmos gefangen. Wie keinem anderen Komponisten gelang es Schubert, die vielen Stimmungsnuancen der Lyrik musikalisch überaus stimmig umzusetzen. Wilhelm Müller hatte die Gedichte nicht als einen Zyklus geschrieben: Je zwölf gehören zwei verschiedenen Veröffentlichungen an. Daran, das Schubert die Reihenfolge der Gedichte nachträglich änderte, als er sich nach zwölf Liedern entschloss, weitere zwölf hinzuzufügen, ist seine Bemühung um eine dramaturgische Linie und einen inhaltlichen Zusammenhang - so auch in motivischen Querverweisen - abzulesen. Es gehört extreme Sorgfalt dazu, diesen Entwicklungen in der Interpretation gerecht zu werden. Prey und Leibnitz behielten denn auch stets den Gesamtbogen im wachsamen Auge, ließen sich nur sparsam auf große, hymnische Zäsuren ein, legten indes viel Hingabe in das minutiöse Changieren zwischen mysteriösen, tragisch-düsteren, heiteren und sorglosen Stimmungen hinein. Müller war bereits schwer erkrankt, als Schubert seine Gedichte vertonte, und starb mit 32 Jahren kurz vor Vollendung des Zyklus. Vermutlich erfuhr er nie von der Vertonung. Schubert starb ein Jahr später 31-jährig.

"Die Winterreise" entstand unter keinen glücklichen Umständen, ist daher auch eher eine schattige Angelegenheit. Zudem hatte Müller in seinen Gedichten keine Idyllen im Sinn. Umso wirkungsvoller die wenigen Oasen der Seligkeit, die Prey und Leibnitz aus einigen Liedern mit lieblicher Zartheit herausarbeiteten. So auch das Volkslied "Der Lindenbaum", das sich in frischen Tönen färbte. Aber auch dieses scheinbar so harmlose Gedicht hat seine dramatischen Verse, die dem Lied Verdichtung und Intensivierung bescherten, bevor schließlich die letzte Strophe versöhnlich berührte.

Ein Spannungsbogen, der in den Liedern immer wieder bestimmend war, so etwa deutlich ausgeprägt in "Frühlingstraum", wo das Duo des Abends mit frischfarbiger Leichtigkeit einstieg, um nach zweimaliger verdunkelter Dramatisierung in einem sinnierenden Schluss auszuklingen mit der sehnsuchtsvollen Frage: "Wann hält' ich mein Liebchen im Arm?" Die Lieder der Winterreise sind schon kleine Dramen, zumindest unterschwellig. In "Der Leiermann" entschwand der Zyklus dann schließlich homogen ins Rätselhafte.

© SZ vom 21.09.2020

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