Es surrt und brummt. In der Drehbank rotiert ein Stück Olivenholz. Günther Schmid steht davor und bearbeitet die Oberfläche mit einem Schneidemesser. „Das wird eine Pfeffermühle für meine Tochter“, erklärt er. Den Einsatz hat er schon bestellt. Neben ihm arbeitet Konrad Hötschl an einer zweiten Drehmaschine. Er drechselt ein Bein für ein Globusgestell. „Den Globus habe ich auch selbst gemacht“, sagt er stolz. Hinter den beiden steht ein Regal mit fertigen Stücken: Nussknacker, Schalen, Kerzenständer, Figuren. Allesamt Produkte der Offenen Werkstatt Gilching, die viele Menschen wie Schmid und Hötschl anzieht, die gerne etwas schaffen möchten. „Wir haben mit einer Drehbank begonnen. Mittlerweile haben wir vier“, sagt Sonja Gaja, Vorsitzende des Vereins „Ausgepfuscht“, der die Offene Werkstatt betreibt.
Ein paar Schritte weiter faltet Wilma Glüpken in der Nähstube bunte Decken auseinander. „Das sind Demenzdecken“, erklärt sie. Auf die bunten Stoffe hat sie Reißverschlüsse, Knöpfe und Bänder genäht – Dinge zum Fühlen und Greifen. Ein Seniorenheim hat bereits Interesse angemeldet. Wilma Glüpken ist neu in Gilching (Landkreis Starnberg). In der Offenen Werkstatt hat sie Anschluss gefunden. Jetzt sucht sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter für das Projekt „Demenzdecken“. Nähmaschinen, Stoffe und Nähartikel stehen bereit.
Wer durch die Offene Werkstatt im alten Apothekerhaus an der Römerstraße 28 geht, stößt auf die unterschiedlichsten Gewerke. Holz, Metall, Stoff, Kunststoff, Elektronik. Überall wird gesägt, geschliffen, programmiert, konstruiert, genäht. Vor vier Jahren bekam der Verein die ehemalige Apotheke von der Eigentümerin Raiffeisenbank zur Zwischennutzung. Unter den Mitgliedern und den Besuchern sind neben Handwerksmeistern, Technikern, IT-Fachleuten, einer Schneidermeisterin und einer Entwicklungsingenieurin viele Laien, die bei null anfangen. Schmid lacht: „So wie ich.“
Die Offene Werkstatt lebt vom Miteinander. Wer etwas nicht kann, fragt. Wer sich auskennt, erklärt. Mit handwerklichem Können könne man sich unabhängig machen, weiß Gaja. Und Reparieren ist nachhaltiger als Wegwerfen. Deshalb kooperiert die Werkstatt mit dem Repair-Café. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule gab es schon Kurse im Schweißen und im Drechseln. Regelmäßig treffen sich zudem Interessierte im PC-Raum, um Fragen zur Software für 3D-Drucker, CNC-Fräse oder zur Bestickungsmaschine zu klären.

In der Metall- und Holzwerkstatt setzt Herbert Gebauer einen Kunststoff-Fensterrahmen an die Bandsäge. „Ich mache ihn passend, weil er zu breit ist. Das ist viel billiger als eine Maßanfertigung zu bestellen“, sagt er und startet die Säge. Alex Krautlager schleift an einem Holzstück. „Für mich ist das Handwerkliche ein Ausgleich zur Arbeit“, sagt er. Dort sitze er den ganzen Tag am Computer. Neben ihm misst ein Vereinsmitglied mit dem Zollstock eine Wand aus. Krautlager baut eine Konsole für Schlüssel. In einer gemeinschaftlich genutzten Werkstatt müsse alles einen festen Platz haben. Ein Köcher für Bleistifte hängt bereits – gefertigt in der 3D-Werkstatt.
Sicherheit hat Vorrang. Für jedes Gewerk steht ein Ansprechpartner bereit und gibt Einweisungen. Kreissäge, Bandschleifer, Folienplotter, Lasercutter, eine Schleifmaschine für Messer: Kaum ein Werkzeug oder Gerät fehlt in der Offenen Werkstatt. Viele sind Spenden aus Werkstattauflösungen oder Scheunenfunde. „Dann wird erst mal entrostet, abgeschmiert und repariert“, sagt Gerald Freundl vom Vorstand des Vereins. Und Werkstattleiter Markus Gaja freut sich: „Wir sind besser ausgestattet als jede private Werkstatt.“ Der gelernte Automechaniker, Berufsschullehrer und leidenschaftliche Bastler hatte die Idee für die Offene Werkstatt in Gilching.

Im Keller ist die Fahrradwerkstatt. Hier zählt der Recycling-Gedanke. Wer sich eines der gespendeten Räder herrichtet, kann es mitnehmen. „Das werden prima Bahnhofsräder“, freut sich Sonja Gaja. Zwei Männer beugen sich im Elektronikraum über Kabel, Platinen und Schrauben: das Innenleben eines Hoverboards. Freundl schließt ein Diagnosegerät an. Es piepst schrill. Sascha Vasyliskoc nickt. Der 80-Jährige stammt aus der Ukraine und hat dort als Elektriker gearbeitet. Deutsch spricht er kaum. Die Verständigung läuft über das Fachliche. Gemeinsam mit anderen hat er die Haustechnik im alten Gebäude erneuert. Wie ihm die Werkstatt gefällt? „Super“, sagt Vasyliskoc und streckt beide Daumen nach oben. Freundl lacht: „Seit er hier ist, hat er kein Heimweh mehr.“
Die Offene Werkstatt ist ein Provisorium. Mittelfristig soll das Gebäude abgerissen werden. Der Verein sucht deswegen neue Räume mit mindestens 150 Quadratmetern Fläche. Das alte Apothekerhaus wird derweil auffällig bunt. Damit mehr Menschen überhaupt wahrnehmen, was hier passiert, gestaltet Streetart-Künstler Melander „Lando“ Holzapfel die Fassade und verwandelt das Haus in ein farbiges Bild.
Geöffnet ist die Offene Werkstatt für alle kostenfrei montags von 18 bis 21 Uhr und donnerstags von 17 bis 20 Uhr. Kinder bis 16 Jahre können in Begleitung mitmachen. Die Werkstatt finanziert sich über die Beiträge der rund 50 Mitglieder, Spenden und Förderungen. Weitere Informationen unter www.offene-werkstatt-gilching.de.

