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Gilching:Missionar an der Orgel

Der Organist, Dirigent und Chorleiter Roberto Seidel tritt die Nachfolge von Markus Schwaiger als Kirchenmusiker von St. Sebastian an.

(Foto: Eduard Fuchshuber/oh)

Roberto Seidel tritt am Sonntag seinen Dienst als neuer Kirchenmusiker von St. Sebastian an - mit einem Livestream-Gottesdienst. Er will mit geistlicher Musik christliche Glaubensinhalte vermitteln

Der neue Kirchenmusiker von St. Sebastian, Roberto Seidel, tritt seinen Dienst zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt an: Der deutsch-italienische Dirigent, Chorleiter und Organist wirkte zwei Jahrzehnte lang an der Stadtpfarrei Maria vom Guten Rat in München-Schwabing. Anfang April wechselt er nach Gilching und wird die nächste Zeit erst mal in leeren Kirchen stehen, denn wegen der Corona-Krise fallen alle Gottesdienste aus. Die SZ sprach mit dem 60-Jährigen, der noch in Schwabing wohnt.

SZ: Die Situation ist vertrackt: Sie treten Ihren Dienst an, ohne ihn richtig antreten zu können, oder?

Roberto Seidel: Ich kann meinen Dienst unter anderen Vorzeichen antreten. Wegen der Corona-Krise bin ich mit Pfarrer Franz von Lüninck im Gespräch, wir planen, einen Gottesdienst live zu streamen. Das wollen wir schon diesen Sonntag machen. Ich trete meinen Dienst zwar eigentlich erst am 1. April an, aber ich bin jemand, der gerne früher dran ist. Deshalb habe ich seit Januar mit dem Chor von St. Sebastian geprobt: die Missa solemnis brevis in C des Salzburger Komponisten Johann Ernst Eberlin. Und die Orgeln in den drei Kirchen der Gemeinde kenne ich auch schon, weil ich seit Januar regelmäßig zwischen Gilching und Schwabing hin und her fahre.

Aber noch wohnen Sie in München?

Ja, ich ziehe erst am 6. April nach Geisenbrunn um.

Warum wechseln Sie überhaupt nach Gilching?

Ich habe von 2000 bis 2012 mit Pfarrer Franz von Lüninck in der Stadtpfarrei Maria vom Guten Rat sehr erfolgreich zusammengearbeitet, wir sind nach seinem Weggang in freundschaftlicher Verbindung geblieben. Nach dem überraschenden Tod meines Vorgängers Markus Schwaiger habe ich mich in Gilching beworben. Ich wollte wieder mit Pfarrer Franz von Lüninck zusammenarbeiten und aufs Land hinaus. Es gab für diese hauptamtliche Stelle mehrere Bewerber.

Wenn man Ihre Vita liest, hat man den Eindruck, dass Sie völlig überqualifiziert sind für die Stelle. Nach dem Studium in München und Salzburg arbeiteten Sie unter anderem als Gastdirigent des Münchner Bach-, des Oratorien und NDR-Chors. Sie waren Chordirektor des Metropoltheaters in Berlin und leiteten das Symphonieorchester Stadtbergen. Und Sie haben, was auch nicht selbstverständlich ist, zeitgenössische Musik erst- und uraufgeführt.

Das werde ich in Gilching genauso fortführen. Es wird ein vielfältiges Musikleben im Gottesdienst und für den konzertanten Bereich geben. Ich bin ja Deutsch-Italiener und habe viele persönliche Verbindungen zu Musikern. Deswegen werden neben deutschen auch zeitgenössische italienische Komponisten hier aufgeführt werden. Einer davon ist Roberto Brisotto, der als Maestro del coro, also als Chorleiter, an der Kathedrale San Giusto in Triest wirkt. Ein fabelhafter Komponist. Es wird Orchester-, Chor und Orgelkonzerte geben, Liederabende mit den Gesangssolisten und Kammermusik, wobei ich selbst als Cembalist und Pianist mitwirken werde. Für die Festmessen und Konzerte werde ich ein Orchester mit ganz unterschiedlicher Besetzung aufbauen. Engagierte Amateurinstrumentalisten werden mit in Gilching und Umgebung wohnenden Profimusikern musizieren.

Klingt ganz so, als sollte Gilching das Zentrum der Kirchenmusik im Landkreis werden?

Das ist der Plan. Schließlich kann die Musik die emotionale Seite des Hörers ansprechen und die geistliche Musik auch Inhalte des christlichen Glaubens vermitteln. Darum geht es uns ja gerade in einer Zeit, da die kirchliche Bindung deutlich schwindet. Es ist also auch eine missionarische Handlung mit der Musik verbunden.

Noch ist ja unklar, wann Sie mit diesen Plänen durchstarten können. Was machen Sie in der Zwangspause?

Ich werde mit den Chormitgliedern und den Orchestermusikern in Verbindung stehen, per E-Mail oder Post, damit die Sänger und Instrumentalisten ihre Partien beziehungsweise Stimmen zuhause lernen können. Ich muss die Partituren und die Orchesterstimmen einrichten, und ich komponiere selbst für die Liturgie. Ein Kinderchor soll neu aufgebaut werden, außerdem bereite ich noch das Projekt "Singen und Musizieren für Kinder und Eltern" vor. Und Pater Norbert Becker aus Steinerskirchen, Priester und ebenfalls Komponist, wurde von mir eingeladen, das neue geistliche Lied für die Liturgie vorzustellen.

Die Gottesdienste in der Karwoche und an Ostern sollen per Livestream auf dem Youtube-Kanal der Gilchinger Pfarrgemeinde St. Sebastian zu sehen sein. Die erste Übertragung ist voraussichtlich bereits an diesem Sonntag, 29. März, 10 Uhr.

© SZ vom 28.03.2020

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