Süddeutsche Zeitung

Gilching:Immer unterwegs mit Rotkäppchen

Das unstete Leben der Puppenspielerfamilie Maatz ist schwierig, hat aber auch seinen Reiz. Derzeit gastiert das Marionettentheater auf dem Festplatz in Gilching.

Der Riese wird an diesem Montag aus der Kiste geholt. Die Marionettenpuppe für das Stück "Kasperle und der Riese" ist schwer. Die Puppenspieler Tanja und Simon Maatz haben zwar den korpulenten Leib der kleinkindgroßen Figur aus leichtem Schaumstoff gestaltet, doch die geschnitzten Holzgliedmaße und der gewaltige Kopf wiegen mehrere Kilogramm. "Das geht ganz schön in die Arme", erklärt Tanja Maatz. Ihr Mann muss das Fadenkreuz mit den vielen Schnüren in der ausgestreckten Hand halten und mit der anderen Hand die Fäden ziehen, um die Puppe in Bewegung zu bringen. Seit Freitag gastiert die Familie Maatz auf dem Festplatz im beheizten "Märchenschloss". An diesem Montag um 16 Uhr ist die letzte Stück Vorstellung zu sehen. Dann geht es weiter nach Pasing und danach nach Geretsried.

Die Maatzens stammen beide aus traditionellen Puppenspielerfamilien. Urgroßvater Alois Maatz hat 1798 im Riesengebirge mit dem Puppenspielen begonnen. Einige der Figuren sind 85 Jahre alt, viele der rund 200 ausdrucksvollen Marionetten hat der Großvater selbst geschnitzt. Manche gibt es doppelt, "aber mit unterschiedlichen Kleidern", berichtet Tanja Maatz, die eigentlich mit Handpuppen begonnen hatte. Auf einem Festival hat sie ihren Mann kennengelernt und dann auf Marionetten umgesattelt.

Mittlerweile reisen die beiden seit gut 20 Jahren durch den Großraum München. Zusammen mit ihren drei Kinder im Alter von 18, 17 und neun Jahren leben sie in geräumigen Wohnwagen. "Jedes Kind hat seinen eigenen Wagen", erklärt die Mutter. Im Durchschnitt bleibt die Familie eine Woche lang an einem Platz. Der kleine Angelo besucht allwöchentlich eine andere Klasse. "Ich achte aber darauf, dass er jedes Jahr in die gleiche Schulklasse geht", sagt Mutter Maatz. So sieht er seine Schulkameraden an den verschiedenen Orten wenigstens einmal im Jahr. Platzwechsel, Aufbau, Plakate und Werbung verteilen, vier bis fünf Vorstellungen an unterschiedlichen Tagen, Abbau. So sieht das Leben der Puppenspieler aus. "Ich möchte gar nichts anderes machen. Man kommt viel rum und lernt so viele Menschen kennen", erklärt Simon Maatz. Auch den großen Kindern gefällt das unstete Leben. Seit Jahren spielen sie - genauso wie Angelo - bei den Stücken mit. Jetzt wollen sie eine Marionettentheaterausbildung machen, um neue Ideen mitzubringen und dann in den elterlichen Betrieb einzusteigen.

Das Puppenspielerleben ist schwierig, "wir können aber davon leben", erklärt Tanja Maatz. Sie hat festgestellt, dass es vielen Eltern wichtig sei, ihren vom Medienkonsum oft überfrachteten Kindern das traditionelle Marionettentheater nahe zu bringen. "Oft werden wir schon im Herbst angerufen, wann wir endlich wieder kommen", sagt Simon Maatz. Sein Stammpublikum besucht schon mal alle Vorstellungen. Auch in Gilching sind einige Kinder mehrmals gekommen, um sich Rumpelstilzchen, Rotkäppchen und den gestiefelten Kater anzuschauen. "Wir halten uns bei den Märchen an die Vorlagen", erklärt Tanja Maatz; allerdings werden die grausamen Stellen in den Märchen abgemildert. Während sich das Marionetten-Rumpelstilzchen bei Großvater Maatz noch selbst in Stücke reißen konnte, fliegt das moderne Rumpelstilzchen einfach senkrecht nach oben davon.

Im Gegensatz zu früher wird die Bühnenshow heute mit Lichteffekten und Nebelmaschine aufgepeppt. Mit großen Augen verfolgen die Kinder, wie das Rumpelstilzchen ein echtes Feuer auf der Bühne entfacht, sie lassen sich auf Zwiegespräche mit dem alten Griesgram ein und werden in das Geschehen eingebunden. Nur ein paar ganz ängstliche Kinder verlassen die kleinen Stühlchen vor der Bühne und klettern den weiter hinten im Zuschauerraum sitzenden Eltern auf den Schoß.

Nach dem Märchen zeigen die Marionettenspieler in einer Magic-Marionettenshow ihre ganze Fingerfertigkeit. Statt den neun Fäden haben die Tanzpuppen bis zu 15 Fäden. "Da können auch Mund und Augen bewegt werden", sagt Maatz. Eine Samba-Tänzerin lässt die Hüften kreisen und der Mexikaner, der auf einem Muli auf die Bühne geritten kommt, zieht sich sogar aus. "Die Erwachsenen sollen schließlich auch auf ihre Kosten kommen", schmunzelt Simon Maatz. Am Schluss gibt es ein gemeinsames Fotoshooting auf der Bühne mit den Kindern und den Puppen.

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Quelle:
SZ vom 27.05.2013
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