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Gilching:Haus ausgebrannt: Dieser Chef gewährt seinem Mitarbeiter Unterschlupf

Ein kaputter Mehrfachstecker hat das Feuer verursacht. Getränkehändler Hermann Stummer zögert nicht, seinen Fahrer Chousein Binel und dessen Familie ins Haus seiner Frau einziehen zu lassen.

Der kleine drahtige Mann sitzt neben seinem Chef Hermann Stummer im Büro auf dem Sofa und wirkt vergnügt. Chousein Binel hat sein Lachen wieder. Vor nicht einmal sechs Wochen brannte sein Haus, das Wohnzimmer verschmorte, die Haustiere starben, Möbel, Kleidung, alles weg. Der Schaden liegt im sechsstelligen Bereich. Trotzdem erschien der 41-jährige Familienvater schon am nächsten Tag pünktlich zur Arbeit beim Getränkehandel in Gilching. Der Mann ist eben zuverlässig. So zuverlässig, dass sein Chef Hermann Stummer der ganzen Familie Binel Unterschlupf gewährt.

Ein fürsorglicher Chef und sein engagierter Mitarbeiter: Getränkehändler Hermann Stummer (re.) und Fahrer Chousein Binel.

(Foto: Arlet Ulfers)

Am Nachmittag des 6. November brach das Feuer in dem Haus in Wiesmath bei Gilching aus, als niemand daheim war - wegen eines Defekts an einer Steckdosenleiste hinter der Wohnzimmercouch. Die vier Papageien verbrannten und die beiden Mischlingshunde Arapina und Body erstickten im dichten Qualm, sie hatten keine Chance. Binel zückt sein Handy und zeigt das verrußte Wohnzimmer, die verschmorten Käfige und die Hunde auf dem Teppich. Die Möbel sind zerstört und Kleidung ist verbrannt. "Es war schrecklich", berichtet der Gilchinger, der mit seiner gehörlosen Frau und den drei Kindern plötzlich obdachlos wurde und nun auch einen Schaden von 300 000 Euro am Hals hat. Und das nur ein Jahr, nachdem das Hausdach wegen Sturmschäden aufwendig renoviert werden musste. Auch den Zaun hatten damals die Orkanböen demoliert.

Glücklicherweise konnte die Gilchinger Feuerwehr beim Brand am 6. November das Haus retten. Innen jedoch sind die Schäden stellenweise groß.

(Foto: Feuerwehr Gilching/oh)

Doch die Familie hatte nach dem Brand Glück im Unglück: Denn Getränkehändler Stummer bot seinem fleißigen Mitarbeiter spontan an, in das Haus zu ziehen, das seiner Frau gehört. Das Anwesen befindet sich ganz in der Nähe der Gilchinger Feuerwehr, erzählt Stummer und schmunzelt: "Sicher ist sicher." Binel ist für diese Hilfe sehr dankbar. Er ist auch froh, dass die Feuerwehrleute sein Einfamilienhaus in dem entlegenen Weiler wenigstens vor der kompletten Zerstörung noch retten konnten. Es war ein glücklicher Zufall, dass erst kurz zuvor die Mieter der unteren Etagen des Stummer-Hauses ausgezogen waren und die Brandopfer dort unterkommen konnten.

Zunächst hieß es, für einige Wochen oder Monate. Jetzt wird es aber wohl noch ein Jahr dauern, bis die Binels wieder in ihr Haus nach Wiesmath zurückkehren können. Es muss aufwendig saniert werden, damit die Schadstoffe im Gebäude vollständig beseitigt sind. Zudem muss ein Gutachten erstellt und Versicherungsleistungen abgeklärt werden.

Der 41-jährige Familienvater schaut seinen fürsorglichen Arbeitgeber von der Seite an, der ihm die Obhut gegeben hat - und auch die Geduld aufbringt, der Familie weiterhin die Unterkunft zu gewähren. "Ich habe noch nie einen Mitarbeiter in meiner Firma gehabt, der so viel Freude ausstrahlt", betont Stummer und fasst seinem Ausfahrer an die Schulter. Dem Unternehmer war es wichtig, dass sein Mitarbeiter nach dem Hausbrand zur Ruhe kommt. Stummer scheint es geschafft zu haben. Man meint fast, die beiden Männer kennen sich schon ewig und sind dicke Freunde seit Kindheitstagen. Dabei ist Binel vor mehr als 20 Jahren aus Griechenland eingewandert, erst seit April ist er bei dem Fachhändler beschäftigt. Der 41-Jährige hatte sich auf eine Stellenanzeige beworben und wurde sofort genommen. Stummer hat es keine Sekunde bereut. "Auch bei den Kunden habe ich eine positive Resonanz", sagt der 54-jährige Gilchinger. Er könne obendrein nicht erkennen, dass sein Ausfahrer nach dem Brandfall, dem Schock und den vielen Sorgen in seinem Arbeitseifer nachgelassen habe. Und den Humor hat Binel offenkundig auch nicht verloren. Allerdings, wenn er an Weihnachten denkt, wird ihm mulmig. "Wie verdrängen noch Heiligabend, meine Frau weint, wenn es darum geht", erzählt er. Ob sie sich wieder Haustiere anschaffen, wissen sie noch nicht. Jetzt schaut Binel kurz auf die Uhr. Er streift seine gelbe Weste über, eilt hinüber zum Transporter und setzt seine Tour fort. Er will keine Sekunde zu spät bei den Kunden sein, die Getränkekisten bestellt haben.