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Ausstellung in Gilching:Abgestempelt als Unmenschen

Das Christoph-Probst-Gymnasium zeigt judenfeindliche Postkarten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, latenten Antisemitismus zu erkennen.

Von Kathrin Haas

Im Geschichtsunterricht der 8f werden heute keine Bücher gewälzt. Stattdessen liegen aktuelle Poster und Fotos auf den Schultischen verteilt. Darauf ist ein Davidstern mit dem Schriftzug "ungeimpft" zu sehen. Eine Schülerin kommt schnell zu dem Schluss: "Corona wird hier benutzt, um Judenhass zu schüren." So setzt ein Symbol, das Impfgegner bei Corona-Demos tragen, um sich mit den Opfern des Völkermords zu vergleichen, das Thema der Geschichtsstunde in einen aktuellen Kontext: Es geht um Antisemitismus.

"In meinem Unterricht muss immer ein Lebensweltbezug her", sagt Melanie Rossi. Dem Engagement der Gilchinger Geschichtslehrerin ist es zu verdanken, dass dem Christoph-Probst-Gymnasium noch bis zum 8. Dezember die Wanderausstellung "Abgestempelt! - Judenfeindliche Postkarten" von der Bundeszentrale für politische Bildung kostenfrei zur Verfügung steht. Die meisten Postkarten auf den 20 Tafeln der Ausstellung stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und zeigen, wie scheinbar harmlose Stereotype häufig in blanken Hass und übelste Diffamierung ausarten können. "Das verdeutlicht, wie weit Alltagsrassismus bereits im 19. Jahrhundert verwurzelt war. Das ist keine Erfindung der Nazis. Man konnte seine Parolen verbreiten, ohne sich dafür zu schämen", erklärt die Lehrerin. Leonie und Antonio aus der 8f erstaunt am meisten, "dass Juden als Tiere dargestellt wurden" - "und das ist gar nicht lange her", ergänzt Mitschülerin Asha.

Postkartenausstellung mit judenfeindlichen Motiven am CPG

Schülerinnen der Klasse 8f am Gilchinger Gymnasium sichten Bilder mit antisemitischen Motiven.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Mit den Acht- bis Zwölfklässlern gehe man systematisch in die Ausstellung, so Melanie Rossi, das Hauptanliegen sei die Aufklärung. Coronabedingt dürfen keine externen Gäste, sondern nur Schüler derselben Klasse zeitgleich den Ausstellungsraum betreten. Da momentan keine Exkursionen und viel Frontalunterricht stattfinde, komme die Ausstellung gerade recht, findet Geschichtsreferendar Johannes Rohrmaier. Sie eigne sich für sogenannten Kompetenzunterricht, der darauf ausgelegt sei, dass sich Schüler den Stoff selbst erarbeiten. "Man versetzt sie dadurch in die Lage, selbst ein Urteil zu fällen", sagt der angehende Lehrer.

In der 8f sei schon Vorwissen zum Antisemitismus vorhanden, jedoch meist "diffus", und müsse noch geordnet werden, so Rossi. "In Geschichte sind wir gerade erst bei Napoleon", sagt die 13-jährige Lena. Wer Christoph Probst war, weiß sie trotzdem: "Er war Mitgründer der Weißen Rose und hat mitgeholfen, Flugblätter zu gestalten" - "und wurde von den Nazis hingerichtet", fügt ihre Klassenkameradin Lotte hinzu. Der Geburtstag des NS-Widerstandskämpfers und Namenspatrons des Gilchinger Gymnasiums am 6. November bietet jährlich Anlass, um an den couragierten Murnauer zu erinnern.

Postkartenausstellung mit judenfeindlichen Motiven am CPG

Die Ausstellung "Abgestempelt - Judenfeindliche Postkarten" ist bis 8. Dezember an der Schule zu sehen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Da rassistische Tendenzen in der Gesellschaft zunehmen und nicht zuletzt die Pandemie als Plattform genutzt werde, um eben diese zu verbreiten, sei gerade jetzt Aufklärung über Antisemitismus wichtig, sagt Schulleiter Peter Meyer. "Die Schüler sollen ein Gespür dafür bekommen, auf welchen Ebenen rassistische Propaganda agieren kann." Zwar spielen Postkarten für die junge Generation kaum mehr eine Rolle, jedoch könne man die Funktionsweise auf Liedtexte oder Beiträge in sozialen Netzwerken übertragen und subtilen Rassismus als solchen erkennen. Meyer erklärt, man wolle die Gilchinger Schüler zu Demokraten mit Zivilcourage erziehen, ihnen Argumentationsmuster mit auf den Weg geben. "Wo Unrecht geschieht, muss die Stimme erhoben werden", sagt Meyer.

Als Ersatz für die Vernissage, die aus Infektionsschutzgründen entfallen musste, ist eine Feier im Frühjahr geplant, auf der von Schülern gestaltete, antirassistische Postkarten prämiert werden sollen. Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, und Julie Grimmeisen, akademische Leiterin im Münchner Generalkonsulat des Staates Israel, haben ihre Teilnahme zugesagt.

© SZ vom 28.11.2020
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