Süddeutsche Zeitung

Veranstaltung in Gilching:Schlange stehen für Geothermie

Das Interesse an der Erdwärme-Technologie ist seit dem Krieg in der Ukraine immens. Das zeigt auch ein Informationsabend mit mehr als 200 Zuhörern in Gilching. Dabei geht es auch um Preise und Terminpläne.

Von Michael Berzl

Jetzt pressiert es mit der Geothermie. Viele Hausbesitzer aus Gilching können es gar nicht mehr erwarten, bis sie endlich mit Erdwärme heizen können und damit unabhängig werden von Gas und Öl, das momentan so teuer ist wie nie zuvor. Gerade entsteht also so etwas wie ein Gedrängel um die besten Plätze im Zeitplan der örtlichen Gemeindewerke. Sichtbar wurde das bei einem Informationsabend am Dienstag im Rathaussaal, zu dem mehr als 200 Zuhörer gekommen waren. Die Sitzplätze reichten nicht aus, einige Menschen mussten im Foyer stehen.

Die ersten 370 Hausanschlüsse sollen im Jahr 2025 am Netz sein, kündigte Jan Haas an, der bei den Gemeindewerken für das Projekt Fernwärme zuständig ist. Pro Jahr könnten etwa 100 dazu kommen. "Möglichst schnell, möglichst viel", versprach Haas. Noch mehr neue Anschlüsse seien aber aus technischen und wirtschaftlichen Gründen kaum machbar - auch, wenn die Nachfrage höher sei, so Haas.

Der Anschluss für ein Einfamilienhaus kostet 13 000 Euro

"Wir sind mit einem Interesse konfrontiert, das wir so nicht erwartet haben", sagte Haas bei dem Infoabend. "Es hat ja niemand damit gerechnet, dass ein Herr Putin die Akquise für uns macht." Gemeint sind damit der Krieg Russlands gegen die Ukraine und seine Auswirkungen auf die Energiebranche. Öl und Gas sind erheblich teurer geworden, selbst die Preise für Holzpellets sind um ein Vielfaches gestiegen. Deshalb ist Geothermie so attraktiv wie nie. Die Wärme aus der Tiefe ist immer lieferbar, wenn sie erst einmal erschlossen ist. Zudem gibt es keinen Ölgeruch im Haus, der Kaminkehrer muss nicht mehr kommen. Und es kann kaum etwas kaputt gehen. Eine Frage steht deshalb für viele Eigentümer von Immobilien im Vordergrund, die auch bei dem Informationsabend immer wieder gestellt wurde: Wann komme ich mit meinem Haus an die Reihe?

Wie groß das Interesse ist, zeigte schon eine Fragebogenaktion im Bereich an der Landsberger Straße. Rund 270 Fragebögen wurden dort laut Haas verschickt - etwa 170 Menschen hätten geantwortet, dass sie gerne dabei wären. Beim Infoabend kam immer wieder die Frage auf, wie wahrscheinlich es ist, dass diese oder jene Straße relativ bald dran ist. Teilweise werden die Anwohner von Nebenstraßen mobilisiert, damit es für die Gemeindewerke attraktiver wird, auch dorthin eine Leitung zu verlegen. Je mehr Interessenten, desto besser die Chancen.

Geplant ist, dass mitten im Unterbrunner Holz, ganz nah beim Sonderflughafen Oberpfaffenhofen, aber noch auf Gautinger Gemeindegebiet, fast 3000 Meter in die Tiefe gebohrt wird, wo fast 100 Grad Celsius heißes Wasser zu finden sein soll. Von dort aus soll einmal ein Fernwärmenetz Gilching und Gauting, den Flughafen und die Gemeinde Weßling versorgen. Der Weg ist allerdings noch weit, bis dort überall mit Geothermie geheizt werden kann, es dauert wohl noch Jahre. Der Zeitplan sieht vor, dass Anfang 2024 gebohrt wird, im Winter 2025/2026 soll dann erstmals die Erdwärme genutzt werden können. So kündigte das Patrick Schulte-Middelich an, der in der Asto-Gruppe seines Vaters Bernd Schulte-Middelich für das Projekt zuständig ist.

Bis in ein paar Jahren die Wärme aus der Tiefe zur Verfügung steht, produziert übergangsweise eine Pellet-Heizung am Rand von Argelsried heißes Wasser. Die Anlage in blauen Containern läuft schon, die Betriebe im Gewerbegebiet-Ost und einzelne Häuser sind bereits angeschlossen. Und das ist erst der Anfang: Derzeit werden in Teilen von Gilching die gut gedämmten Rohre für die Fernwärme verlegt. Gebaut wird gerade in Bereichen an der Landsberger Straße, in einem weiteren Bauabschnitt folgen dann Sonnenstraße, Starnberger Weg und Karolinger Straße.

Ein ganzes Firmengeflecht ist an dem Projekt beteiligt

An dem Geothermie-Projekt ist mittlerweile ein ganzes Geflecht von Firmen und Kommunen beteiligt. Außer der Asto-Gruppe spielt eine Ausgründung der Silenos Energy mit Sitz in Köln die wichtigste Rolle. Das Unternehmen ist eine Tochter der österreichischen Firma Strabag. Die Heizwerk Management GmbH aus München ist dabei, die Betreiber des Flughafens sind im Boot sowie die Gemeinden Weßling, Gilching und Gauting. Die Gautinger wiederum arbeiten mit der KWA zusammen, die zu den Stadtwerken Schwäbisch Hall gehören.

Bei den Kosten, mit denen die Gilchinger Geothermie-Kunden rechnen können, sind nun die Größenordnungen bekannt. So ist in einem Rechenbeispiel der Gemeindewerke für ein Einfamilienhaus mit Anschlusskosten von 13 000 Euro netto zu rechnen, inklusive Frühbucherrabatt. Im laufenden Betrieb sind gut 2300 Euro pro Jahr zu veranschlagen. Für den Abbau der alten Anlage und die Demontage des alten Öltanks sei aber mit Fördermitteln zu rechnen, sagte Haas.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5691320
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/lfr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.