Direkt vor der Zentrale der Logistikfirma Reichhart parkt ein Sattelzug ohne Auflieger. Der Lastwagen gehört zu den bereits neun 40-Tonnern des Gilchinger Unternehmens, die Biomethan tanken. Die Fahrzeuge haben eine Reichweite von bis zu 1500 Kilometern und vermeiden den Ausstoß von Kohlendioxid. Das ist nicht nur klimafreundlich, sondern verschafft der Firma trotz Iran-Krise und massiven Kostendrucks einen wichtigen Spielraum, auch langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Spritpreisschock und die hohen Energiekosten seien Herausforderungen, die man meistern werde, betont Firmenchef Alexander Reichhart im Gespräch mit der SZ.
Mit Biomethan und Elektromotoren soll sukzessive die Lkw-Flotte vom teuren Diesel unabhängiger werden. Zur Effizienzstrategie des Familienunternehmens, das insgesamt 850 Mitarbeiter beschäftigt und über fast 90 Lastwagen verfügt, gehören digitale Optimierungen, ausgefeilte Routenplanungen, moderne Assistenzsysteme sowie Echtzeit-Telematik und „intelligente Dispositionen“, die Leerfahrten und den Dieselverbrauch deutlich reduzieren. Das biete „Chancen, sich unabhängiger von geopolitischen Krisen zu machen und zugleich die Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen“, sagt Reichhart.
Bereits seit Jahren prüft Reichhart Logistik innovative Antriebstechnologien. So ist die Pkw-Flotte von 75 Autos weitgehend elektrifiziert. Auch das dämpft den Kostendruck. Zudem sind Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit essenzielle Kriterien in der Lieferkette. Und die Kunden „legen immer mehr Wert auf nachhaltige Logistik“, berichtet Georg Berberich, Leiter der Fuhrpark-Technik. In dieser Hinsicht sei auch der Einsatz von Biomethan aus landwirtschaftlichen Reststoffen nicht nur praktikabel und wirtschaftlich, sondern auch ein Baustein der klimaneutralen Ausrichtung.
Nach Angaben des Logistik-Dienstleisters werden somit schon jetzt jährlich rund 2000 Tonnen Kohlendioxid durch das Biomethan eingespart. Zudem werde alle vier Jahre die Flotte erneuert – und nun auch geprüft, inwieweit die Lastwagen elektrifiziert werden könnten, um den eigenen Schwerlastverkehr auf den langen Strecken noch emissionsärmer zu machen.

Angesichts dieser intensiven Bemühungen findet es Geschäftsführer Reichhart aber ungerecht, dass trotz Verwendung von Biomethan weiterhin eine CO₂-Abgabe verlangt werde. Der Unternehmer ärgert sich auch über die viel zu hohen Spritpreise und das „Profitstreben der Ölkonzerne zu Lasten der Wirtschaft und Bevölkerung“ in der Folge des Nahost-Krieges. Da müssten die Politik und das Kartellamt einschreiten, fordert Reichhart. Denn in seiner Branche mehrten sich Stimmen, die nach einer „Energiepreisstütze oder staatlichen Entlastungsmaßnahmen rufen, um eine Insolvenzwelle im Mittelstand abzuwenden“.
Die Logistikunternehmen müssten zunächst einen erheblichen Teil der Mehrkosten selbst tragen und versuchten daher, diese durch „operative Verbesserungen zu kompensieren“. Doch mittel- bis langfristig würden auch Verlader und Händler diesen Kostendruck durch höhere Preise weitergeben müssen, so der Firmenchef. Auch der Logistikverband BGL warnt wegen der neuen Situation vor den Grenzen wirtschaftlicher Belastbarkeit von Speditionen und Logistikunternehmen.

Trotz allem glaubt Reichhart daran, mit seiner effizienten und nachhaltigen Strategie mit alternativen Antrieben und weiteren Optionen – wie den verstärkten Einsatz von KI – zukunftsfähig und resilient genug zu sein. Der Firmenchef geht daher davon aus, den Umsatz von 90 Millionen Euro bis zum Jahresende um fünf Millionen Euro steigern zu können.
Einen mittleren siebenstelligen Betrag hat die Gilchinger Firma überdies in einen neuen Standort in Oran (Algerien) investiert, um dort im Auftrag der Firma „Purem by Eberspächer“ die komplette operative Abwicklung für Abgasanlagen in der Nähe eines größeren Autowerks zu übernehmen. Es sei ein Projekt, das sich in einer Region befinde, die sich laut Reichhart dynamisch entwickelt. Seine Firma hat überdies Standorte in Graz und bei Lille sowie weitere 14 in Deutschland.
Exakt getaktet und mit einer nur halbstündigen Toleranz bei der Pünktlichkeit transportiert das Unternehmen unter anderem Flugzeugteile, Maschinen, Halbleiter, Glas und Elektrogeräte bedarfsgerecht zu ihren Kunden. Dafür muss das Timing stets perfekt stimmen, um Tag und Nacht auf weiten Strecken auch in globalen Krisenzeiten zu funktionieren. Und das gelingt offenkundig der Reichhart Logistik aus Gilching, die vor fast 60 Jahren gegründet wurde.

