In der überfüllten Stadthalle von Karlsruhe brodelt es. An den Tischen sitzen viele Delegierte mit Vollbärten oder mit Nadeln und Wolle, in Strickpullovern und Latzhosen. Manche tragen aber auch Krawatten. Peter Unger aus Gilching, der erste Grünen-Gemeinderat Bayerns, ist auch an diesem 13. Januar 1980 in der Halle. Er erinnert sich gern an die turbulente Gründungsversammlung der Grünen als Bundespartei vor genau 40 Jahren. Es habe eine faszinierende Aufbruchstimmung geherrscht, auch wenn einiges unstrukturiert abgelaufen sei. "Denn jeder durfte ans Pult und solange reden, wie er wollte", sagt Unger. Auch er hat das Mikrofon ergriffen und die Versammlung mit ihren vielen Strömungen dazu aufgefordert, die gemeinsame Linie zu finden und sich "nicht in Kleinigkeiten zu verlieren".
Mit dem Leitmotiv "Ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei", sagen seinerzeit die Grünen den etablierten Parteien in Bonn den Kampf an. "Das hat schon gepasst", meint Unger rückblickend. Doch dem mittlerweile 75-Jährigen ist auch klar, dass sich die Öko-Partei längst gewandelt hat - und keine radikale, unkonventionelle Protestpartei mehr ist, sondern gutbürgerliche und besser verdienende Wählerschichten anspricht. Unger hat noch die Grabenkämpfe zwischen "Realos und Fundis" erlebt und rechnet sich selbst eher zur letzteren Gruppe. Trotzdem: "Kompromisse sind notwendig, aber keine faulen". Diesem Motto sei er stets treu geblieben, betont der Lokalpolitiker. Er sitzt seit 42 Jahren im Gilchinger Gemeinderat, wechselte dort 1979 von der SPD zu den Grünen. Die hatten in Starnberg den bundesweit ersten Kreisverband gegründet.

Vor 24 Jahren zog Unger auch noch in den Kreistag ein. Auch in diesem Gremium hat der gelernte Gärtner und Industriekaufmann unzählige Anträge gestellt - unter anderem zum Umwelt- und Klimaschutz, zur Verkehrsberuhigung und Kinderbetreuung. Insgesamt seien es wohl fast 1000 Anträge gewesen, wovon etwa 20 Prozent angenommen worden seien, schätzt Unger. So genau weiß er es nicht. Doch eines ist sicher: Mit seinen Vorschlägen nervt er oft die politischen Gegner. "Ich bin eben hartnäckig, lass mich nicht entmutigen und will was anstoßen", sagt der Familienvater und zweifache Opa. Das treibe ihn an und auch deshalb kandidiere er auch diesmal wieder bei den Kommunalwahlen im März.
Zu seinen ersten Anträgen im Gilchinger Gemeinderat gehörte die Forderung, ein Radwegenetz zu schaffen. "Das wurde leider abgelehnt", berichtet Unger. Dennoch kam das Thema immer wieder auf den Tisch. Bodenpolitik und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, hat ihn ebenfalls schon vor 41 Jahren umgetrieben: Unger löste eine heftige Debatte um Steigerungen des Bodenwertes aus. Vom Gewinn profitierten Eigentümer ohne besonderen Arbeits- und Kapitalaufwand. Unger beruft sich hierbei auf den Artikel 161 der Bayerischen Verfassung und fordert deshalb, die entsprechenden Gewinne und Wertsteigerungen, die zum Beispiel durch die Umwidmung in Bauland erzielt werden, abzuschöpfen und den Gemeinden zufließen zu lassen. Bereits 1980 kämpfte Unger, damals noch einziger Grüner im Gemeinderat, auch gegen den Ausbau des Flughafens in Oberpfaffenhofen. Der Öko-Politiker warnte zudem schon früh vor den Risiken der Atomkraft und nahm mehrmals an Protestdemos gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf teil.
Für Unger war es von Anfang wichtig, in der Kommunalpolitik etwas zu bewirken und "Stachel im Fleisch" zu sein. Er hat die kommunalpolitische Vereinigung "Gribs" mitgegründet, um bayernweit Anträge der Grünen zu koordinieren, "Dinge voranzutreiben und mit neuen Ideen immer vorn dran zu bleiben", sagt Unger. So zog er durch ganz Bayern und hielt energiepolitische Vorträge bei Ortsvereinen und Gewerkschaften, wie Gemeinden Stromnetze übernehmen könnten, um auf die Energieversorgung direkten Einfluss auszuüben.
Ein Dauerbrenner ist bei ihm auch das Thema "Westumfahrung von Gilching" gewesen, von der er behauptete, dass sie nie kommen werde. Nun ist die Umgehungsstraße nach mehr als 30 Jahren Planung doch realisiert worden. Eine herbe Niederlage für den Grünen. Doch der spricht von einer "Niederlage für die Gemeinde". Denn Unger glaubt, dass die Trasse, für die Landschaft zerstört worden sei, insgesamt nicht die erwünschte Verkehrsentlastung für Gilching bringen werde. Aber auch das muss sich noch zeigen, denn noch liegen keine aktuellen Zählungen vor.
Gespannt beobachtet der Gilchinger, der lange Zeit als technischer Assistent beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen gearbeitet hat, den Höhenflug seiner Partei - die mit mehr als 20 Prozent bundesweit zur zweitstärksten politischen Kraft aufgestiegen ist. Die Doppelspitze Annalena Baerbock und Robert Habeck agiere zwar erfolgreich, so Unger, aber grüne Ideale dürften "nicht über Bord geworfen werden". Seine Partei müsse aufpassen, sich "nicht Machtgelüsten hinzugeben und irgendwelche Kompromisse einzugehen", mahnt der grüne Kommunalpolitiker, der als Delegierter zu den Gründungsvätern der Bundesgrünen zählt und an dem 13. Januar 1980 in der Karlsruher Stadthalle die Geburtsstunde hautnah miterlebte - als noch Spontis, Radikalpazifisten und Kommunisten mitmischten