Der Name Dornier hatte in Gilching lange Zeit einen untadeligen Ruf. Nach dem bedeutenden Luftfahrtkonstrukteur Claude Dornier wurde vor 21 Jahren eine Straße im Gewerbegebiet-Süd benannt, zudem gibt es im Ort eine Dorniersiedlung. Von dem Flugzeugbauer hat die Region zweifellos profitiert. Aber nach historischen Erkenntnissen war Dornier auch ein Profiteur des Nazi-Regimes. Für dessen Vernichtungskriege hatte Dornier in seinen Werken in Oberpfaffenhofen und München-Aubing serienmäßig Bomber gebaut und dafür Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Dachau schuften lassen.
Dornier sei seit 1940 Mitglied der NSDAP, Wehrwirtschaftsführer und ein „entscheidender Handlungsträger“ bei der militärischen Aufrüstung der Nationalsozialisten gewesen, sagt der Gilchinger Gemeinde- und Kreisrat Peter Unger von den Grünen. Eine solche Person oder Firma zu würdigen, setze gerade in heutiger Zeit des Rechtsrucks in der Gesellschaft ein „falsches Zeichen“ – zumal üblicherweise vorbildhafte Menschen durch die Benennung einer Straße geehrt würden. Doch nun schon zum dritten Mal seit 2006 lehnte der Gemeinderat in Gilching jetzt den Antrag der Grünen ab, „keine NS-Täter zu ehren“ – wobei sich das Gremium nicht inhaltlich mit dem Antrag befasste und somit gar nicht diskutierte.
Begründet wurde das Veto bisher stets damit, dass sich die Straßenbenennung nicht auf die Person Claude Dornier, sondern auf die Dornierwerke bezogen habe. Es gebe zudem seit dem bis dato letzten Beschluss von 2013 keine neuen Erkenntnisse und Informationen zu Claude Dornier beziehungsweise den Dornierwerken, argumentiert Gilchings Bürgermeister Manfred Walter (SPD). Deshalb wollte er den erneuten, fast gleichlautenden Antrag der Grünen-Fraktion zu dem Thema zunächst nicht auf die Tagesordnung setzen. Walter musste jedoch seine Entscheidung nach Anweisung der Rechtsaufsicht revidieren, weil der Antrag in dieser Wahlperiode erstmals gestellt worden ist.
Doch Unger war konsterniert, dass der Gemeinderat ohne jegliche Debatte die Umbenennung der Straße vom Tisch wischte. „Es ist nicht richtig, was hier passiert. Das ist eine Art Feigheit, sich nicht damit zu befassen“, empörte sich der Grüne in der Sitzung. Diesen Vorwurf wies der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Winklmeier zurück. Er sprach von einem ehrlichen und vielleicht auch schwierigeren Weg, die Vergangenheit nicht zu tilgen und sich stattdessen kritisch mit ihr auseinanderzusetzen und Infos und QR-Codes an entsprechenden Straßenschildern anzubringen.
Dieser Vorschlag entsprach dem kurzfristig vorgebrachten Antrag von Matthias Vilsmayer (Freie Wähler), der auf wissenschaftliche Untersuchungen verwies. Diese zeigten auf, dass nicht immer ein neuer Name her müsse. Und: „Die Vergangenheit soll nicht getilgt werden, als habe es sie nie gegeben.“ Die Straßenauswahl und die weiterführenden Informationen könnte die Gemeindearchivarin gegebenenfalls mit dem „Zeitreise Gilching Verein“ ausarbeiten, so Vilsmayer, der auch stellvertretender Starnberger Landrat ist.

Dies bewertete Bürgermeister Walter als „guten Ansatz“, genau wie den Vorschlag von Kerstin Königbauer (SPD), sich künftig vor einer Namensgebung mit einem Kontext wie „Kolonialgeschichte oder NS-Verbrechen“ zu beschäftigen, um nicht noch mal in so eine Situation zu geraten. Beide Anträge wurden einstimmig angenommen. Diana Franke (Grüne) verwies auf die Nachbargemeinde Weßling, die erst vor drei Jahren eine Straße mit dem Namen Claude Dornier versehen habe.
Eine ausgewiesene Expertin für die Entwicklung der NSDAP in der Starnberger Region ist die Kreisarchivpflegerin Friedrike Hellerer. Sie hat den Antrag der Gilchinger Grünen und die Argumentation mit dem Verweis auf Dorniers Verstrickungen mit dem NS-Regime bewertet und für richtig befunden. Die historischen Erkenntnisse darüber seien „stichhaltig und richtig“, erklärt Hellerer. Derart belastete Straßennamen aber mit Zusatzschildchen und QR-Codes zu ergänzen, sei ihrer Ansicht nach nur ein „Feigenblatt“.
Derzeit prüft die Historikerin im Auftrag der Gemeinde Herrsching, ob dort weitere Straßen den Namen von Tätern, Profiteuren oder Vordenkern aus der Zeit des Dritten Reiches tragen. Denn zumindest drei Herrschinger Straßen sind nach Anhängern der Nazi-Diktatur benannt: Erich Holthaus, Madeleine Ruoff und Alfred Ploetz. Diese Personen haben in der Gemeinde eine Debatte ausgelöst. Die Ergebnisse ihrer weiteren Recherchen wird Hellerer voraussichtlich im kommenden Frühjahr vorlegen. In Pöcking und Gauting haben die Rathäuser bereits gehandelt: der „Weihbischof-Defregger-Weg“ wurde in „Filetto-Weg“ und die „Max-Dingler-Straße“ in „Oskar-Maria-Graf-Straße“ umbenannt.
Wie aber werden Gemeinden anderswo mit dem Flugzeugbauer Claude Dornier umgehen, der nachweislich dem Nazi-Regime mit seiner Produktion von Jagdbombern diente? Denn es gibt unter anderem eine Dornierstraße in Germering und Claude-Dornier-Schulen in Friedrichshafen und Tettnang.


