Der Blues gilt gemeinhin als Musik der Nachkommen von aus Afrika stammenden Sklaven, die auf den Baumwollfeldern in den USA ausgebeutet wurden. Die weißen, jungen Briten, die sich in den 1960er Jahren an diesem Kulturgut bedienten und daraus die moderne Rockmusik entwickelten, brauchten dafür keine Legitimation. Aber in Zeiten der Wokeness wird Biber Herrmann nun gefragt: "Wo nimmst du die Berechtigung dazu her?" Der Blueser aus einem 400-Seelen-Dorf am Mittelrhein verweist dann auf seine Biografie: Er sei während der Winzerlehre in den 1980er Jahren zwar "nicht ausgepeitscht worden - aber wer wochenlang am Assmannshäuser Höllenberg den Boden umgebrochen hat, weiß, wie sich der Blues anfühlt". Wie Herrmanns Soloauftritt kann das ganze Gilchinger Festival auch ohne afroamerikanische Musiker zum Beweis dafür dienen, dass authentisches Bluesfeeling längst auch im deutschsprachigen Raum Fuß gefasst hat.
Das von Kultcafé-Betreiber Marcin Dybowski fachkundig zusammengestellte Line-up deckte schon am ersten Abend fast alle Spielarten des Blues ab. Schon der Opener wurde zum Publikumsfavoriten: Muddy What? erspielten sich am Freitag mit ihrem New Blues den lautesten und längsten Beifall. Zunächst begeisterten Virtuosität und Präzision von Ina Spang an der E-Gitarre, die sie etwa bei der Eigenkomposition "Spider Legs" an den Tag legte; dazu kam die helle und mit natürlichem Vibrato ausgestattete Stimme des Rhythmus-Gitarristen Fabian Spang. Die jugendlich wirkende Band spielt bereits seit 2006 zusammen und kam an diesem Abend noch zu einem weiteren umjubelten Auftritt, weil die als finalen Act vorgesehenen Juke Joint Smokers erst mal ausblieben. Den zweiten Set bestritten Muddy What? unplugged: Drummer Michi Lang griff zum Bass, Fabian Spang zur akustischen Gitarre und Ina Spang zur Mandoline, mit der sie ein hinreißendes Solo zum Song "Haven't Seen You in a While" ablieferte.
Die Juke Joint Smokers scherzten über Polizeikontrollen in Bayern
Als dann das Raucher-Duo aus Berlin angereist war und die Bühne betrat, bot es gleich zwei Gründe für die Verspätung an: Während sie Gigi de Cicco auf "den Italiener in der Band" zurückführte, beschwerte sich Adam Sikora scherzhaft über die Polizeikontrollen, die man in Bayern angeblich über sich ergehen lassen müsse - was die Vermutung nahelegt, dass auf ihrem Fahrzeug der Bandname prangt. Mit urwüchsigem, rauen Hill-Country-Blues rissen die Juke Joint Smokers die Zuhörer selbst in der sechsten Festivalstunde noch von den Sitzen. Während Sikora an der winzigen Blues Harp brillierte, standen ihm nicht nur Gitarrist de Cicco sondern auch Ryan Donohue als Gastmusiker am Kontrabass zur Seite.
Zuvor hatte die zumindest in Bayern längst legendäre Band von Nick Woodland gezeigt, wie sich der Blues auch ganz undogmatisch auffassen lässt. Mit rockigen Riffs, tanzbaren Popmelodien und Zydeco-Anleihen wurden die Grenzbereiche des Genres erforscht, selbst vor Country-Klängen mit Steel Guitar schreckte die Combo nicht zurück. Woodlands brüchige Stimme mag in die Jahre gekommen sein, aber noch immer gibt es kaum einen Gitarristen, der sein Instrument so wunderschön zum Singen bringen kann wie der 71-Jährige.
Biber Herrmann wiederum überzeugte vor allem als Songwriter: In der schaurigen Ballade "Hey, Nightporter" erzählt er vom Aufenthalt in einem Passauer Hotel, mit "Leaving Nothing but the Blues" demonstriert er, dass er eine ganze Sechs-Mann-Combo verkörpert. Niemand Geringerer als der berühmte Konzertveranstalter Fritz Rau attestierte ihm, "einer der authentischsten deutschen Folk-Blues-Künstler" und ein "Real Soul Brother" zu sein. Nicht nur für Herrmann, der laut eigenem Bekunden selten bis Bayern tourt, war das erste Bluesfestival in Gilching ein voller Erfolg: Dybowski kann sich über zwei ausverkaufte Abende freuen. In erster Linie aber wurden die insgesamt fast 400 Zuhörer im Rathaussaal beschenkt: Für nur 33 Euro durften sie jeweils fünf Stunden lang vier Auftritte von herausragenden Musikern erleben.
