Nach 30 JahrenUnd wieder Streit um die „Gilchinger Glatze“

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Der Blick vom Starnberger Weg auf die „Gilchinger Glatze“, über deren Bebauung seit Jahrzehnten debattiert wird.
Der Blick vom Starnberger Weg auf die „Gilchinger Glatze“, über deren Bebauung seit Jahrzehnten debattiert wird. Franz Xaver Fuchs

Die Planungen für das große innerörtliche Wohnprojekt für bis zu 1700  Menschen verzögern sich erneut. Denn nun wollen CSU, FW, BfG und FDP das Verkehrskonzept ändern.

Von Christian Deussing, Gilching

Erst nach jahrzehntelanger Planung und viel Streit ist die Westumfahrung von Gilching realisiert worden. Eine ähnlich lange Zeit ist vergangen, um nach schwierigen Grundstücksverhandlungen möglichst bald eine der größten innerörtlichen Freiflächen im Münchner Umland bebauen zu können: die rund 14 Hektar große „Gilchinger Glatze“, auf der ein zukunftsweisendes, autoarmes und parkähnliches Quartier für fast 600 Wohnungen und bis zu 1700 Menschen mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen soll. Nun aber entzündete sich am Dienstagabend im Gemeinderat ein heftiger Streit über den künftigen Verkehr und die Parkplätze in dem Viertel zwischen dem Starnberger Weg, der Karolinger Straße und der Bahnlinie.

Denn in einem gemeinsamen Antrag forderten CSU, Freie Wähler, BfG und FDP ein der Realität angepasstes Mobilitätskonzept mit mindestens 130 oberirdischen Stellplätzen, darunter auch ein angemessener Anteil von Kurzeit- und Behindertenparkplätzen sowie für Liefer- und Pflegedienste. Damit die weitere Planung, die „einseitig auf ein autoarmes Konzept“ setze, nicht in die falsche Richtung laufe, müsse der Stellplatzschlüssel pro Wohneinheit geändert werden, so Matthias Vilsmayer (FW). Zudem sollte die „Bahnparallele“ nicht ausschließlich als Rad- und Fußweg geplant werden.  Gewarnt wurde überdies vor „Freihamer Zuständen“ mit viel zu wenig Parkplätzen für künftige Bewohner und vor einem „Verkehrskollaps“ mit verstopften Straßen in den umliegenden Wohngebieten, wodurch „Akzeptanzprobleme“ drohten, hieß es in dem Antrag.

Dagegen forderte die SPD-Fraktion in einem Gegenantrag, die laufende Planung zur Bebauung der zentralen Grünfläche „kurzfristig zu finalisieren und anschließend umgehend umzusetzen“. Es müsse dringend bezahlbarer Wohnraum geschaffen und Planungsunsicherheit und ein Zeitverzug um weitere drei bis fünf Jahre wegen grundlegender Änderungen vermieden werden. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Winklmeier erinnerte an die Beschlüsse, die bereits vor sechs und drei Jahren zum Mobilitätskonzept und zu einem reduzierten Individualverkehr gefasst worden seien. Seine Fraktion wies auch darauf hin, dass mehr Parkplätze und Asphalt notwendige Flächen für den geplanten Wohnraum wegnähmen. Angezweifelt wurde außerdem, dass die „Bahnparallele“ den Verkehr entlaste.

Als  „rückwärtsgewandt und populistisch“ bezeichneten die Grünen den Antrag, deutlich mehr oberirdische Parkplätze zu errichten – was auch die Wohnungen verteuere. Zusätzlich versiegelte Flächen bedeuteten weniger Klimaresilienz in Zeiten zunehmender Hitzeperioden und Starkregens. Deshalb sei eine „nachhaltige Mobilität notwendig für ein lebenswertes Gilching“, befand Lisa Bock (Grüne), die Klimawissenschaftlerin ist.

Den ersten Preis beim Ideenwettbewerb zur „Gilchinger Glatze“ gewann  Architekt  Marcus Rommel aus Stuttgart. Seitdem sind 20 Jahre vergangen.
Den ersten Preis beim Ideenwettbewerb zur „Gilchinger Glatze“ gewann  Architekt  Marcus Rommel aus Stuttgart. Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Georgine Treybal

Doch trotz dieser Einwände: Der interfraktionelle Antrag zu mehr Parkplätzen und dem neuen Verkehrskonzept wurde mit einer Stimme Mehrheit im Gemeinderat angenommen. Damit wird sich das Wohnbauprojekt – mit dem sich seit einigen Jahren auch der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München befasst – erneut verzögern. Einig war sich das Gremium allerdings darin, den Antrag des Grünen-Gemeinderats Peter Unger abzulehnen: Er hatte verlangt, die Planungen zur „Glatze“ bis auf Weiteres ganz auszusetzen, weil man inzwischen um die Bedeutung offener, unversiegelter Flächen für das lokale Klima, die Artenvielfalt und das Wohlbefinden der Menschen wisse. Deshalb müsse man das Projekt „umfassend neu bewerten“.

Doch Ungers Antrag hatte keine Chance – auch deshalb nicht, weil somit die Verträge mit den 45 Grundeigentümern der „Glatze“ obsolet würden, so Bürgermeister Manfred Walter (SPD). Das hätte dramatische Folgen für die Gemeinde, die zwar mehr als 1,7 Millionen Euro für den Grunderwerb ausgeben habe, dann aber wieder bei null anfangen müsse. „Dann könnten wir uns ins Schwarzbuch selbst eintragen“, erklärte Walter.

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