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Geschichte:Von Menschen und Straßen

Eine Ausstellung im Tutzinger Ortsmuseum spürt den Künstlern, Literaten, Wissenschaftlern und Unternehmern nach, die den Ort bis heute prägen

Von Sabine Bader

Drei auf einer Wellenlänge: (v. li.) Gernot Abendt, der nach zehn Jahren als Museumsbeauftragter Tutzings aufhört, und die beiden Kuratoren der neuen Ausstellung im Ortsmuseum, Barbara van Benthem und Eberhard Köstler. Gemeinsam haben sie schon Etliches auf die Beine gestellt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Auf Schritt und Tritt begegnet man ihren Namen auf den Straßenschildern in Tutzing. Einige von ihnen sind allen bekannt, bei anderen fragt man sich unwillkürlich: Wer ist oder war das denn? Es sind Menschen, die viel Gutes für die Gemeinde getan und darum eigene Straßennamen erhalten haben, oder auch zu Lebzeiten geschmäht und erst posthum geehrt wurden. Die neue Ausstellung im wiedereröffneten Ortsmuseum Tutzing spürt unter dem Titel "Große Namen - Kleine Straßen" den Lebensgeschichten von Bürgern nach, deren Namen die Straßenschilder des Ortes zieren: mal sind es Künstler, Literaten und Wissenschaftler, mal Bürgermeister, Gemeinderäte, Unternehmer oder ganz einfach besondere Menschen.

Barbara van Benthem und Eberhard Köstler haben die neue Schau gemeinsam kuratiert. Die Eheleute, beide international tätige Antiquare, die sich auf handschriftliche Dokumente spezialisiert haben, befassen sich in ihrer Freizeit seit Jahren auch viel mit der Geschichte des eigenen Ortes und haben unter der Regie von Gernot Abendt bereits mehrere Ausstellungen im Ortsmuseum konzipiert. Mit der neuen Präsentation, zu der Abendt viele Exponate aus dem eigenen Fundus beigesteuert hat, verabschiedet sich der 76-jährige ehemalige SPD-Gemeinderat nach zehn Jahren als Museumsbeauftragter offiziell. Doch zuvor geht es noch auf einen gemeinsamen Ausstellungsrundgang mit ihm und den beiden Kuratoren.

Leidlstraße

Wer ihm zu seinen Lebzeiten unter die satirische Zeichenfeder kam, hatte viel zu lachen - vorausgesetzt, er besaß die Fähigkeit, auch sich selbst nicht so ganz ernst zu nehmen. Anton Leidl (1900-1976) war den Kuratoren zufolge einer der "originellsten und witzigsten Bewohner Tutzings". Leidl stammt aus dem niederbayerischen Eggenfelden. Er hat an der Akademie für bildende Künste in München studiert und verdient seinen Lebensunterhalt mit satirischen Zeichnungen für die Zeitschriften "Simplizissimus", "Jugend" und "Fliegende Blätter". Als er im Krieg in München ausgebombt wird, will es ein glücklicher Umstand, dass er als Hausporträtist der Bielefelder Industriellenfamilie Oetker/Kaselowsky arbeitet, und diese gerade einen Verwalter für ihr Schloss in Tutzing sucht. Leidl nimmt die Stelle an und verwandelt den ehemaligen Teepavillon im Schlosspark in ein Atelier und einen Anbau in eine bescheidene Wohnung, die er wegen einer von ihm verehrten Frau "Violaburg" nennt. Diesen Teil des Parks kann er später sogar kaufen und dort ein gastfreundliches Haus führen. Seine Gäste begrüßt Leidl gern mit Trompetenstößen und versorgt halb Tutzing mit seinen feinsinnigen und humoristischen Aquarell-Postkarten. Eugen Roth dichtet gar über seinen Malstil: "Er ist kein Zahmer, ist kein Wilder. Er malt ganz einfach gute Bilder."

Cäsar-von-Hofacker-Straße

Der Lebensweg von Cäsar von Hofacker (1896-1944) hätte in vorgezeichneten Bahnen verlaufen können, doch es kommt anders. Hofacker wird in eine Ludwigsburger Offiziersfamilie hineingeboren, seine Ferien verbringt der Bub gern bei seiner Großmutter Anna in der familieneigenen Villa "Buchenhaus" in Tutzing. Er studiert Jura, will promovieren und tritt 1937 in die NSDAP ein. Da er das Regime bald kritisch sieht, schließt er sich einem Freundeskreis an, dem auch seine beiden Cousins Claus und Berthold von Stauffenberg angehören. Bereits im Oktober 1943 erfährt er vom geplanten Sturz Adolf Hitlers. Ihm, Cäsar, wäre als Offizier in Frankreich die Aufgabe zugekommen, danach Kontakte zur Vichy-Regierung zu knüpfen. Als das Attentat scheitert, wird er am 26. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Nazis nehmen auch seine Ehefrau Ilse Lotte und die fünf Kinder in Sippenhaft, verschleppen die Frau und die zwei älteren Kinder ins Konzentrationslager und die drei jüngeren in ein Kinderheim. Doch die Familie hat Glück im Unglück, sie findet nach dem Krieg wieder zusammen - im Tutzinger "Buchenhaus". Auf dem alten Friedhof erinnert eine Gedenktafel an Cäsar von Hofacker.

Hans-Albers-Straße

Er ist ein Kassenschlager: Hans Albers, ein echter Hamburger Jung. Zu seinen Filmerfolgen zählen "Der blaue Engel", "Münchhausen" und "Große Freiheit Nr. 7". Doch das Nordlicht hat ein Faible für Bayern und kauft sich 1934 ein Landhaus im Feldafinger Ortsteil Garatshausen. Im Ort läuft er gern in bajuwarischem Räuberzivil herum und erholt sich im Beisein seiner Lebensgefährtin Hansi Burg von den Dreharbeiten. 1939 muss Burg, die Jüdin ist, nach London fliehen; Albers hatte sich zuvor bereits offiziell von ihr losgesagt. Unterdessen dreht er in Deutschland weiter. Sein Lieblingsplatz am See soll dem Vernehmen nach sein reetgedecktes Bootshaus am Ufer sein, in dem er angeblich gern verborgen vor neugierigen Blicken einen Hochprozentigen zur Brust nimmt. Albers Paraderolle ist der blonde, blauäugige Held, was ihm den Spitznamen "der blonde Hans" einträgt. Dass er aber eine Halbglatze hat und auf ein blondes Toupet zurückgreifen muss, verdeutlichen die Kuratoren an Hand eines seltenen Fotos.

Oskar-Schüler-Staße

Zu den illustren Persönlichkeiten des Ortes zählt auch der Pelzhändler Oskar Schüler (1884-1946). In Braunschweig geboren, erlernt er das Handwerk seines Vaters und führt danach in Berlin eine Pelzwarenfabrik. Doch dann zieht es ihn nach Bayern. Er kauft in Tutzing rund 30 Morgen Land, um dort eine Pelztierfarm zu gründen. Das Geschäft mit Nerz und Co. läuft gut, das Unternehmen wächst schnell, bald beschäftigt er 40 Mitarbeiter. Er handelt auch mit Pelzkonfektionen und veranstaltet Modenschauen. Kein Wunder, dass die Nachbarn nörgeln. Sie klagen über Lärm- und Geruchsbelästigung. Um sie milde zu stimmen, spendet er an zahlreiche Vereine im Ort, richtet legendäre Kinderweihnachtsfeiern aus. Er soll sogar die später nach ihm benannte Straße selbst finanziert haben - zwar nicht unbedingt, um seinen Mitbürgern Gutes zu tun, sondern um die Waren schneller zum Bahnhof bringen zu können. Nach Feierabend verfasst er erotische Gedichte, illustriert sie selbst, veröffentlicht sie im Eigenverlag und verteilt sie in Tutzing an Freunde und Bekannte- was ihm manch mildes Lächeln eingebracht haben dürfte.

Hausensteinweg

Wilhelm Hausenstein kann man wohl als einen Menschen mit klaren Grundsätzen bezeichnen. Er stammt aus dem Schwarzwald, studiert in Heidelberg, Tübingen und München und schreibt danach als Kunstkritiker und Publizist für die "Münchner Neuesten Nachrichten" und die "Frankfurter Zeitung". Regelmäßig reist er mit seiner Frau Margot und Tochter Renée-Marie nach Tutzing in die Sommerfrische. 1932 zieht die Familie ganz in die Seegemeinde und mietet sich im "Buchenhaus" der Familie Hofacker ein. Doch vor den Nazis ist die Familie auch dort nicht sicher: Hausenstein verliert erst seine Arbeit und wird dann sowohl aus der Presse-, als auch aus der Schriftstellerkammer ausgeschlossen. Denn in seinen Büchern setzt er sich für die moderne Kunst ein und weigert sich, die Kunstrichtung in Neuauflagen als entartet zu titulieren und jüdische Künstler aus den Werken zu streichen. 1943 erhält Hausenstein Veröffentlichungsverbot. Seine Tochter wird in der Realschule antisemitisch beschimpft, weil ihre Mutter Jüdin ist. Margot Hausenstein muss stets fürchten, verschleppt zu werden. Die späte Wiedergutmachung dann 1950: Hausenstein wird auf Konrad Adenauers Bitte hin erst Generalkonsul und später Botschafter Deutschlands in Frankreich.

Von Brahms bis Ney

Natürlich sind da noch viele andere Namensgeber. Zum Beispiel Max Kustermann (1825-1901). Er ist wohl vielen ein Begriff, entstammt er doch einer Familie, die seit Generationen in München einen bekannten Eisenwarenhandel betreibt. Nach ihm sind eine Straße und ein Park benannt. Auch Lothar Lindemann (1884-1964), Namensgeber der Lindemannstraße, ist prägend für Tutzing, denn er etabliert in der markanten stillgelegten Schlossbrauerei eine Stoffdruckfabrik. Der berühmteste Gast Tutzings ist sicher der Komponist Johannes Brahms (1833-1897). Er mietet sich 1873 im Ort ein Zimmer und ein Klavier und verbringt hier eine viermonatige Sommerfrische. In dieser Zeit vollendet er die Streichquartette c-Moll und a-Moll op. 51. Die Brahmspromenade und sein Denkmal erinnern heute nebst einem Festival, das ebenfalls seinen Namen trägt, an den musikalischen Aufenthalt. Nicht zu vergessen ist auch die herausragende Pianistin und glühende Verehrerin Adolf Hitlers, Elly Ney (1882-1968). Dass der Umgang mit ihr als Namenspatronin einer Straße in Tutzing 2008 zu politschen Verwerfungen geführt hat, mag für den scheidenden Museumsbeauftragten Gernot Abendt ein Grund gewesen sein, seine Abschiedsrede am Donnerstag mit einer Bitte zu schließen: Tutzing möge es der Nachbargemeinde Pöcking gleichtun, und seine nationalsozialistische Vergangenheit professionell aufarbeiten. Für die Pöckinger hat kürzlich das Historikerehepaar Marita Krauss und Erich Kasberger die Nazizeit unter die Lupe genommen. Ihr Werk "Ein Dorf im Nationalsozialismus - Pöcking 1930-1950)" trägt dazu bei, dass die Gemeinde heute mit ihrer Vergangenheit im Reinen ist. Das wünscht sich Abendt auch für Tutzing.

Die Ausstellung "Große Namen - Kleine Straßen" im Tutzinger Ortsmuseum läuft noch bis 10. Januar 2021. Sie kann Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr besucht werden.

© SZ vom 27.06.2020

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