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Geschichte:Älter als gedacht

Der Starnberger Historiker Benno Gantner hat zusammen mit dem Arbeitskreis Ortsgeschichtsforschung Kirchen im Landkreis vermessen, denn die Grundrisse lassen Rückschlüsse auf das Baujahr zu - mit überraschenden Ergebnissen

Es sind Zirkelschläge und Kreisradien, die den Starnberger Historiker Benno Gantner zu bedeutenden Erkenntnissen bringen. Zu romanischer Zeit waren Pflock und Seil wichtiges Handwerkszeug zum Abmessen, erzählte er am Freitag, als er im Gautinger Rathaus seine neue Broschüre mit Studien über Kirchen im Landkreis Starnberg vorstellte. Drei Jahre lang hat der 64-Jährige zusammen mit dem Arbeitskreis Ortsgeschichtsforschung Grundrisse vermessen, miteinander verglichen und Kreise darüber gelegt. Ein interessantes Ergebnis: Die Kirche St. Ulrich in Königswiesen ist seiner Ansicht nach eindeutig romanischen Ursprungs und damit viel älter als gedacht; darauf weise der Bautypus mit Rechteck-Chor hin. In einer Liste des Landesamts für Denkmalpflege ist die Rede von einem spätgotischen Bau aus dem 15.

Jahrhundert. Wie Gantner in dem neuen Band berichtet, gibt es im Landkreis Starnberg insgesamt 68 Kirchen alten Ursprungs, die vor 1900 entstanden sind. Etwa zehn davon haben nach seinen Erkenntnissen einen romanischen Kern. Am unverfälschtesten sei dabei St. Johann Baptist in Berg; sonst sind meist eine ganze Reihe von Anbauten in späteren Epochen festzustellen. Um die Entstehungsgeschichte von Kirchen auf der Basis einer Grundrissanalyse zu erforschen, haben Gantner und seine Helfer im Arbeitskreis Bauten in etlichen Orten genau vermessen. Die Maße von fast zwei Dutzend Kirchen finden sich in dem aktuellen Heft. Unter anderem St. Michael in Buchendorf, St. Alto in Leutstetten und St. Georg in Oberpfaffenhofen, St. Bartholomäus in Maising, St. Sebastian in Aschering und St. Margaret in Krailling. Dank seiner Analysen könnten einige Kirchen "nun mit gutem Gewissen ins 12. oder 13. Jahrhundert datiert werden", schreibt Gantner.

Buchendorf Kirche St.Michael

Die romanische Kirchen St. Michael in Buchendorf.

(Foto: Georgine Treybal)

In der Grundrissanalyse steckt eine Menge Arbeit, die Mitglieder des Arbeitskreises ehrenamtlich aus Idealismus leisten. Bis zu zehn Ruheständler finden sich da zusammen, um zu messen und zu rechnen, in Archiven zu stöbern und nach alten Dokumenten zu fahnden. Einer von ihnen ist Manfred Grimm aus Tutzing. "Das ist mein Hobby, das macht mir Spaß", sagt er. Da reist er auch mal extra nach Zürich, um sich dort mit Fachleuten an der Uni über die Auswanderer aus dem Klosterland Benediktbeuern in die Markgrafschaft Verona zu unterhalten.

Es ist mittlerweile der siebte Band der Studien zur Ortsgeschichtsforschung, der nun in einer Auflage von 150 Stück in Gantners Apelles-Verlag erschienen ist und unter anderem in Buchhandlungen in Gauting und Starnberg verkauft wird. In der 70-seitigen Broschüre geht es nicht nur um Dorfkirchen sondern auch um den Verlauf der Römerstraße zwischen Söcking und Gauting und um die nachrömische Siedlungsentwicklung. Manfred Grimm hat außerdem einen Aufsatz über die Schiffspost auf dem Starnberger See verfasst. So wurden von Juni 1855 auf Dampfschiffen Briefe und Pakete übers Wasser transportiert, berichtet er.

Benno Gantner (re.) mit der neuen Broschüre des Arbeitskreises Ortsgeschichtsforschung. Manfred Grimm schreibt darin über Schiffspost auf dem Starnberger See.

(Foto: Arlet Ulfers)

Ein Thema für das nächste Heft steht schon fest. Darin will sich Gantner mit den sogenannten Ehaft-Verträgen befassen. Das sind Vereinbarungen zwischen Berufsständen wie Müller, Schmied oder Wirten mit den jeweiligen Gemeinden.

Wer sich für Ortsgeschichte interessiert, kann zu den Arbeitskreistreffen unter der Leitung von Benno Gantner kommen - jeden dritten Mittwoch im Monat von 16.30 Uhr an im Gautinger Rathaus.