200 Kilometer vor Kiew:Busfahrt in den Krieg

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Ausladen in Winnyzja: Malterers Bürgermeisterkollege Werner Grünbauer mit einem Soldaten der ukrainischen Territorialverteidigung. (Foto: privat/oh)

Bernrieds Bürgermeister Georg Malterer hat einen Hilfstransport bis weit hinein in die Ukraine begleitet. Als zweifacher Vater hat er sich für die Betreuung traumatisierter Flüchtlingskinder angeboten. Über die Reise in eine Gegend, in der selbst der Fliegeralarm in der Kellerbar zur Routine geworden ist.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Bernried/ Winnyzja

Trotz des Kriegs in der Ukraine ist die Stadt Winnyzja etwa 200 Kilometer östlich von Kiew mit riesigen, bunten Ostereiern dekoriert. Leute sitzen in Cafés, Bars und Restaurants haben geöffnet. "Ich hätte nicht dieses Maß an Normalität erwartet", so der Bernrieder Bürgermeister Georg Malterer. "Zwar ist der Krieg immer Thema, aber die Leute versuchen Normalität zu leben", sagt er. Malterer hat in der vergangen Woche den Hilfstransport nach Winnyzja begleitet, den der Landkreis Weilheim-Schongau im Rahmen der groß angelegten Spendenaktion "Solidarität Ukraine" gestartet hatte.

Die Idee, den Menschen in der Ukraine direkt zu helfen, war auf einer Kreisversammlung des Gemeindetags entstanden. Der Rottenbucher Bürgermeister Markus Bader hatte 2019 als Referent an einer Konferenz zum Thema Kulturpolitik im ländlichen Raum in Winnyzja teilgenommen. Seither hat er den Kontakt zu der ukrainischen Stadt gehalten. Bei einer Videokonferenz mit der stellvertretenden Bürgermeisterin von Winnyzja hatte er erfahren, wie dringend dort Hilfe nötig ist. Denn in der 360 000-Einwohner-Stadt befinden sich derzeit etwa 200 000 Kriegsflüchtlinge, dazu kommen mehr als 1000 verletzte Soldaten im Militärhospital.

Mit dem Hilfstransport wurden Medikamente und andere Hilfsgüter nach Winnyzja gebracht. (Foto: privat/oh)
Am Krankenhaus in Winnyzja treffen sich die Bürgermeister aus dem Landkreis Weilheim-Schongau mit den Chefärzten der Klinik. (Foto: privat/oh)
In Winnyzja werden weitere Röntgengeräte für die OPs im Krankenhaus benötigt. (Foto: privat/oh)

Alle 34 Landkreisgemeinden in Weilheim-Schongau haben daher zusammengeholfen und jeweils einen Euro pro Einwohner gespendet, insgesamt also 135 000 Euro. Einige Kommunen haben zusätzlich Spendenkonten eingerichtet, darunter auch Bernried. In dem kleinen Dorf sind weitere 4000 Euro zusammengekommen. Mit den Spenden wurden Medikamente, ein OP-Tisch, ein Röntgengerät und insgesamt 3,5 Tonnen Lebensmittel beschafft. Das Pollinger Busunternehmen Krieger hat einen Bus mit drei Fahrern zur Verfügung gestellt und lediglich die Benzinkosten abgerechnet.

Malterer sowie seine Amtskollegen Werner Grünbauer aus Pähl und Markus Bader aus Rottenbuch haben den Transport zusammen mit der Ukrainerin Iryna Frenkel als Übersetzerin begleitet. Zunächst sollte der Transport nur bis zur ukrainischen Grenze gehen. Doch dann entschied man sich, die Hilfsgüter doch bis ins 1727 Kilometer entfernte Winnyzja zu liefern und auf der Rückfahrt 25 Flüchtlinge, darunter viele traumatisierte Kinder, mitzunehmen. Da Malterer selbst Vater von fünf und acht Jahre alten Kindern ist, hat er sich für die Betreuung der ukrainischen Kinder während der Fahrt zur Verfügung gestellt.

Das Leben in der Stadt geht ganz normal weiter - wenn da nicht die Luftalarme wären

Der Bernrieder Rathauschef ist heilfroh, dass er direkt vor Ort helfen konnte. "Wir haben das Risiko abgeschätzt und entschieden, dass wir es verantworten können." Er zeigte sich beeindruckt von der großen Dankbarkeit der Ukrainer, weil die Amtskollegen aus Oberbayern persönlich gekommen seien. Wie Malterer berichtet, ist der Bus als Hilfstransport gekennzeichnet gewesen, die Fahrt sei ohne Zwischenfälle verlaufen. Ab der Grenze sei man von einer Polizeieskorte begleitet und an den Straßensperren vor jeder Stadt durchgewunken worden. Am vergangenen Freitag ist der Bus in Winnyzja angekommen.

Die Hilfsgüter wurden umgehend ausgeladen. Anschließend gab es einen Empfang im Rathaus, eine Krankenhausbesichtigung und sogar eine Stadtführung. "Man hat nicht das Gefühl, dass dort Krieg herrscht", sagt Malterer. Das Leben in der Stadt gehe ganz normal weiter - wenn da nicht die Luftalarme wären. Mindestens dreimal am Tag gehen die Sirenen, in den Gebäuden leuchten dann rote Warntafeln auf. Es sei erstaunlich, wie ruhig und diszipliniert die Leute in die Sicherheitsräume gingen. Im Hotel wurden die Gäste laut Malterer in die Kellerbar geschickt. Dort habe man ein Bier getrunken und gewartet, bis Entwarnung gegeben wird und die Anzeigetafel wieder auf grün schaltet.

Bürgermeister Georg Malterer in seinem Büro beim Sichten der Bilder, die bei der Fahrt entstanden sind. (Foto: Arlet Ulfers)
Luftalarm in der Kellerbar des Hotels: Bis die rote Warnbildschirme wieder auf Grün springen, muss man in Deckung bleiben. (Foto: privat/oh)
Im Rathaus von Winnyzja: Empfang mit dem örtlichen Bürgermeister Serhii Morhunov. (Foto: privat/oh)

Wenn man mit den Ukrainern spreche, geht es Malterer zufolge immer um die militärische Auseinandersetzung mit Russland. Denn aus Sicht der Ukraine herrsche schon seit 2014 Krieg. "Uns ging es aber nicht um politische Fragen, uns geht es um menschliche Hilfe", erklärt der Rathauschef. Er wollte nicht nur von Bernried aus helfen - immerhin hat das 2400-Seelen-Dorf bereits knapp 80 ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, das sei der höchste Pro-Kopf-Anteil im Landkreis Weilheim-Schongau. Er habe aber auch den Menschen unmittelbar vor Ort helfen wollen, so Malterer.

Bei den Betroffenen habe ihn die Gastfreundschaft in dieser Krisensituation beeindruckt - und ihre Zuversicht. Die Männer und Großmütter seien gefasst gewesen, als ihre Angehörigen in den Bus nach Deutschland eingestiegen sind. Auch im Bus selbst habe es keine verzweifelte Stimmung gegeben. Alles sei extrem ruhig gewesen, insbesondere die Kinder. Komplikationen hat es laut Malterer nur an der polnischen Grenze gegeben, als der Bus als gewerblicher Transport eingestuft und die Einreise verweigert wurde. Man habe eineinhalb Stunden mit den Grenzbeamten diskutiert. Am Ende mussten alle Insassen, auch die Kinder, mit ihrem Gepäck um 1 Uhr nachts aussteigen und zu Fuß über die Grenze gehen.

Gerettet aus Winnyzja: ukrainische Kriegsflüchtlinge bei ihrer Ankunft in Schongau. (Foto: privat/oh)

Malterer hat einer älteren Frau geholfen, ihre Plastiktüten durch einen langen Korridor auf die polnische Seite zu tragen. Da habe er ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt ein Flüchtling zu sein, meint er rückblickend. Der Bus fuhr leer über die Grenze und sammelte anschließend alle Insassen wieder ein. Zu Hause waren sich alle Beteiligten einig: Die Hilfslieferungen noch Winnyzja werden weitergehen. Denn dringend wird ein Löschfahrzeug für die Feuerwehr benötigt und im Krankenhaus natürlich weitere Medikamente sowie Röntgengeräte für jeden OP-Saal.

Spenden sind unter dem Verwendungszweck "Spende Ukrainehilfe 2022" auf das Sonderkonto der Gemeinde Bernried bei der VR-Bank Starnberg-Herrsching-Landsberg (IBAN DE 46700932000000110094) oder bei der Sparkasse Oberland (IBAN DE79703510300000001149) möglich.

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