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Gegen das Artensterben:Nektar für die Bienen

Mitarbeiter des Bauhofs verwandeln fünf Plätze in Starnberg zu Blühflächen. Dazu werden insgesamt etwa 14 000 Blumenzwiebeln und 275 Stauden eingesetzt. Ziel der aufwendigen Aktion ist es, die Artenvielfalt zu verbessern

Krokusse, Winterlinge, Wildtulpen, Blausternchen und Narzissen: Etwa 3000 Blumenzwiebeln haben die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs in Starnberg unter der Aufsicht von Reinhard Witt und Katrin Kaltofen von der Fachfirma "Die Naturgartenplaner" am Donnerstag am Bahnhofsrondell gesetzt. Streng genommen handele es sich dabei meist nicht um heimische Arten, sondern um Neophyten, die erst nach Kolumbus in Mitteleuropa Fuß fassten, sagt Kaltofen. Doch weil diese Zwiebelpflanzen die Blätter nach der Blüte im zeitigen Frühjahr einziehen, werden sie keine heimischen Konkurrenten verdrängen. Und als erste Nektar- und Pollentankstellen sind sie für Wildinsekten von März bis Mitte April unersetzlich. Denn das ist das erklärte Ziel des Projekts "Starnberger Land blüht auf": Aus öffentlichen Rasen und Rabatten sollen mittelfristig Lebensräume für heimische Pflanzen und Tiere geschaffen werden, um dem Artensterben entgegenwirken.

Pflanzaktion am Bahnhofsrondell; Pflanzaktion am Nordbahnhof

Der Biologe Reinhard Witt zeigt den Starnbergern, wie sie das Beet beim Bahnhof Nord bepflanzen sollen. Insgesamt 14 000 Blumenzwiebeln und 275 Stauden werden auf fünf Flächen im Stadtgebiet eingesetzt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Nach je zwei Besichtigungstouren und Vorträgen folgt nun die Praxis: Am Tag bevor die Gräber auf den Friedhöfen mit neuem Blumenschmuck glänzen sollen, sind auf den ersten fünf Demonstrationsflächen in Starnberg Wildstauden ausgebracht worden. Ursprünglich hätte die Pflanzaktion bereits im Juli beginnen sollen, doch das Vorhaben verzögerte sich, weil nach dem erfolgreichen Artenvielfalt-Volksbegehren die Lieferanten von standortgerechtem Saatgut nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten konnten.

Das Landkreis-Projekt aber begann bereits vor der "Rettet die Bienen"-Kampagne, und die Resonanz war zunächst nicht so groß, wie es sich die Veranstalter, der Kreisverband für Gartenbau und die Solidargemeinschaft Starnberger Land, erhofft hatten. So manche Kommune im Fünfseenland setzt bei der Bepflanzung ihrer Verkehrsinseln und Vorgärten immer noch auf die handelsüblichen Blumenmischungen exotischer Arten, die nach einem einmaligen Farbenrausch nichts mehr zu bieten haben. Der promovierte Biologe Witt fordert hingegen schon seit 30 Jahren nachhaltige Wildblumenwiesen aus heimischen Arten, deren Zusammensetzung genau auf das örtliche Kleinklima und das jeweilige Bodensubstrat abgestimmt sind.

An dem Projekt, das vor knapp einem Jahr mit einem Fachvortrag Witts in Drößling startete, beteiligen sich die Wasser- und Abwasserbetriebe AWA Ammersee, der Landkreis Starnberg sowie die Kommunen Starnberg, Andechs und Seefeld. Die Gemeinde Krailling und die Evangelische Akademie Tutzing nehmen als Gäste an den Praxistagen teil. Für die Vertreter dieser Körperschaften beginnt der Donnerstag mit einem weiteren Referat der Naturgartenplaner in der Starnberger Schlossberghalle. Danach geht es zu den fünf Parzellen im Stadtgebiet, die als Pioniere für bis zu 25 Grünflächen im Landkreis dienen sollen: Eine Wiese am Ortseingang und die Streuobstanlage am Mausoleum von Söcking, einen Teil des Rondells am Bahnhof Nord, der Straßenrand entlang der Gautinger Straße und eine Wiese zwischen Bahn und Possenhofener Straße nahe der Unterführung. Nachdem die Vorbereitungen mit Bagger und Bodenaustausch dort abgeschlossen sind, werden auf einer Fläche von insgesamt mehr als 1500 Quadratmetern außer 14 000 Zwiebeln 275 Initial-Wildstauden gepflanzt. Außerdem säen die Beteiligten unzählige Samen weiterer mehrjähriger Arten aus: Zwei Gramm sind es davon pro Quadratmeter, sagt Kaltofen. Im kommenden Frühjahr und Sommer finden im Rahmen des Projekts noch zwei Pflege-Workshops statt.

So aufwendig die Bodenvorbereitungen für eine Wildblumenwiese sind, ihr Unterhalt kommt die Kommunen günstig: Sie muss lediglich ein bis drei Mal jährlich fachkundig gemäht werden, um sich selbst zu erhalten und zu regenerieren. Kaltofen sieht in dem Projekt Hilfe zur Selbsthilfe: Gärtner und Bauhofmitarbeiter sind danach selbst in der Lage, naturnahe Blühflächen anzulegen und zu pflegen. Vielleicht geben sie ja auch ihr Wissen an die Kommunen und Körperschaften weiter, die Ausbildung und Training jetzt noch geschwänzt haben.