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Gauting:Zeitlose Groteske

Schauspiel Wuppertal im bosco

Frauen sind einfach schlauer: Szene aus der "Tartuffe"-Inszenierung des Schauspiels Wuppertal.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Schauspiel Wuppertal begeistert das Publikum im Bosco mit Molières Gaunerstück "Tartuffe"

Zum Glück gibt es bei Molière immer eine kluge Hausangestellte, eine Zofe, ein Zimmermädchen, eine Magd, die den Überblick behält und ihren Verstand einsetzt. In "Tartuffe " ist es Dorine, die Zofe von Orgons Tochter Marianne, die kein Blatt vor den Mund nimmt, vorlaut, pfiffig, frech, ihrer Freundin Marianne treu ergeben. Sie durchschaut den Betrüger Tartuffe und mokiert sich über die Bigotterie und Blindheit Orgons und dessen Mutter, Madame Pernelle. Das Schauspiel Wuppertal begeisterte am Freitag das Publikum im Gautinger Bosco mit dem bitterbösen Stück und erntete einen wahren Beifallssturm.

Das Spektakel beginnt rasant: Wie aufgescheuchte Hühner laufen die Familienmitglieder des reichen Bourgeois Orgon über die Bühne; seit Tartuffe im Haus lebt, herrscht Unfrieden. Während Orgon und seine Mutter den Gast quasi anbeten, sind Elmire, Orgons schöne zweite Frau, ihr Bruder Cléante, der Sohn Damis und sogar die brave Marianne stocksauer. Die Familie, mit Ausnahme von Madame Pernelle, traut dem zwielichtigen Typen, der den Hausherrn um den Finger wickelt, nicht über den Weg. Orgon ist ein großer Mann, majestätisch und lächerlich zugleich. Er ist dem Blender so sehr verfallen, dass er bereit ist, den Sohn zu enterben und Tartuffe seinen ganzen Besitz zu überschreiben. Er will ihm sogar seine Tochter Marianne, die noch mit Valère verlobt ist, zur Frau geben.

Als Tartuffe dann auftritt, sich als raffinierter Heuchler kriechend nähert, wird klar, wie sehr Orgon die Schmeichelei braucht und genießt. Als er seinem zukünftigen Schwiegersohn einen Ring an den Finger steckt, inszeniert er das als Show. Einzige Zeugin ist die kecke Dorine, die sofort auf die richtige Reaktion sinnt. Wie Elmire, Orgons Gattin, gebraucht sie ihren Verstand und kommt zu dem Schluss, dass Orgon nur mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden kann. Er muss also dazu gebracht werden, mit eigenen Augen zu erkennen, wen er da ins Haus geholt hat. Regisseur Maik Priebe hat Molières Stück, das schon vor der Uraufführung 1664 einen Skandal verursachte, als zeitlose Groteske inszeniert. Mit großen Gesten rauschen die Schauspieler durch den Bühnenraum, laut und exaltiert. Nur Marianne bewegt sich ruckartig wie eine aufgezogene Puppe, sie liebt Valère, doch auch ihren Vater. Die Kostüme scheinen aus der Zeit gefallen, sie wirken original und doch auch wie eine Parodie auf den Prunk der Zeit von König Louis XIV und auf die Verkleidungen der Jetztzeit. An Samt und Seide, Spitzen, Schleifen, Goldbesatz ist nicht gespart worden. Die Gesichter der Mimen sind weiß geschminkt und von üppigen Perücken umrahmt. Wenn die Männer sich zu sehr echauffieren, reißen sie sich schon mal das gepuderte Kunsthaar vom Kopf und wedeln damit herum. Auf dem Höhepunkt der Farce stopft sich Tartuffe, der in Unterwäsche und Mieder Orgons schöne Gattin verführen will, sein Haarteil in die Unterhose, so dass es zum Schamhaar mutiert. Ein feiner, spöttischer Moment.

Genial ist auch die Idee von Bühnenbildnerin Susanne Maier-Staufen, auf der schwarzen Bühne einen bodenlangen Vorhang aus Goldfäden aufzuhängen. Er ist die einzige Kulisse und ermöglicht den Schauspielern jedesmal einen fulminanten Auftritt oder Abgang. Dass Tartuffes Treiben doch noch auffliegt, liegt nicht am Komplott der Frauen, sondern an der Allwissenheit des Königs. Als Orgons schon hoffnungslos verloren scheint, wird der Gauner vom königlichen Kommissar abgeführt; das Schmierentheater ist vorbei. Das Happyend muss sein, sonst wäre das Stück keine Komödie.