Erneuerbare Energien :Gegenwind aus Gauting

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Hieronymus Fischer (li.) kritisiert die geplanten Windkraftanlagen. Auf dem Plenum sitzen (v.li.) Landrat Stefan Frey (CSU), Kristina Willkomm (Bürgerwind), Andreas Albath und Tammo Körnern (beide Zukunft Gauting) und Anette Bäuerle (Bürgerinitiative). (Foto: Arlet Ulfers)

Befürworter und Gegner diskutieren im „Bosco“ über die geplanten Windräder in den Wäldern bei Buchendorf und Königswiesen. Die Stimmung ist gereizt.

Von Christian Deussing, Gauting

Windkraft ist ein Reizwort, das die Gemüter in Gauting schon seit Monaten erhitzt. In den Wäldern bei Buchendorf sollen sechs Windkraft-Anlagen errichtet werden, in der Nähe von Königswiesen vier. Dagegen protestiert die Bürgerinitiative „Umwelt-Energie-Gauting“ (BI): Sie spricht von einer „ökonomischen und ökologischen Geisterfahrt“. Um die schwelende Debatte zu versachlichen, hat am Dienstagabend der Verein „Zukunft Gauting“ unter dem Motto „Pro und Contra Bürgerwind Gauting“ je zwei Vertreter der Betreibergesellschaft Sing und der Bürgerinitiative ins Bosco eingeladen. Rund 300 Interessierte sind gekommen – gespalten in zwei Lager. Die Stimmung war gereizt.

Eingeladen war auch der Starnberger Landrat Stefan Frey (CSU), der das staatliche Genehmigungsverfahren erläuterte und darauf hinwies, dass bereits vor zwölf Jahren Konzentrationsflächen ausgewiesen und alle erforderlichen bau- und umweltrechtlichen Belange geprüft worden seien. Dabei sei auch festgestellt worden, dass die Flächen bei Buchendorf und Königswiesen für die Stromerzeugung durch Windkraftanlagen geeignet seien, sagte Frey.

Genau diese Behauptung bezweifelte Hieronymus Fischer von der Bürgerinitiative: Gauting sei ein „Schwachwindgebiet“, daher sei es zu teuer und unsinnig, hier Windräder zu bauen. Den Vorwurf, dass die BI nach dem Sankt-Florians-Prinzip die Anlagen im eigenen Gemeindegebiet ablehne, wies Fischer entschieden zurück. Er betonte, dass dies mit „kritischer Vernunft“ zu tun habe. Seine Mitstreiterin Anette Bäuerle warnte vor der Verschandelung der Wälder und einem „Rieseneingriff durch Industrieanlagen“, die in dieser hochsensiblen Landschaft nichts zu suchen hätten. Bäuerle fürchtet auch, dass Vögel von Rotoren geschreddert werden – darunter Wespenbussard und Rotmilan.

Kristina Willkomm, Umweltingenieurin und Prokuristin der Bürgerwind GmbH, hielt dagegen: Es würden diffuse Ängste geschürt, die aber unberechtigt seien. Vögel würden nicht geschreddert, das belegten auch die installierten Kameras bei den Windkraftanlagen im Fuchstal bei Landsberg, berichtete Willkomm. Sie ging auch auf die Sorgen in der Bevölkerung vor Schattenwurf und Infraschall ein: Die geplanten Windräder in Buchendorf und Königswiesen hätten einen Abstand von mehr als tausend Metern zur Bebauung, eine gesundheitliche Gefahr bestehe nicht.

Rund 300 Besucher verfolgen im Gautinger Bosco die Debatte um die Windkraft. (Foto: Arlet Ulfers)

Ebenfalls strittig blieb die Frage, ob in hochwertigen Mischwald oder der minder wertvollen Monokultur von Fichtenwäldern eingegriffen werde. Angesprochen wurde in der Debatte unter anderem auch das Thema Flächenverbrauch. Willkomm stellte klar, dass pro Windrad knapp 3000 Quadratmeter als Standort benötigt werde – weniger als die Hälfte eines Fußballfeldes. Demnach werde also nur eine minimale Waldfläche von Gauting versiegelt.

Ein Bürger aus Buchendorf meldete sich zu Wort und kritisierte, dass er später in seinem Blickfeld mehrere Windräder stehen sehe. „Überall im Landkreis sieht man den Berger Windpark“, sagte er, „nur von Berg aus nicht.“ Das stellte Landrat Frey prompt richtig: Unter anderem auch vom Berger Ortsteil Höhenrain aus sind die Windräder zu sehen. Trotzdem stellte er nicht in Abrede, dass Windkraftanlagen als „optische Beeinträchtigung“ wahrgenommen werden könnten. Doch die Windenergie sei zusätzlich notwendig, um umweltfreundlich Strom zu erzeugen und die Energiewende zu schaffen, sagte Frey. Er appellierte ans Publikum, diesen Schritt mitzugestalten und davon zu profitieren.

Auch die Bürger könnten von den Windrädern profitieren

Das ist nicht allein ökologisch gemeint: Nicht nur die Gemeinde soll von den Windrädern finanziell profitieren, auch Gautinger Bürger könnten dies – indem sie sich an den Windkrafträdern finanziell direkt beteiligen. Das entsprechende Konzept bezeichnete der BI-Vertreter Fischer jedoch als „Nebelkerze“, die den Strompreis dauerhaft nach oben treibe.

Aber auch von anderer Seite bekommt die Betreibergesellschaft inzwischen Gegenwind. Einige der möglichen Standorte werden voraussichtlich luftrechtlich abgelehnt, weil Sichtanflugrouten beeinträchtigt sein könnten. Dieser Konflikt sei bekannt und man werde ihn sicher lösen, sagte dazu die Bürgerwind-Prokuristin Willkomm. Ein bisschen vage blieb sie, auf welchen Fahrtstrecken die Windräder zum Wald nach Buchendorf transportiert würden. Es werde eine unkomplizierte Route sein, sagte sie, die aber noch vertraglich zu klären sei.

Faktisch gesichert ist jedoch: Nur 21,8 Prozent der Stromerzeugung stammen laut Frey aus erneuerbaren Energien, darunter lediglich 5,8 Prozent aus der Windkraft. Da bestehe noch Nachholbedarf, sagte der Landrat. Nach gut drei Stunden beendete Moderator Tammo Körner die Veranstaltung – in der Hoffnung, dass die Besucher neue Erkenntnisse gewonnen haben. „Es war ganz interessant“, sagte etwa ein Stockdorfer, als er den Saal verließ. „Ich habe einiges Neues erfahren.“

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