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Coronavirus in Bayern:Webasto will in den "normalen Arbeitsalltag" zurückfinden

Webasto öffnet Stammsitz nach Coronafällen

Webasto-Chef Holger Engelmann glaubt, dass die Infektionskette im Konzern unterbrochen wurde.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Tagelang hat der Konzern seine Zentrale desinfizieren lassen, nun kehren die Mitarbeiter erstmals seit zwei Wochen zurück. Komplett losgeworden ist Webasto das Thema nicht - am Vorabend wurden zwei weitere Infektionen bekannt.

Die Mienen sind entspannt, viele der knapp 1000 Mitarbeiter, die am Mittwochmorgen durch die Drehtüren der Webasto-Zentrale in Stockdorf kommen, lächeln. Ja, sie sei froh, endlich wieder unter Kollegen arbeiten zu können, sagt eine Mitarbeiterin und strahlt. Die vergangenen zwei Wochen war die Zentrale des Autozulieferers geschlossen, nachdem hier eine chinesische Kollegin Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt hatte. "Willkommen zurück" heißt es auf einem Aufsteller an der Straße, "Welcome back" prangt groß auf der Leinwand in der Eingangshalle. "Ich freu' mich", sagt eine Frau, die zielstrebig in Richtung ihres Büros verschwindet, als wolle sie die Party nicht verpassen.

Dass das Gesundheitsministerium am Dienstagabend zwei weitere Coronavirus- Fälle bekannt gab, scheint die Mitarbeiter nicht zu belasten. Dabei handelt es sich um einen 49 Jahre alten Webasto-Angestellten, der in der Schwabinger Klinik in München isoliert wird. Des weiteren wurde ein Familienmitglied eines anderen Mitarbeiters, der bereits in der vorvergangenen Woche erkrankt ist, positiv getestet. Genauere Angaben - etwa in welchem Krankenhaus dieser Kranke behandelt wird - machte das Gesundheitsministerium mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz nicht. Der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann passiert die Drehtür um zehn vor neun mit wehendem Mantel, die Aktentasche in der Hand.

Verwundert hätten ihn die neuen Fälle nicht, sagt er. Die Betroffenen habe man als Kontaktpersonen der Risikogruppe eins im Blick gehabt. Keine 24 Stunden zuvor hatte er noch mitgeteilt, man sei "erleichtert, dass seit Anfang vergangener Woche kein neuer Krankheitsfall unter unseren Mitarbeitern dazu gekommen ist". Es sehe so aus, als habe man durch schnelles und entschiedenes Handeln die Infektionskette im Unternehmen unterbrochen. Nun wolle man nach vorne schauen, wieder in den "normalen Arbeitsalltag" zurückfinden.

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Der Konzern hatte nahezu die komplette Belegschaft ins Homeoffice geschickt, als vor zwei Wochen die ersten Ansteckungen bekannt wurden. Man habe es geschafft, den Betrieb dennoch am Laufen zu halten, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Schließung seien "überschaubar". Laut Engelmann haben sich seither insgesamt 180 Mitarbeiter in mehr als 200 Testdurchläufen auf das Coronavirus testen lassen. Der Konzern habe über mehrere Tage alle Arbeitsplätze, Besprechungsräume, Küchen und Toiletten desinfizieren lassen. "Die Zentrale in Stockdorf ist der wohl keimfreieste Webasto-Standort weltweit", sagte Engelmann. Flugreisen von und nach China sind eingestellt. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) bescheinigt Webasto eine "beispielgebende Zusammenarbeit". Komplett losgeworden ist der Konzern das Thema trotz aller Bemühungen dennoch nicht.

Inzwischen gibt es in Bayern insgesamt 14 Menschen mit der Krankheit Covid-19. Neben den Fällen rund um Webasto wurde das Virus auch bei einem Mann aus dem Landkreis Landsberg nachgewiesen, der nach dem Kontakt zu einem der Infizierten auf die spanische Insel La Gomera gereist war und dort in einem Krankenhaus isoliert ist. Auch bei einer Frau aus Freising, welche die Bundeswehr Anfang des Monats aus China ausgeflogen hatte, wurde die Infektion diagnostiziert.

Den neun im Klinikum Schwabing behandelten Patienten gehe es gut, teilte Chefarzt Clemens Wendtner am Mittwoch mit. Die meisten hätten im Verlauf ihres Aufenthalts lediglich leichte grippeähnliche Symptome gezeigt. Inzwischen seien "fast alle wieder weitestgehend symptomfrei". Die Entzündung der Atemwege eines der Patienten klinge wieder ab. Bei den Tests würden allerdings größtenteils weiterhin Erreger bei den Patienten nachgewiesen. Die intensive Beobachtung der Infizierten dauere darum an. Zusammen mit den Behörden werde an den Rahmenbedingungen für eine Entlassung gearbeitet.

Webasto-Zentrale in Stockdorf am Mittwoch

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(Foto: Nila Thiel)

Ein Webasto-Mitarbeiter aus dem Landkreis Traunstein, der seine Frau und zwei der drei gemeinsamen Kinder angesteckt hat, steht mit seiner Familie im Krankenhaus Trostberg unter Beobachtung. Auch ihnen geht es nach Angaben der Ärzte gut. Webasto-Chef Holger Engelmann hatte sich am Dienstag darüber gefreut, dass einige der Mitarbeiter bereits komplett beschwerdefrei seien und "voraussichtlich in Kürze entlassen" würden.

Derweil erwartet das Unternehmen auch jene Kollegen wieder zurück am Arbeitsplatz, welchen die Behörden eine zweiwöchige häusliche Isolation auferlegt hatten, weil sie engen Umgang mit infizierten Kollegen hatten. Sollte auch der Abschlusstest negativ sein, kehrten diese sukzessive wieder in die Firma zurück, sagte Engelmann. Die ersten Quarantänen hatte das Gesundheitsamt in Starnberg bis zum vergangenen Sonntag für 16 Personen aufgehoben. Insgesamt waren in Bayern knapp 200 Personen von der Vorsichtsmaßnahme zur Verhinderung weiterer Infektionen betroffen.

Zur Lage in China, wo der Autozulieferer elf Fabriken hat, äußerte sich der Webasto-Chef zurückhaltend. Nur langsam würde der Betrieb dort in diesen Tagen wieder aufgenommen, viele Mitarbeiter stünden unter Quarantäne. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen in der Volksrepublik im Jahr 2018 insgesamt 1,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Das größte Werk wurde erst vor wenigen Monaten in Wuhan eröffnet, allein dort lässt das Unternehmen jährlich bis zu zwei Millionen Dachsysteme und 1,2 Millionen Heizsysteme fertigen. Den neuesten Informationen zufolge soll die Produktion dort am 21. Februar wieder beginnen.

© SZ vom 13.02.2020/mmo
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