Der Wald, die Natur – das hat ihm schon oft geholfen. Als er nach seinem größten Triumph in der Klinik war, weil ihm alles zu viel war und er einfach nicht mehr konnte, dann hat sich Sven Hannawald oft auf eine Bank gesetzt. Die lag in einem Waldstück, und wenn er dort saß auf seiner Bank, hatte er einen wunderbaren Blick auf die Alpen. „Das ist hängengeblieben“, erinnert sich Hannawald.
Sven Hannawald, Deutschlands Skisprunglegende, dem bei der Vierschanzentournee vor 23 Jahren das Kunststück gelang, alle vier Springen zu gewinnen, hatte nach seinem Coup ein Burn-out. Deshalb die Klinik, deshalb die Aufenthalte auf der Bank. Seitdem liegt dem ehemaligen Leistungssportler das Thema mentale Gesundheit am Herzen; er setzt sich dafür ein, dass psychische Gesundheit einen höheren Stellenwert in unserer modernen Welt einnimmt, in der es oft nur um höher, schneller, weiter geht anstatt um gesunde Beziehungen und das Respektieren eigener Grenzen. Und weil Hannawald das auch als Botschafter der AOK Bayern tut und inzwischen in Gauting beheimatet ist, läuft er Ende vergangener Woche durch ein Waldstück seiner Wahlheimat und erzählt zum wahrscheinlich 4896. Mal seine Geschichte. Von den Erfolgen. Den Tiefschlägen. Und der Rolle der Natur für ihn. „Ich habe gemerkt, dass der Wald mir guttut“, sagt er.
Anlass für Hannawalds Streifzug durch den Forst ist die Eröffnung des AOK-Gesundheitspfades. An mehreren Tafeln warten dort auf die Besucher Achtsamkeitsübungen und Bewegungseinheiten, bei denen es darum geht, „die heilende Wirkung des Waldes in vollen Zügen zu genießen“, wie es die Krankenkasse ausdrückt. Auf den Waldsofas etwa lässt es sich entspannen, anderswo geht es darum, kleine Kunstwerke zu anzufertigen mit dem, was einem der Wald so gibt: Blätter, Zweige, Eicheln.
Ziel der Initiative ist es, wieder mehr Menschen in den Wald zu locken und so vielleicht ein bisschen Präventionsarbeit dafür zu leisten, dass die Menschen nicht mehr so häufig krank sind. Körperlich wie geistig. Denn Vorsorge stehe mittlerweile bei jeder Krankenkasse auf der Agenda, erläutert André Zarth von der AOK. Vor allem psychische Erkrankungen spielten dabei nach seinen Worten eine immer größere Rolle.

Dass das dringend notwendig ist, zeigen aktuelle Zahlen der AOK: Demnach steuert die Zahl der Krankschreibungen in diesem Jahr mal wieder einen neuen Höhepunkt an. Woran das genau liegt, lässt sich nur schwer herausfinden. Aber zumindest für Hannawald lässt sich ein gewisser Zusammenhang zwischen den Zahlen und unserem Lebensstil nicht von der Hand weisen. Wald und Natur gerieten zunehmend in Vergessenheit, sagt er, bei immer mehr Menschen würden mentale Probleme auftreten. Hannawald geht heute selbst noch oft in den Wald. Das hilft, „wenn man angeknockt ist“, findet er.
Die „Grüne Oase“, wie die AOK ihren Gesundheitspfad auch nennt, liegt im im Südwesten des Ortes im Waldstück der Diözese München und Freising hinter dem Kindergarten „Hokus Pokus“ an der Pötschener Straße. Und auch wenn die Einrichtung derzeit geschlossen ist, passt die räumliche Nähe. Denn das Angebot richtet sich ausdrücklich auch an Kinder. So gibt es auf dem Pfad immer wieder spielerische Stationen, zudem haben die Macher ein Waldklassenzimmer eingerichtet. Auf Baumstümpfen sitzend, können die Kinder dort im Freien unterrichtet werden und sollen so den Bezug zur Natur nicht verlieren. Das Open-Air-Klassenzimmer kann von allen interessierten Schulen genutzt werden.

„In unserer hektischen Welt ist Ruhe ein hohes Gut.“ Der Satz steht auf der Tafel bei den Waldsofas, auf denen man „die heilende Kraft der Stille“ finden soll. Mit Pressetross und der halben AOK-Belegschaft im Schlepptau ist das für Hannawald bei der Eröffnung des Pfades ein wenig schwierig. Aber wenn er mit seiner Hündin durch die Wälder rund um Gauting spaziert und das Handy bewusst zu Hause gelassen hat, gelingt ihm das relativ schnell: Ein paar Minuten brauche er nur, erzählt er. Und dann sind alle nervigen E-Mails und Termine vergessen und er hört nur noch das Rauschen der Blätter und hier und da vielleicht mal einen Vogel. „Wenn ich merke, dass mir der Helm brennt, gehe ich in den Wald“, erzählt er.
Und vielleicht trifft er dabei ja demnächst den ein oder anderen, der in Sachen Wald durch den Gesundheitspfad der AOK auf den Geschmack gekommen ist. Er jedenfalls könne es nur jedem raten, sagt Hannawald.

