In dem neuen Gebäude in der Stockdorfer Firmenzentrale geht es zunächst mit dem Fahrstuhl, in dem auch ein Auto Platz hätte, in den Keller. Dort befindet sich jetzt der Showroom des Autozulieferers Webasto aus der Gemeinde Gauting, der nach seiner finanziellen Rettung im Oktober wieder in die Spur kommen will. Auf großer Fläche im Untergeschoss gibt es ein Modellauto sowie 50 Exponate, Bildschirme und serienreife Prototypen, darunter Heizungen, Batterietechnik und neueste Dachsysteme mit maximalen Öffnungsfunktionen. Bei den Schiebedächern ist das Unternehmen – trotz der Umsatz- und Gewinneinbrüche in den vergangenen Jahren – nach eigenen Angaben immer noch Weltmarktführer.
Mit der bis Ende 2028 abgesicherten Finanzierung will Webasto die schwere Krise meistern. Es sei aber notwendig, mit „Innovationskraft die Produkte nachzuschärfen, sich extrem zu fokussieren und profitabler zu machen“, sagt Firmenchef Jörg Buchheim vor dem Rundgang. Es gehe darum, sich mit verschlankter Organisation auf lokale Märkte zu konzentrieren und näher an den Kunden zu sein. Ziel sei es, nicht nur noch wettbewerbsfähiger zu werden, sondern sich eines Tages auch zu entschulden. Auf die Frage, inwieweit die Rüstungsindustrie für Webasto als Zulieferer ein Geschäftsfeld sein könnte, antwortet Buchheim: Das sei ein stark wachsender Markt und insofern auch interessant – zumal Standheizungen in dem Bereich von Webasto bereits angeboten würden.

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Die neuen Dachsysteme sollen mit reduzierter Mechanik leichter und robuster werden, was besonders für Elektrofahrzeuge attraktiv sei, erläutert Marcel Bartling, Technikdirektor und Vizechef beim Autozulieferer. Das gelte ebenso für effiziente Standheizungen, die speziell auf die thermischen Anforderungen moderner Elektrofahrzeuge zugeschnitten seien und gleichzeitig mehrere Funktionen erfüllten.
Das leistet der „Heated Chiller“ (HCH), der die Lebensdauer von Batterien mit aktiver Temperierung verlängert, damit die Reichweite verbessert und gleichzeitig die Kabine erwärmt. Mit dieser kompakt-komfortablen Lösung will Webasto Maßstäbe setzen und bei den Kunden punkten. Investiert werden deshalb auch 90 Millionen Euro in die Batterietechnologie im Werk in Schierling in der Oberpfalz.


Bezugsfertig sind inzwischen auch die vier Etagen über dem Showroom: Das Gebäude an der Würm hat eine Gesamtfläche von mehr als 5000 Quadratmetern und ist hochwertig ausgestattet – unter anderem mit intelligenter Lichtsteuerung und automatischer Beschattung, wie Projektleiterin Katrin von Hundt berichtet. Noch sucht aber der Konzern Mieter für die weitläufigen Büroflächen. Die Mieter dürften auch die Infrastruktur von Webasto nutzen, von der Kantine bis zur Tiefgarage, die kaum noch ausgelastet ist. In ein Nebengebäude wird schon in einigen Monaten eine Firma für Medizintechnik aus der Region einziehen.

Im Januar werden fast 200 Mitarbeiter in die Stockdorfer Zentrale umziehen, weil die konjunkturelle Krise und Absatzflaute dazu geführt hat, den Gilchinger Standort aufzugeben. Bis Ende des Jahres fallen allein in Deutschland etwa 1000 Jobs bei Webasto weg, weltweit beschäftigt das Unternehmen noch rund 15 300 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr machte der Konzern wohl einen Verlust von 200 Millionen Euro, die Schulden belaufen sich nach eigenen Angaben auf mehr als eine Milliarde Euro.
Mit einem harten Sparprogramm, verlängerten Krediten von rund 1,2 Milliarden Euro und zusätzlich 200 Millionen Euro frischen Kapitals – ausgehandelt mit Eigentümern, Banken und Autoherstellern – versucht Webasto, die Kurve zu kriegen. Firmensprecher Michael Friedrich hofft, dass nun wieder Ruhe einkehrt. Es herrsche zwar „keine Jubelstimmung, aber doch mittlerweile eine gewisse Erleichterung bei den Mitarbeitern“, sagt er.

