Süddeutsche Zeitung

Erfolgreiche Repair-Cafes:Die Glücklichmacher

Oft liegt es an einem lockeren Kabel, an Staub und Dreck, dass Elektrogeräte und Spielzeug nicht mehr funktionieren. Lohnt sich die Reparatur? Ja, zumindest seit es die Repair-Cafes im Landkreis gibt. Die Bilanz einer Erfolgsgeschichte

An einen alten Mann mit einem defekten Radiowecker erinnert sich Norbert Fiedler vom Gautinger Repair-Café besonders gern: Vom Fachhändler hatte der Gautinger erfahren, dass das alte Ding nicht zu reparieren sei. Doch der 94-Jährige hing an seinem Wecker und brachte ihn zu Fiedler. "Es war eine Reinigungssache, dazu ein bisschen Öl - und das Teil funktionierte wieder. Sie glauben nicht, wie sich der Mann gefreut hat", sagt Feinmechaniker Fiedler. Reparieren statt Wegwerfen, das ist das Motto der Repair-Cafés, einer Initiative, die aus Holland kommt. Drei Viertel aller Reparaturen der fünf bisherigen Werkstätten waren erfolgrich, sagt ÖDP-Gemeinderätin Christiane Lüst, die das Gautinger Treffen organisiert hat. So konnten 57 Prozent der defekten Geräte und Gegenstände sofort gerichtet werden, etwa 16 Prozent wurde im zweiten Anlauf repariert, nachdem das richtige Ersatzteil beschafft worden war.

Vom kaputten Toaster oder Wasserkocher bis hin zur Nähmaschine, die den Faden nicht mehr transportiert, vom Handy mit blindem Display bis zum PC mit blockierten Tasten, vom Riss im Rock bis zum wackligen Stuhl - in der ehemaligen Pizzeria im Gautinger Bahnhof wird an jedem dritten Samstag im Monat geflickt, ausgebessert und wieder instandgesetzt. 37 aktive, ehrenamtliche Spezialisten sind beim Organisationsteam gemeldet, doch es werden immer noch Helfer gesucht. Allerdings hat das Team, gerade was Computer betrifft, noch Kapazitäten frei: "Wir stellen beispielsweise auch von Windows auf Linux um oder helfen beim Herunterladen von freier Software", sagt Koordinator Heribert Plaar. Mehr Kuchenbäcker werden gebraucht, sagt Lüst, denn das Repair-Café hat sich zu einem sozialen Treffpunkt entwickelt und bietet gerade Älteren die Gelegenheit, sich kennen zu lernen.

Darum ist es für das Team auch so wichtig, dass Termine und Lokalität für den Sommer gesichert sind. Am 20. Juni, beim Umweltfest der Gemeinde, wird ausnahmsweise im Rathaus repariert, sagte Lüst. Im Juli laufen die Techniker wieder im Bahnhof ein, im August sind Ferien. "Wir sind jetzt mit der evangelischen Kirche im Gespräch, ob wir ins Walter-Hildmann-Haus umziehen können, falls es mit dem Bahnhof nicht weitergehen sollte", so Lüst.

Das Problem des Standortes haben die anderen, bereits etablierten Repair-Cafés im Landkreis nicht. In Herrsching, wo das Projekt im vergangenen Sommer startete, können die Räume der "Herrschinger Insel" an der Bahnhofstraße genutzt werden. Dort finden die Reparatur-Treffen immer am ersten Samstag im Monat statt. Von Anfang an war die Resonanz überwältigend. Das war mit ein Anstoß für den Diplomingenieur Peter Stoehrel, im Oktober 2014 in Starnberg ein weiteres Reparaturcafé zu initiieren. Seither können die Bürger an jedem zweiten Samstag im Monat mit ihren defekten Geräten in den Seniorentreff an der Hanfelder Straße kommen. Sieben Mal schon hatte die Aktion großen Zulauf. Besonders gut in Erinnerung ist Mitorganisatorin Claudia Brosé ein Bub, dessen Lieblingsspielzeug, eine Polizeikelle, nicht mehr blinkte. Ein Kabel war locker, die Reparatur dauerte einige Minuten - und das Kind war überglücklich, erzählt sie.

Seit kurzem hat sich Gilching ebenfalls dem Projekt angeschlossen: Im evangelischen Gemeindehaus von St. Johannes hat Initiator Manfred Gehrke den erste Reparaturtreff organisiert. Auch hier war die Resonanz riesig. Einige Besucher reparierten ihre Geräte mit Unterstützung eines Technikers selbst, sagt Gehrke, der das Projekt auch als Hilfe zur Selbsthilfe versteht. Der nächste Gilchinger Termin ist voraussichtlich der 25. Juli. Für alle Cafés gilt, dass Spenden nötig sind, um Werkzeuge und Arbeitsmittel zu finanzieren.

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Quelle:
SZ vom 04.05.2015
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