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Gauting:Regionalwährung, die sich auszahlt

Kein Spielgeld, sondern eine Alternative zum Euro: die Komplementärwährung Chiemgauer.

(Foto: imago)

Die Gründer des Umweltzentrums Öko & Fair wollen nach dem Vorbild des Chiemgauers den Würmtaler in Gauting und Umgebung einführen. Das Geld brächte Vorteile für örtliche Geschäfte und förderte den Klimaschutz

Von Blanche Mamer, Gauting

Der Würmtaler - was ist das? Ein Bewohner der Würmtalgemeinden? Ja, aber auch der Plan für einen regionalen Taler, ein eigenes Zahlungsmittel. In einer Online-Konferenz zum Thema Regionalwährung, die Christiane Lüst und Karl-Heinz Jobst vom Umweltzentrum Öko & Fair organisiert hatten, gaben Christophe Levannier und Christian Gelleri Auskunft über den "Chiemgauer", das Vorbild für den "Würmtaler". Ihnen zufolge ist die örtliche Währung in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein mit zirka 480 000 Einwohnern 18 Jahre nach ihrer Einführung ziemlich erfolgreich.

Der Chiemgauer sei eine Komplementärwährung, sein Wert an den Euro gekoppelt, erklärt Levannier. Das Zahlungsmittel ist jedoch an verschiedene Regeln gebunden und nur in der Region gültig. Bezahlt werden kann lediglich in den Geschäften und Firmen, die angeschlossen sind. Die fälschungssicheren Scheine sind sechs Monate gültig, danach müssen sie über einen Umlaufzins von drei Prozent angepasst oder in Euro zurückgetauscht werden. Dann werden jedoch fünf Prozent als Regionalbeitrag fällig. Die Währung kann also nicht gespart werden, sie dient vielmehr der Nachfrage und der schnellen Zirkulation vor Ort und kann so eine gewisse Autarkie ermöglichen. "Das Geld bleibt hier und geht nicht gleich an einen internationalen Großkonzern in Asien oder USA. Wir können aus Erfahrung sagen, dass der Chiemgauer dreimal mehr Umsatz macht als der Euro, ein enormes Plus für die regionale Wirtschaft", sagt Levannier, selbst Geschäftsführer eines deutschlandweiten Unternehmens und Vorstand des Vereins Chiemgauer.

Derzeit seien zwischen 700 000 und einer Million Chiemgauer im Umlauf, etwa 200 000 Scheine. Und genau 3794 Verbraucher nutzen die Regiocard, mit der bargeldlos gezahlt wird, antwortet Levannier auf eine Frage. In rund 600 Geschäften und Firmen kann damit bezahlt werden. Der Jahresumsatz liegt bei rund 7,5 Millionen Euro. Das Besondere ist, dass über die Regionalwährung örtliche Vereine und Kulturveranstaltungen unterstützt werden: Denn 60 Prozent des Regionalbeitrags gehen an den Verein der Wahl. Jedes Mitglied gibt bei der Unterzeichnung seinen Verein an, der gefördert werden soll.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Verbindung zur Idee der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes. Die Stadt Traunstein hat beispielsweise den Klimabonus eingeführt. Wer nachhaltige Produkte erwirbt oder umweltfreundliche Aktionen startet, kann damit verdienen. Zum Beispiel gibt es einen Bonus in Form von Chiemgauer für Photovoltaik auf dem Balkon. Auch wer ein Elektrogerät wie zum Beispiel Toaster, Bügeleisen oder Wasserkocher im Repair-Café reparieren lässt, statt ein neues zu kaufen, bekommt einen Bonus.

"Ein wichtiger Aspekt für mich ist, dass mit Bargeld bezahlt werden kann. Die Regiocard ist für viele sicher auch wichtig, doch für mich zählt vor allem, dass Papiergeld ausgegeben wird", sagt Christiane Lüst. Die Scheine im Wert von ein, zwei, fünf, zehn, 20 und 50 Euro verfügen über mehrere Sicherheitsmerkmale, sie sind durchnummeriert und mit einem Barcode zur Prüfung versehen. Und sie haben ein echtes Wasserzeichen.

Die Idee mit dem Regionalgeld ist nicht neu. Bereits 1932 hatte die Tiroler Gemeinde Wörgl mit einer lokalen Tauschwährung ein Freigeld-Experiment gewagt, das trotz der Weltwirtschaftskrise die Gemeinde prosperieren ließ und weltweit Aufsehen erregte. So konnte die Arbeitslosigkeit radikal reduziert, konnten Straßen repariert, Abwasserkanäle und Straßenbeleuchtungen errichtet werden, dazu Wanderwege, die immer noch genützt werden, eine Sprungschanze, die es heute noch gibt, sowie eine Stahlbetonbrücke in die Wildschönau, die in den 1980er Jahre verbreitert wurde. Doch schon 1933 wurde das erfolgreiche Experiment von den Nazis gestoppt.

Die Einführung des Euro 2002 und das Misstrauen gegenüber der Gemeinschaftswährung erwiesen sich als Starthilfe für die Regionalwährung: Sechs Schülerinnen der Waldorfschule Prien am Chiemsee und ihr Lehrer Christian Gelleri entwickelten ein eigenes Zahlungssystem, eine Regionalwährung, die sie "Chiemgauer" nannten und die im Jahr 2003 eingeführt wurde. 2005 wurde der Chiemgauer unabhängig von der Schule.

Das System aufzubauen, sei sehr arbeitsintensiv und verlange Engagement, wie Levannier betonte. In der Chiemsee-Region gebe es etwa 20 Ausgabestellen, mehrere Mitarbeiter seien auf 200-Euro-Basis beschäftigt, dazu kämen eineinhalb Vollzeitkräfte. Das System funktioniere so gut, weil die beiden Städte voll dahinter stünden, sagte Levannier. Darum sei es notwendig, die Kommunen und die Wirtschaftsförderer zu überzeugen und zugleich bei kleinen inhabergeführten Läden Reklame zu machen. "Wir arbeiten daran", sagte Jobst, bisher habe er von offizieller Seite wenig Interesse oder Unterstützung bekommen. Eine Liste für Interessenten findet sich unter: https://wuermtaler.oeko-und-fair.de.

© SZ vom 04.05.2021
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