Als das erste Fenster herausbricht, ist die Gautinger Realschule noch recht neu. Beim Öffnen löst sich das fast hundert Kilogramm schwere Bauteil wegen eines gebrochenen Beschlags aus der Verankerung und stürzt auf einen 13-jährigen Buben sowie eine Mitschülerin, die neben ihm steht. Das Mädchen zieht sich Prellungen am Arm zu, er muss mit einer Gehirnerschütterung stationär ins Krankenhaus. Dieser Vorfall liegt gut zehn Jahre zurück, aber der Ärger mit den Fenstern ist noch lange nicht ausgestanden. Nun muss die gesamte Glasfassade ausgetauscht werden. Im Juli sollen während des laufenden Unterrichtsbetriebs die umfangreichen Arbeiten beginnen.
Die für etwa 34 Millionen Euro errichtete Realschule, die im Herbst 2012 in Betrieb gegangen ist, war von Anfang an beliebt. Die Schülerzahl stieg stetig an, mittlerweile werden knapp tausend Buben und Mädchen in dem zweistöckigen Gebäude mit farbenfroher Fassade, großen Innenhöfen und vielen Holzelementen unterrichtet; sie kommen aus dem ganzen Würmtal und weit darüber hinaus. Eine Besonderheit war die frühzeitige Einführung von Ipad-Klassen. Doch der wegen seiner damals modernen Architektur gelobte Bau macht viel Ärger. Zeitweise wurden Fenstergriffe abmontiert, um Unfälle zu verhindern; schlichte Holzlatten wurden angeschraubt, damit die Fenster nicht ganz geöffnet werden können.
Nach allem, was Fachleute festgestellt haben, müsse man wohl von „Pfusch am Bau“ sprechen, sagt die Gautinger Bürgermeisterin Brigitte Kössinger auf Nachfrage. Von einem „Desaster“ sprach sie in einer Sitzung des Realschul-Zweckverbands, zu dem außer den Landkreisen München und Starnberg auch die Gemeinden Neuried, Gräfelfing, Planegg, Krailling, Gauting und Pöcking sowie die Stadt Starnberg gehören. Verbandssitz ist das Gautinger Rathaus, Kössinger ist die Vorsitzende.
Ein finanzielles Desaster ist es für die beteiligten Kommunen. Nach Angaben der Gautinger Rathaussprecherin Charlotte Jans bewegen sich die Kosten für den Austausch der Fenster und weitere Arbeiten in einer Größenordnung von insgesamt etwa fünf Millionen Euro. Bezahlt wird das aus den kommunalen Kassen; die Beträge werden je nach Schülerzahl aufgeteilt. Bei der Firma aus der Oberpfalz, welche die Fenster eingebaut hat, ist jedenfalls nichts mehr zu holen – denn die ist schon lange pleite.
Die Absturzsicherung ist mangelhaft, ein Provisorium schafft vorübergehend Abhilfe
Beim Bau der Schule vor 14 Jahren sind im Bereich der Fassade wohl einige Fehler passiert. Ein Beispiel: Zum Teil wurden Holzleisten verwendet statt Kunststoffleisten, wie es eigentlich vereinbart war. An einigen Holzleisten kam es dann in der Folge zu Ameisenbefall. Auch eine Absturzsicherung, die aus gespannten Seilen besteht, war mangelhaft, darum wurde vorsorglich in den Faschingsferien ein innen liegendes Provisorium eingebaut. Eine dauerhafte Lösung ist im Zuge der bevorstehenden Bauarbeiten vorgesehen.
Derzeit weisen nach Angaben der Rathaussprecherin 46 Scheiben Risse auf. An vielen Stellen sind Klebestreifen auf den beschädigten Stellen zu sehen. Zum Teil wurde das Glas beispielsweise durch Steinschlag beschädigt, zum größten Teil aber sind die Schäden entstanden, weil die Verglasung zu große Temperaturunterschiede nicht aushält. Ein Sachverständiger wurde beauftragt, die sogenannten thermischen Risse zu untersuchen, er konnte die Ursache aber auch nicht mit letzter Sicherheit herausfinden. Eine mögliche Ursache der Risse ist laut Rathaus „eine Teilverschattung der Fenster durch die künstlerisch gewollte, unregelmäßige Anordnung der Lisenen“; das sind schmale, hervorstehende Bauteile in der Fassade.
Den Austausch aller Fenster empfiehlt auch ein Architekt
Im Zuge einer Gesamtsanierung würden nun alle Scheiben „im Sinne der Energieeffizienz und Funktionsoptimierung“ ausgetauscht, teilt Rathaussprecherin Jans mit. So hatte es auch ein Münchner Architekt empfohlen, der damit beauftragt war, den Murks zu begutachten, denn er ging davon aus, dass sonst an weiteren Fenstern nach und nach Schäden auftreten könnten. Der Austausch wird gerade vorbereitet. Die genaue Bauzeit steht noch nicht fest, die Arbeiten sollen jedoch voraussichtlich im Juli beginnen. Der Aufwand ist immens, die Arbeiten dürften langwierig werden. Schließlich geht es um insgesamt hunderte Scheiben in unterschiedlichen Größen.
Der Schulbetrieb soll möglichst nicht gestört werden. Auch das Kulturspektakel soll ohne Beeinträchtigungen stattfinden können. Das dreitägige ehrenamtlich organisierte Open-Air-Festival findet am letzten Juli-Wochenende am Rand von Gauting auf dem Gelände von Realschule, Gymnasium und Hauptschule statt.

