Auf dem Besprechungstisch in ihrem Büro liegen schon die ersten Abschiedsgeschenke: Nach 21 Jahren verlässt Direktorin Sylke Wischnevsky zum Schuljahresende das Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasium (OVTB) und geht in den Ruhestand. Sie kam 2003 mit dem G8, und geht nun mit dem G8. Am kommenden Donnerstag wird die 65-Jährige feierlich verabschiedet. Wie blickt sie auf die Schulzeit in Gauting zurück, was bringt sie auf die Palme und welche Wünsche hat sie für die Schule der Zukunft?
SZ: Frau Wischnevsky, jeder Schulleiter hat einen Spitznamen. Kennen Sie Ihren?
Sylke Wischnevsky: Irgendwann einmal ist hier auf eine Wand gesprüht worden „I love Wischi“, mit einem Herzchen. Ansonsten werde ich hier im Haus von sehr vielen, gerade auch im Kollegium, als „die Chefin“ bezeichnet. Dazu gibt es eine ganz nette Anekdote: Im Oberstufenkurs wurde einmal ein Lehrer von den Schülern gefragt, warum alle Chefin anstatt Frau Wischnevsky sagen. Da meinte der Lehrer, das sei wie bei Lord Voldemort – der Name dürfe nicht genannt werden.
Wenn Sie auf die 21 Jahre in Gauting zurückblicken: Was war Ihr schönster Moment?
Da gab es viele, meistens mit Schülerinnen und Schülern. Ein besonderes Highlight war für mich auch, als mir eine Elternbeiratsvorsitzende diese Zinnfigur hier (sie zeigt auf eine Figur auf dem Tisch) geschenkt hat als Symbol dafür, wie die Eltern mich mit ihren Kindern sehen: Eine Eule, die die kleinen Eulen unter ihren Fittichen hat.
Und was würden Sie rückblickend am liebsten streichen?
Wenn man auf Unverschämtheit und Dreistigkeit trifft, was leider auch zum Alltagsgeschäft gehört. Beurlaubungsanträge, bei denen man sich nur an den Kopf fassen kann, oder wenn gelogen und betrogen wird. Ungerechtigkeiten regen mich heute noch so auf wie vor 20 Jahren.

Sie haben Hunderten junger Menschen ihr Abschlusszeugnis überreicht. Gibt es welche, an die Sie sich bis heute erinnern?
Da gibt es eine ganze Reihe. Ich hatte einmal einen Schüler, der mittlerweile Oberarzt in Großhadern ist und der wirklich ein absoluter „model student“ gewesen ist. Er hat übrigens damit begonnen, mich zu fragen, ob ich die Abi-Rede mal vorher lesen könne. Das habe ich seither beibehalten.
Sie lassen sich die Abi-Reden vorlegen?
Ich war ja früher selbst lange professionelle Redenschreiberin. Dabei geht es mir gar nicht ums Zensieren, sondern ich gebe lediglich Hinweise, was womöglich wie ankommt und wo man etwas umstellen könnte. In der Regel wird das dankbar angenommen.
Es gibt durchaus auch prominente Absolventen.
Frau Professor Julia Fischer zum Beispiel. Sie war allerdings hier Schülerin, bevor ich an die Schule kam. Zu unserer 50-Jahr-Feier 2017 hatten wir sie als ehemalige Schülerin eingeladen und da bot sie an, aufzutreten. Ich meinte, das müsse sie nicht, doch sie wollte – und es war ein sagenhaftes Konzert. Da stand bei uns in der Aula ein Weltstar mit der Geige auf der Bühne.
Welche Note würden Sie sich selbst für die Schulleitung geben?
Da würde ich mich ungern festlegen. Ich messe mich an den Rückmeldungen. Natürlich werde ich auch beurteilt von oben, und da fehlt nix. Doch viel wichtiger ist mir, wie ich als Dienstvorgesetzte von meinen Kolleginnen und Kollegen gesehen werde. Und wie mich die Schülerinnen und Schüler sehen: Sind die mit mir zufrieden? Und dann natürlich auch die Eltern. Solange die Zustimmung überwiegt, bin ich zufrieden.


Es heißt, Sie seien sehr streng. Stimmt das?
Grundsätzlich betrachte ich das als Kompliment. Ich sage meine Meinung, bin aber auch nicht beratungsresistent. Und auf mein Wort kann man sich verlassen. Als Lehrerin hatte ich nie Disziplinprobleme, musste nie strafen. Ein Schüler meinte mal: „Ich weiß gar nicht, wie Sie das machen: Aber wenn Sie zur Tür reinkommen, ist Ruhe im Karton.“ Ich habe sicherlich eine gewisse Haltung und einen gewissen Blick, das wird mitunter vielleicht als streng wahrgenommen. Vielmehr ist es aber eine klare Linie. Die Wahrheit ist, dass ich mich mit dem Disziplinarwesen eher schwertue: Die meisten der Delinquenten an der Schule sind Burschen, und wenn die mich mit ihren Hundeaugen anschauen, schmelze ich dahin wie der Schnee in der Sonne.
Seit 2009 gibt es das TUM-Kolleg am OVTG, ein Kooperationsprojekt mit der Technischen Universität München. Ihr größter Erfolg?
Das TUM-Kolleg ist eine Klasse für sich. Fünf Schulen hatte das Kultusministerium damals einen eigenständigen Oberstufenzug in Zusammenarbeit mit der TU angeboten, unter anderem uns. Damals ging hier die erste zehnte Klasse aus der Begabtenförderung in die Oberstufe und wir hatten eigentlich kein weiterführendes Angebot. Ich war die Einzige, die damals gesagt hat: wenn, dann jetzt! Das Besondere an dieser Gruppe ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nichts versäumen. Über zwei Jahre sind die Schülerinnen und Schüler jeweils einen Tag in der Woche an der Universität, ihre Stundenpläne werden entsprechend gebaut. An der Uni suchen sie sich einen Mentor und schreiben eine Forschungsarbeit, da gab es schon ganz wunderbare Sachen. Ein Schüler hat eine Arbeit in der Luft- und Raumfahrttechnik gemacht. Die kam so gut an, dass die TU sie als Bachelorarbeit anerkannt hat.
Was blieb auf der Strecke? Sie hatten sich immer eine neue Dreifachturnhalle gewünscht.
Der Gemeinde Gauting als Sachaufwandsträger fehlt das Geld, ich habe da schon ein gewisses Verständnis. Umso mehr freut mich eine Kooperation, die sich mit dem Lehrstuhl für Didaktik der TU auf dem neuen Sportcampus im Olympiapark ergeben hat.
Vor fast 20 Jahren sprachen sie sich für einheitliche Schulkleidung aus, Jacken und T-Shirts waren schon bestellt. Sind Sie da immer noch dafür?
Was ist denn die Grundidee der Schuluniform? Die Gleichheit. Und warum ist das in Deutschland nicht durchsetzbar? Weil Uniformen aufgrund unserer Geschichte in Verruf geraten sind. Ich habe diese Idee mittlerweile abgehakt. Andererseits: Wenn Sie sich die Jugend von heute anschauen, dann gibt es de facto eine Uniform.

Was sagen Sie zu der immer wieder geäußerten Kritik, am OVTG zähle nur die Elite, nicht der durchschnittliche Schüler.
Es ist genau umgekehrt: Dadurch, dass wir die Superschnellen und Superschlauen haben, profitieren die anderen. Es gibt da keinen Dünkel, die Schülerinnen und Schüler aus den Förderklassen bringen sich überdurchschnittlich stark in die Schulgemeinschaft ein. Begabung heißt doch, da wurde etwas gegeben – und ich sehe darin einen Auftrag. Nämlich sein Potenzial zu entfalten und das, was ich kann, weiterzugeben. Dabei helfen wir unseren Schülerinnen und Schülern. Den Deutschen gilt Gleichheit meist als das oberste Gebot, Elite ist schlecht besetzt. So ein Unsinn: Wir müssen als Gesellschaft alles daran setzen, diese Potenziale zu heben. Etwas anderes haben wir nicht.
Da können sich manche noch so sehr anstrengen, sie schaffen es einfach nicht.
Es muss auch nicht immer das Gymnasium sein. Wir haben ein so vielfältiges und durchlässiges Schulsystem. Man muss nicht unbedingt das Abitur machen. Aber die, die da sind, müssen optimal gefördert werden. Es geht um Entfaltung.
Was ist besser – G8 oder G9?
Grundsätzlich ist es keine schlechte Idee, wieder zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren. Dieses Jahr macht was aus, das habe ich vor allem in den Kolloquien gesehen. Echte Gespräche zwischen reifen Leuten fanden eher im neunjährigen Gymnasium statt. Die achtjährigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten waren vielleicht besser vorbereitet, weil sie mehr gelernt haben.
Ist G9 auch besser, weil es nicht mehr so viel Nachmittagsunterricht gibt?
Das würde ich nicht sagen. In vielen Elternhäusern war man im achtjährigen Gymnasium froh, dass die Kinder bis nachmittags um drei in der Schule waren. Und was die Kinder betrifft, ist es doch so: Alle fünf Tage haben sie zwei Tage frei und alle sechs Wochen ein bis zwei Wochen oder noch länger Ferien. Diese Grundhaltung, alles sei so furchtbar anstrengend, ist für unsere Gesellschaft nicht gesund.
Was meinen Sie, wie sich Schule weiterentwickeln muss?
Es braucht eine andere Unterrichtskultur. Das ist der Kern von allem. Für einen schülerzentrierten binnendifferenzierten Unterricht brauchen sie Moderatorinnen und Moderatoren, und keine Dozentinnen und Dozenten. Leider gibt es immer noch Lehrkräfte, die vorne stehen und erzählen. Wenn der Unterricht schülerzentriert ist, arbeiten die Schülerinnen und Schüler für sich auf ihren jeweiligen Leistungsniveaus – und als Lehrkraft kann ich sie entsprechend coachen. Kein Schüler langweilt sich. Mit dem Unterricht steht und fällt alles.

Sind Sie für ein Handyverbot?
Ein Verbot ist der falsche Ansatz, das lässt sich auch nicht durchsetzen. Handys sind unser aller Lebenswirklichkeit. Stattdessen gilt es als Eltern und Schule, die Kinder zu ermächtigen, die Herren des Verfahrens zu sein und nicht dessen Sklaven. Das ist unser Auftrag. Das wird natürlich schwierig, wenn Eltern ihren Vierjährigen in der Kirche Handys mit japanischen Comics in die Hand drücken, um sich selbst auf den Gottesdienst konzentrieren zu können. Oder wenn beim Abendessen die ganze Familie auf Displays starrt.
Wie haben sich die Schülerinnen und Schüler in all den Jahren eigentlich verändert?
Genauso wie die Gesellschaft. Vieles, was ich nach wie vor für selbstverständlich halte, muss heutzutage erklärt werden. Ich kann nicht davon ausgehen, dass Pünktlichkeit für alle ein Wert ist. Respekt, Anstand und gewisse Tugenden zu vermitteln und einzufordern, das kostet uns heute mehr Arbeit als vor 20 Jahren. Und was wirklich schwierig geworden ist, ist die Einstellung zur Wahrheit: Da habe ich schon das Gefühl, dass die Bereitschaft, nicht die Wahrheit zu sagen, größer geworden ist. Da sind die Jungen aber nur ein Spiegel der Alten. Die Kinder als solche sind genauso lieb und nett wie immer.

