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Gauting:Mit 36 Jahren schon 100 Werke komponiert

Johannes X. Schachtner dirigiert zudem zahlreiche Orchester, darunter die Kindersinfoniker der Geigerin Julia Fischer. Seine Stücke folgen einer bestechenden Idee.

Von Gerhard Summer

Das ist ja ein schönes Sammelsurium. An der Kastanie lehnt ein Rechen mit goldenen Zacken. Im Gras glänzt eine Sopranposaune, gleich daneben steht ein feuerrotes Kinderklavier, beides stammt aus dem Arbeitszimmer des Hausherrn, des Komponisten und Dirigenten Johannes X. Schachtner. Die Abendsonne schaut mit schweren Lidern und ein wenig irritiert über den Zaun, wer kann's ihr verdenken? Und mitten in diesem von der Fotografin geschaffenen Arrangement sitzt hochvergnügt Schachtner, eine Partitur auf dem Schoß. Fehlte nur noch, dass Meisen den Garten in Schach halten, aber das kommt nur in Texten von Johanna Schwedes vor, die Schachtner vertont hat.

Ob das Bild nicht ein wenig überladen wirken könnte? Ach nein, antwortet Schachtner, "ich finde das schön". Und er hat dabei diesen Blick auf, der womöglich charakteristisch ist für ihn: durchaus ernst, dabei aber ein ganz klein wenig amüsiert und sachte forschend.

Klar, das mit den Symbolen passt schon. Der arrivierte Klassik-Komponist aus Gauting, der erst 36 ist und mit knapp 100 Werken schon ein beeindruckend umfangreiches Œuvre geschaffen hat, schreibt gern für ausgefallene Besetzungen. Für Klavier, Naturtrompete und Naturhorn etwa. Auf der CD "Sammelsurium" mit seinen Stücken ist ausschließlich Musik für Blech und Tasten zu hören. Und: Schachtner schwingt schon länger den Rechen im Garten der musikalischen Förderung, wenn man das so nennen mag. Der immer noch jugendlich wirkende Mann, der eine Vorliebe für merkwürdige Schreibweisen hat, gründete vor sechs Jahren das Jugendensemble für neue Musik Bayern, die Münchner Gruppe JU[MB]LE mit Musikern im Alter zwischen 14 und 21. Seit 2015 leitet er außerdem das Gautinger Vokalensemble "collegium: bratananium", das aus dem Kammerchor St. Benedikt hervorgegangen ist. Der Name fiel ihm schon ein, als er Orchesterprogramme mit Jugendlichen gemacht hat, "ich fand ihn mit 17 gut".

Ein Rechen mit goldenen Zacken, ein knallrotes Kinderklavier, eine Sopranposaune und eine Partitur: Das Sammelsurium in seinem Garten in Gauting ist ganz nach dem Geschmack des Komponisten Johannes X. Schachtner.

(Foto: Arelt Ulfers)

Seit Mitte 2019 ist noch Julia Fischers Orchester dazu gekommen, das schlicht Kindersinfoniker heißt. Wohl einzigartig an dem Projekt ist, dass sich die weltberühmte Geigerin aus Gauting und ihre Studienkollegen, Schachtner und der Pianist und Dirigent Henri Bonamy, der Breitenförderung verschrieben haben: Sie kümmern sich um die Sieben- bis 14-Jährigen, die erst Grundkenntnisse mitbringen, genauso wie um Ausnahmetalente. Julia Fischer sieht das Orchester als Komplettierung ihrer Tutzinger Musikferien für junge Instrumentalisten aus aller Welt an, sie will ihrem Heimatort damit etwas zurückgeben.

Sie und Schachtner kennen sich seit ihrer Schulzeit. "Sie war im Otto-von-Taube-Gymnasium zwei Jahre über mir", sagt Schachtner, ihre Freundschaft habe begonnen, "als ich 14 und sie 16 war". Derzeit sind 30 bis 35 Kinder bei den Sinfonikern dabei, fünf Konzerte haben sie bisher gegeben, unter anderem in Gauting, Starnberg und Gräfelfing. Schachtner ist fürs Dirigat, fürs Repertoire und für die Ausbildung der Kinder zuständig. Er sehe das "als Auftrag, Natürlichkeit herzustellen", sagt er. Denn es gehe nicht immer darum, Solist zu sein, sondern auch mal in der zweiten Reihe zu wirken. "Das ist total wichtig, erst dann lernt man die Musik im Ganzen kennen". Auch Julia Fischer habe im Schulorchester zweite Geige gespielt, als sie schon mit weltbekannten Orchestern auftrat, und er selbst reihte sich bei den zweiten Trompetern ein. "Das schadet nicht".

Voll konzentriert spielen die Kindersinfoniker.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Pandemie hat heuer auch die Planung der Kindersinfoniker durcheinander geschüttelt. Unterricht ist derzeit nur noch online möglich, das nächste Konzert mit Werken von Mozart bis Britten ist auf Juli verschoben worden. Zeitgenössische Stücke stehen bisher nicht an. "Interessant wäre das schon", sagt Schachtner. "Aber es geht darum, was den Kindern am meisten hilft."

Schachtner kommt aus einer Musikerfamilie. Der Sohn des langjährigen Kirchenmusikers von St. Benedikt, Johannes M. Schachtner, ist mit Trompete, Cello und Orgelklängen aufgewachsen. Er studierte Komposition und Orchesterdirigieren in München, leitete fünf Jahr lang das von dem Komponisten Wilhelm Killmayer initiierte "A•DEvantgarde"-Festival. Er schrieb Auftragswerke für die Biennale und die Opernfestspiele in der Landeshauptstadt. Solisten wie Julius Berger, Silke Avenhaus und Julia Fischer führen seine Musik auf.

An diesem Abend auf seiner Terrasse spricht er viele Themen an. Beispielsweise, dass er nach dem Ende des Festivals "Echolot" mit an der Idee arbeite, wieder neue Musik ins Schloss Kempfenhausen zu bringen. Dass er angesichts der Gender-Diskussion durchaus einen Gedanken darauf verwende, ob in der Johannes-Passion nicht eine Frau die Partie des Jesus von Nazareth singen sollte. Dass er ein Faible für selten gespielte Komponisten habe, Luigi Dallapiccola und Edward Elgar etwa. Und dass ihm Mahler-Symphonien das Tor zu einem Kosmos öffneten, in dem es "um Historisches und das Erschaffen neuer Welten geht". Beides spielt auch in seinen Werken eine Rolle. Schachtner sagt: "Ich bilde die Welt ab, die ich erlebe".

Julia Fischer beim ersten Konzert unter Schachtners Leitung.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wie seine oft von Literatur inspirierte Musik klingt? Spannend, überraschend, selten schrill. Häufig folgen seine Arbeiten einer bestechenden Idee. Nur ein Beispiel: In "Aufstieg", einer Ballade für Bariton und kleines Ensemble, dient ihm ein wunderbarer Text von Johanna Schwedes als Libretto ("ich kenn mich nicht aus mit Bergen/aber seine klebrigen Wege legen sich mir um den Hals wie Kinderarme"). Schachtner verstärkt die düster absurde Atmosphäre durch aufwallende Dramatik und geniale Wortwiederholungen, jagt den Sänger für ironische Brechungen in die Kopfstimme. Und am Ende ("vom Himmel hängt ein schwarzer Strang/ ich zieh dran/und lösch die Welt") verzichtet er auf jeden Effekt. Die Musik hört schon vorher auf: ernst, ein klein wenig amüsiert und sachte.

© SZ vom 26.04.2021
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