Gauting Klangspiele

Ohne Wettbewerbsdruck: Daniela Koch, Noémi Zipperling, Agnès Clément, Caspar Vinzens und Lukas Sieber (v. li.) beim Konzert in Gauting.

(Foto: Arlet Ulfers)

Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs glänzen im Gautinger Bosco mit Raritätendes Repertoires für Flöte, Harfe, Cello und Streichquartett

Von Reinhard Palmer, Gauting

Das Festival von Preisträgern des ARD-Musikwettbewerbs im Gautinger Bosco hat schon besondere Qualitäten. Da ist zunächst die gesteigerte Begeisterung der jungen Musiker, die im Spiel entspannt und voller Tatkraft ihren Erfolg auskosten und das Publikum daran teilhaben lassen. Und das ist zum anderen das Programm selbst, das wegen der nicht selten ungewöhnlichen instrumentalen Kombinationen viele Raritäten auf den Plan ruft. Obgleich Flöte, Harfe und Streichquartett nicht gerade eine exotische Besetzung ist, gibt es offenbar keine anspruchsvolle Originalliteratur für diese Konstellation.

Was also im Kulturzentrum Bosco zu hören war, stellte diverse klangspielerische Zusammensetzungen aus dem gegebenen Instrumentarium dar. Doch selbst bei diesem flexible Umgang war es notwendig, auf Raritäten zu setzten, ist doch der Einsatz der Harfe in der Kammermusik selten und im Grunde erst vom Ende des 19. Jahrhunderts an zu finden.

Musikliteratur, die vor allem aus dem spätromantischen Erbe heraus mehr oder weniger den Weg in die Moderne sucht, hat packende Qualitäten, ist aber auch bisweilen mit Ideen und musikalischen Mitteln überfrachtet. Dennoch und trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente fanden die jungen Musiker immer eine klare Linie, in dieser Dichte und Intensität Ensemblehomogenität zu kreieren. Meist in erzählerischer Manier, ist doch gerade das klangmalerische Erzählen ein spezifischer Aspekt dieser Übergangsperiode. Explizit im "Conte fantastique" des Franzosen André Caplet, der darin die Poe-Erzählung "Die Maske des roten Todes" letztendlich dafür nutzte, seine eigenen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg zu verarbeiten.

Aber auch der Brite Arnold Bax war ein musikalischer Erzähler. Zumal seine Vorbilder die Kelten waren, deren elegisch-melancholisches Erbe der Barden dem klagenden Quintett für Harfe und Streichquartett von 1919 spezifische harmonisch-melodische Besonderheiten verlieh, vor allem aber die atmosphärische Dichte. Diese zu gestalten, fiel zumeist der kecken Französin Agnès Clément zu, da der Charakter des Harfenklangs darin entscheidend ist, gerade bei einer derart ausdrucksstarken Interpretin.

Der Flöte gehörten nicht nur die Glanzlichter, sondern auch die Neigung zu überschwänglichen Höhenflügen. Besonders in den geistreichem "Variations libres et final" von Gabriel Pierné, der zusammen mit Debussy und Ravel zu den großen französischen Meistern gehört, trug die euphorische Österreicherin Daniela Koch viel zur feinsinnig changierenden Farbigkeit bei. Zusammen mit dem expressiven Cellisten des Aris Quartetts, Lukas Sieber, nahmen Clément und Koch dann spektakulär die Herausforderung an, "Deux pièces en trio" op. 80 des Belgiers Joseph Jongen ein Zeugnis für kompositorische Gewandtheit, Ausdrucksvermögen und packende Dramaturgie auszustellen. Insbesondere aus dem Kontrast vom langsamen, an Debussy erinnernden Satz und dem vitalen, heiteren und virtuosen zweiten Stück schöpfte das Trio eine packende Gesamtwirkung.

In puncto Unterhaltungswert gab das Repertoire ohnehin viel her. Ein Highlight war dabei zweifelsohne Mozarts Flötenquartett A-Dur KV 298, das der Komponist nach dem Vorbild des französischen Quatuor d'airs dialogués aus Themen anderer Komponisten kreierte. Ein musikalischer Spaß, der für einen privaten Zirkel gedacht war und von den Preisträgern mit dem adäquat galanten Augenzwinkern gespielt wurde.

Nach Caplets hochdramatischem "Conte fantastique" war aber auch der Weg zum absolut ernsten Streichquartett geebnet. Im C-Dur-Quartett op. 59/3 von Beethoven machte das Aris Quartett - neben Sieber die Geigerinnen Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling sowie der Bratschist Caspar Vinzens - seinen vitalen Zugriff deutlich. Aber auch den klanglichen Reichtum und die Ausdruckspräzision, vor allem im volkstümlich-russischen Andante, aber auch im mozartisch anklingenden Menuett.

Der Schlusssatz demonstrierte Beethovens orchestralen Anspruch in diesem Werk mit einem packenden Kehraus voller Wucht und Energie. Lang anhaltender, begeisterter Schlussapplaus im Gautinger Bosco.