Bestattungskultur:Ein Platz für Sternenkinder

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Bestattungskultur: Michaela Thiel (links) und Monika Bräuer-Gerlach wollen auf dem Waldfriedhof einen wolkenförmigen Bestattungsplatz für Sternenkinder schaffen.

Michaela Thiel (links) und Monika Bräuer-Gerlach wollen auf dem Waldfriedhof einen wolkenförmigen Bestattungsplatz für Sternenkinder schaffen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben, sind ein Tabuthema. Für sie gibt es auf Friedhöfen oft keinen separaten Bereich - und für Eltern keinen Ort zum Trauern. Besuch auf einem Waldfriedhof, bei dem ein Gemeinschaftsgrab entstehen soll.

Von Carolin Fries

Sie heißen Sternen-, Schmetterlings- oder Engelskinder und sind noch immer ein Tabuthema. Zu groß ist die Unsicherheit im Umgang mit Eltern, deren Kind tot geboren wurde oder kurz nach der Geburt gestorben ist. So bleiben Betroffene meist unter sich, tauschen sich in Internetforen oder Trauergruppen aus. Dass das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung kaum auftaucht, liegt auch daran, dass viele Gemeinden auf ihren Friedhöfen keine separaten Bereiche für Sternenkinder ausgewiesen haben.

Auch im Landkreis Starnberg gibt es solche Anlagen bislang nur in Starnberg und Herrsching. Nun will auch Gauting auf dem Waldfriedhof einen gemeinschaftlichen Bestattungsort für Sternenkinder schaffen. Die Nachfrage war in den vergangenen Jahren gestiegen.

Seit 2013 können Eltern ihre Sternenkinder unabhängig von deren Größe und Gewicht selbst bestatten

Als Sternenkinder werden alle Kinder bezeichnet, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. In Bayern haben die Eltern eine Bestattungspflicht bei lebend geborenen Kindern unabhängig von deren Alter und Gewicht. Bei still geborenen Kindern gilt die Bestattungspflicht von der 24. Schwangerschaftswoche beziehungsweise von 500 Gramm Geburtsgewicht an. Für alle Sternenkinder, die weniger wiegen oder früher geboren werden, gibt es seit 2005 eine Bestattungspflicht für die Kliniken. Meist haben die Krankenhäuser ein Gemeinschaftsgrab und organisieren zweimal im Jahr eine gemeinsame Bestattung sowie eine Gedenkfeier für die Eltern und Angehörigen. Seit 2013 ist es möglich, dass Eltern unabhängig von deren Größe und Gewicht ihre Sternenkinder auch selbst bestatten können.

Im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Bundesamtes für Statistik 3180 Sternenkinder mit einem Gewicht von mindestens 500 Gramm in Deutschland geboren. Das entspricht etwa 0,41 Prozent aller in diesem Jahr in Deutschland geborenen Kinder. Gauting hat in den vergangenen Jahren zwischen 160 und 190 Geburten registriert, die Zahl der Sternenkinder erfasst die Gemeinde nicht. Doch habe es immer wieder vereinzelt Nachfragen nach einem Bestattungsort gegeben, berichtet Michaela Thiel. Allein 2021 hätten vier Familien angefragt.

Bestattungskultur: In Skizzen haben die Initiatorinnen ihre Ideen für eine Sternenkind-Anlage auf dem Friedhof veranschaulicht.

In Skizzen haben die Initiatorinnen ihre Ideen für eine Sternenkind-Anlage auf dem Friedhof veranschaulicht.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Naturschutzbeauftragte der Gemeinde hat sich daraufhin mit Friedhofsverwalterin Monika Bräuer-Gerlach beraten. Gemeinsam haben sie einen Plan für einen Bereich mit 20 Gräbern im nördlichen Teil entworfen. "Es gibt so viele neue Bestattungsformen, die wir anbieten", sagt Bräuer-Gerlach. "Warum sollten wir nicht auch diesem nachvollziehbaren Wunsch nachkommen." So könnten Eltern ihre Sternenkinder freilich auch in Familien- oder Einzelgräbern bestatten. Doch viele sehnten sich nach einem gemeinschaftlichen Ort der Trauer. "Für mich ist das ein Herzensprojekt", bekennt Bräuer-Gerlach, die seit 33 Jahren auf dem Gautinger Friedhof arbeitet.

In Form einer Wolke soll das etwa 20 Quadratmeter große Gräberfeld von Granitsteinen eingefasst werden. Die kleine Fläche auf dem insgesamt 4,4 Hektar großen Gelände mit etwa 4500 Gräbern liegt zwischen Urnenwänden und dem neu geschaffenen Bereich für Baumbestattungen. Sterne aus Granit sollen die einzelnen Grabstellen markieren und die Möglichkeit zum Aufstellen einer Kerze oder eines Kuscheltieres geben. Die Namen der verstorbenen Kinder sollen an einer der zwei 1,40 Meter hohen Kalkstein-Stelen am Rand der Wolke auf kleinen Bronzeschildern gebündelt werden. Die Säulen verbindet ein bunter Regenbogen aus Glas. "Der Stein wirkt absichtlich wie abgebrochen am Übergang zum Regenbogen", erklärt Thiel, "so wie das Leben der Kinder abgebrochen wurde."

Die Grabanlage wird auch zu einem Treffpunkt für Betroffene

Die Granitsteine liegen schon lose wolkenförmig im Gras, im Frühjahr sollen die Arbeiten beginnen. Monika Bräuer-Gerlach will die Wolke mit insektenfreundlichen Blumenstauden und Gräsern bepflanzen, "über das ganze Jahr soll etwas blühen." Die Kosten für die Gemeinde werden bei etwa 15 000 Euro liegen, der Gemeinderat hat dem Vorhaben im Juli einstimmig zugestimmt. Was Eltern für einen Stern in der Wolke zahlen müssen, ist noch nicht klar, die Friedhofssatzung muss noch überarbeitet werden. "Aber es wird definitiv nur ein kleiner Betrag sein", sagt Thiel. Sollten die 20 Sterne irgendwann vergeben sein, könne man die Anlage erweitern. Thiel freut sich, dass Gautinger Familien, die dieses schwere Schicksal trifft, nicht mehr auf Friedhöfe in anderen Gemeinden ausweichen müssen, um ihr Kind im Kreise anderer Kinder beisetzen zu können. So würde die Grabanlage auch zu einem Treffpunkt für Betroffene.

Monika Bräuer-Gerlach ist stolz, dass mit der Sternenkind-Anlage ein Stück mehr Vielfalt auf dem Waldfriedhof einzieht. "Wir machen viel zu wenig Werbung für unseren Friedhof", sagt sie. Mit seinen 371 Bäumen, zahlreichen Tieren und liebevoll gestalteten Freiflächen sei dieser ein echter Naturerlebnispark. Zumindest hier gibt es bald ein Tabuthema weniger.

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