Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Das Leben hinter der Fassade

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Der Gautinger Fotograf Michael Nguyen zeigt im Kulturhaus Bosco Aufnahmen, die Motive am Straßenrand in ungeahnter Schönheit abbilden.

Von Blanche Mamer

Das erste Foto am Treppenaufgang im Bosco in Gauting wirkt wie eine Illusion. Da scheinen Bäume und ein Sprungturm am oberen Rand aufgehängt zu sein, doch dann erkennt der Betrachter die Spiegelung im Wasser des großen Beckens im Gautinger Sommerbad. Dieses Bild aus der fortlaufenden Serie "By the roadside" / "Heimat Gauting: Am Straßenrand" hat Fotograf Michael Nguyen ganz bewusst als Auftakt zu seiner Ausstellung gewählt, denn es ist die einzige Aufnahme aus Gauting. Alle anderen zeigen Fotos aus München und Städten in Bayern, Österreich und Italien, die Nguyen in den langen Monaten der Pandemie durchstreift hat.

Es sind eigentlich unscheinbare alltägliche Ansichten, die er durch seinen besonderen Blick in unerwarteter Schönheit erstrahlen lässt. Wie zum Beispiel die graue Wand einer Lagerhalle und ein kleines Bäumchen mit hellgrüner Krone vor einer knallroten Wand, dessen Farben förmlich explodieren. Oder eine leere Sesselreihe in der Allianz-Arena und die große Leere im Busbahnhof von Rosenheim, mit einem einzigen wartenden Menschen.

Genau zu schauen, ist das Anliegen des Fotografen, der im vergangenen Jahr mit den Günther-Klinge-Kulturpreis der Gemeinde Gauting ausgezeichnet wurde. Und das Besondere im Alltäglichen zu finden und abzubilden. "Vieles nehmen wir gar nicht mehr wahr, doch die Fotos zeigen uns, wie überraschend schön unsere Umgebung ist", sagt ein Besucher bei der Ausstellungseröffnung. Eigentlich hätte Professor Rainer Funke von der Fachhochschule Potsdam die Einführung mit dem Thema "Ruhe im Blick" halten sollen, doch eine Ansteckung mit Corona hat sein Kommen verhindert. Nguyen weist auf Funkes Lieblingsfoto, es hängt ein wenig versteckt an einer Säule nahe der Bar und zeigt ein rotes Rennrad hinter einem grauen Mäuerchen vor einer weißen Wand. Das Design habe Funke besonders begeistert, erzählt Nguyen. Er selbst ist immer noch Fan seiner Aufnahme einer Parkhauswand mit Durchblicken auf die Umgebung. Diese Fensteröffnungen mit den unterschiedlichen Ansichten wirken auf den ersten Blick wie Poster, doch sie zeigen das Leben hinter der Fassade.

Überhaupt sind es Fassaden, Wände, Begrenzungen, auf die uns Nguyen aufmerksam macht. Wie die Fassade des Kinderhauses Nürnberg, wo sich eine schwarzweiße Struktur über rote und blaue Fenster-Rechtecke schiebt. Und ja, Nguyen fliegt auf Rot. Knalliges Rot, ganz ohne Fotoshop, wie er betont. Seine Lieblingsfarbe findet er an erstaunlichen Orten wie dem riesigen leeren Parkplatz der Allianz-Arena und der gefliesten Wand einer U-Bahn. Oder er nimmt ein rotes Moped vor einem Schulgelände auf. Das Besondere an diesem Foto ist jedoch die aufgehende Sonne, die als strahlender Punkt im Rückspiegel des Gefährts leuchtet. Auf jedem Foto gibt es eine solche Entdeckung, und sei es nur die Abwesenheit von Menschen. Viele der Orte seien sonst nämlich extrem belebt, doch nun wegen der Pandemie leer oder gerade mal von einem Einzelnen "bewohnt". Trotzdem strahlen die meisten dieser urbanen Ansichten eine gute Atmosphäre aus, selbst das Bild des schlafenden Obdachlosen auf einer unendlichen grauen U-Bahntreppe wirkt nicht trostlos. Erinnert aber doch an die Schrecken des Ukraine-Krieges und die Angst der Flüchtenden und ihr Überleben in Bunkern und U-Bahnschächten.

Als Special Guest hat die Gautinger Malerin Susanne Kotrus einige der Venedig-Fotos als Lithografien verarbeitet. Und unter dem Motto "Gauting im Fenster" ist auf einem Bildschirm eine Auswahl der früheren Aufnahmen aus Gauting zu sehen, von außen, ohne dass man zu den Öffnungszeiten des Bosco-Büros hineingehen muss.

Die Ausstellung dauert bis zum 14. Mai. Am Sonntag, 3. April, 14 Uhr, ist eine Führung geplant.

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