Moderne WeihnachtsgeschichteMehr als nur ein Dach über dem Kopf

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Heute gibt es Borschtsch: Bärbel W. (links) mit ihrem ehemaligen Gautinger Nachbarn und den neuen Bewohnern am Esstisch in ihrem Elternhaus.
Heute gibt es Borschtsch: Bärbel W. (links) mit ihrem ehemaligen Gautinger Nachbarn und den neuen Bewohnern am Esstisch in ihrem Elternhaus. Franz Xaver Fuchs

Bärbel W. und ihre Geschwister stellen das Haus ihrer verstorbenen Mutter in Gauting Menschen aus der Ukraine zur Verfügung - spontan und unbürokratisch. Ein Glücksfall für die gesamte Nachbarschaft.

Von Carolin Fries, Gauting

Der Borschtsch dampft noch heiß auf den Tellern, da kommen Julia Yeromenko plötzlich die Tränen. "Ich bin Ihnen so dankbar", sagt die 60-Jährige. Dann schluckt sie einmal, findet ihre Stimme wieder und erzählt, wie sie alle Menschen, die ihr und ihrer Familie in Deutschland geholfen haben, einmal in die Ukraine einladen will. "Ich habe die Bilder ganz deutlich im Kopf", sagt sie. "Zwei oder drei Busse" würde sie wohl schicken müssen. Tagelang würden sie dann an großen Tischen zusammensitzen und ukrainische Spezialitäten essen: Den weichen weißen Speck in großen Stücken zu deftigen Suppen und Eintöpfen zerkauen. Und als Nachspeise in Salzwasser eingelegte Wassermelonen und Pyroky, ein mit Apfel und Mohn gefülltes Hefegebäck. "Hier ist es nicht leicht, die Zutaten zu bekommen", sagt die Frau entschuldigend. Selbst das Gemüse schmecke anders, obwohl es doch auch Paprika, Zwiebeln und Zucchini sind.

Anneliese und Wolfgang Drexler mit Bärbel W. im Garten von deren Elternhaus.
Anneliese und Wolfgang Drexler mit Bärbel W. im Garten von deren Elternhaus. Franz Xaver Fuchs

Im ersten dieser Busse, ganz vorne drin, würde Bärbel W. sitzen, sagt Yeromenko. Und die beiden Geschwister der 56-Jährigen, die zusammen in Gauting aufgewachsen sind. Sie haben vor neun Monaten das leer stehende Reihenendhaus ihrer verstorbenen Mutter sieben Menschen aus der Ukraine zur Verfügung gestellt, spontan und unbürokratisch. Hier wohnt jetzt Julia Yeromenko mit ihrem zweiten Mann Oleksander Nekhoroshiy und dessen Enkelsohn Marko, ihrer Nichte Ina Kovalenko mit Sohn Hlib sowie den Eheleuten Svetlana und Peter Zvaryschuk, Tante und Onkel vom Lebensgefährten von Julias Tochter.

Knapp ein Jahr stand das Haus davor leer, die Geschwister wussten nicht so recht, was sie damit anfangen sollten. Im März dieses Jahres waren sie sich aber schnell einig: Menschen aus der Ukraine sollten in ihrem Elternhaus ein Zuhause finden. Es war ja alles noch da: die komplett ausgestattete Küche, das gemütliche helle Wohnzimmer mit hölzerner Schrankwand, der gepflegte und dennoch wilde "Märchengarten", in dem sie als Kinder gespielt hatten. "Wir sind ziemlich verwöhnte Rotzlöffel", sagt Bärbel W., eine groß gewachsene Frau mit frechem, dunkelblondem Pagenkopf. "Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären wir unverschämte verwöhnte Rotzlöffel."

Am Münchner Hauptbahnhof beginnt die Geschichte mit einer alltäglichen Frage

So ist die Geschichte von Julia Yeromenko und ihrer Familie eine moderne Weihnachtsgeschichte, wie sie in diesen Wochen Zigtausende von Menschen erleben, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Suche nach einer Unterkunft sind.

Julia Yeromenko und ihre Verwandtschaft erfahren das Wunder am Münchner Hauptbahnhof. Hier arbeitet ihre Tochter Olena als Dolmetscherin eines Tages an der Seite von Bärbel W. Vor zwei Jahren hat W. ihren Job als Managerin an den Nagel gehängt und lebt seither als Privatière. "Zeit, auch in anderen Bereichen einen Beitrag zu leisten", sagt sie. Für die Caritas hilft sie am Hauptbahnhof, später arbeitet sie für den Verein "München hilft" auf dem Messegelände in der Unterkunfts-Vermittlung. "Ich wollte immer auch von den Dolmetschern wissen, wie es ihnen geht", sagt Bärbel W. Also unterhält sie sich mit Olena Yeromenko - und die junge Ukrainerin, die seit 18 Jahren in Deutschland lebt, erzählt, wie sie in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung aktuell zu elft leben, weil sie acht Familienmitglieder aufgenommen hat.

Die beiden tauschen Telefonnummern, noch am gleichen Abend macht Bärbel W. das Angebot: Olena Yeromenkos Familie kann in Gauting einziehen. Das war an einem Sonntag, "am Mittwoch ist die Mannschaft dann eingezogen", erinnert sich Bärbel W. Zusammen mit ihrem Bruder hat sie das Haus noch ein bisschen hergerichtet, Bettzeug und Handtücher bereit gelegt. Und beim ersten Besuch dennoch gestaunt: "Das war so super ordentlich hergerichtet innen und außen, dass ich das alte Haus fast nicht wiedererkannt habe."

Neben dem großen Esstisch steht noch immer der Flügel, an dem ihre Mutter so gerne gespielt hat, "bis auf mich sind wir eine sehr musikalische Familie". Und so erlebt auch Bärbel W. ein Wunder: Kaum dass Julia Yeromenko mit ihrer Familie im Haus ist, den silberfarbenen Anorak noch gar nicht ausgezogen, setzt sich die 60-Jährige ans Klavier, spielt und singt ein ukrainisches Volkslied. "Es handelt von der Liebe", erklärt sie später. Ein junger Mann lädt ein Mädchen im Mondschein zu sich, doch dieses lehnt ab. Zu müde sind ihm die Beine nach einem langen Tag mit schwerer Arbeit. "Da trägt der Mann es einfach." Bärbel W. kann gar nicht beschreiben, wie sehr sie dieser Moment berührt hat. "Das ist alles kein Zufall."

Julia Yeromenko ist in der Ukraine Solistin des sinfonischen Orchesters. Inzwischen hat sie ein Cello geliehen bekommen und kann wieder musizieren.
Julia Yeromenko ist in der Ukraine Solistin des sinfonischen Orchesters. Inzwischen hat sie ein Cello geliehen bekommen und kann wieder musizieren. Franz Xaver Fuchs

In der Ukraine hat Julia Yeromenko als Solistin des sinfonischen Orchesters Cello unterrichtet. Inzwischen hat sie ein Leihinstrument und spielt beim Starnberger Philharmonie-Orchester. Auch der 14 Jahre alte Marko, der in Kiew ein Musik-Internat besucht hatte, hat als Querflötist ein junges Ensemble in Starnberg gefunden. "Wir hören ihn regelmäßig üben", sagt Wolfgang Drexler, der mit seiner "früheren Verlobten und heutigen Frau" Anneliese, wie er diese vorzustellen pflegt, im Haus gegenüber wohnt. Auch sie hätten einen Platz in Julias Bus. Wobei Wolfgang Drexler wichtig zu betonen ist, dass es mehr ein Miteinander denn ein Geben in eine Richtung ist: "Diese Familie ist ein Glücksfall für alle." Selbstverständlich hätten sie in den ersten Wochen mit Werkzeug für Haus und Garten ausgeholfen, beim Deutschlernen unterstützt oder mal ein Radl repariert.

Später dann haben sie Julias Mann Oleksander Nekhoroshiy, 66, den alle nur Sascha nennen, und den 67 Jahre alten Peter Zvaryschuk hin und wieder für Gartenarbeiten oder Fahrten zum Wertstoffhof angeheuert, stets gegen einen ordentlichen Stundenlohn. Selbst Geflüchtete daheim aufzunehmen, das könne sie sich nur schwer vorstellen, sagt Anneliese Drexler ganz offen. So könnten sie nun trotzdem helfen.

Svetlana Zvaryschuk (links) und Ina Kovalenko haben Pyroky gebacken, ein gefülltes Hefegebäck.
Svetlana Zvaryschuk (links) und Ina Kovalenko haben Pyroky gebacken, ein gefülltes Hefegebäck. Franz Xaver Fuchs

Julia Yeromenkos Familie kommt stets durch die kleine Gartentür rüber zu den Drexlers und klopft dann ans Wohnzimmerfenster. Im Sommer haben sie hier im Garten die Äpfel aufgeklaubt und eingelegt und Weißwürste und Leberkäse probiert. Und drüben bei Julia Yeromenko haben sie gemeinsam ukrainisch gegessen. "Und immer Essen mit nach Hause gekriegt", wie Anneliese Drexler erzählt. Längst ist die ukrainische Großfamilie Teil der Nachbarschaft geworden, alle helfen sich ein bisschen gegenseitig. Eine Nachbarin zum Beispiel hat ein Stück vom Sonnenacker, der gleich hinter ihrem Haus beginnt, von der Solidargemeinschaft "Unser Land" für die Geflüchteten gepachtet. Im Sommer haben sie hier Gemüse angebaut, nur die Tomaten pflanzten sie im Märchengarten am Haus.

Bärbel W. hat eine Kiste aus dem Keller geholt und wickelt jetzt Krippenfiguren aus dünnem grauem Papier. Ein paar will sie mitnehmen in die Wohnung nach München, ein paar verteilt Svetlana Zvaryschuk, 70, in der Schrankwand. Ina Kovalenko, 42, stellt eine kleine Krippe, die man wie ein Buch aufklappen kann auf den Flügel. "Die ist auch von meiner Mutter", sagt Bärbel W. und lacht. Sie bekommt vom Landratsamt einen Zuschuss für die Unterbringung von Julia Yeromenko und ihrer Familie, "das deckt so ziemlich die Nebenkosten", sagt sie.

Nach dem Essen bekommt Bärbel W. von Peter Zvaryschuk Pralinen aus der Ukraine geschenkt - und da steht sie dann mit der Packung in den Händen am Tisch und sagt: "Es ist total schön, dass ihr hier seid!" Und ja, sie freut sich schon auf den Besuch in der Ukraine. Irgendwann.

So können Sie helfen

Der Landkreis Starnberg ist nach wie vor auf der Suche nach Immobilien, die zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden können. Größere Einheiten, die das Landratsamt anmietet, ab einer Laufzeit von 24 Monaten; Angebote für private Mietverträge ab sechs Monaten. Wichtig ist, dass es sich um abgeschlossene Wohneinheiten handelt, in denen sich die Geflüchteten selbst versorgen können. Angebote können per E-Mail an asyl@LRA-starnberg.de oder über ein Online-Formular an das Landratsamt gemeldet werden.

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