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Post-Covid-Syndrom:"Eine große Chance, wieder ganz zu genesen"

Gauting Asklepios Klinik - Oberärztin Sarah-Christin Mavi & Chefarzt Wolfgang Gesierich

Oberärztin Sarah-Christin Mavi und Wolfgang Gesierich, ärztlicher Leiter der Gautinger Lungenfachklinik, behandeln Post-Covid-Patienten.

(Foto: Nila Thiel)

In der Lungenklinik in Gauting gibt es eine Station für Patienten, die auch drei Monate nach einer Covid-Erkrankung noch stark an den Folgen leiden. Ein Gespräch über Spätfolgen und die neue Früh-Rehabilitation.

Interview von Carolin Fries, Gauting

Sie haben die Krankheit überstanden, aber sind nicht gesund. Viele Covid-19-Patienten haben auch Wochen nach ihrer Erkrankung noch Beschwerden. Besonders schwer zurück in den Alltag ist der Weg für Betroffene, die auf den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt wurden. Die Gautinger Asklepios-Klinik hat nun eine Anlaufstelle für Post-Covid-Patienten eingerichtet. In der Lungenklinik wurden seit Beginn der Pandemie mehr als 400 Covid-19-Patienten behandelt, 105 davon auf der Intensivstation. Der ärztliche Leiter Wolfgang Gesierich, 50, und Oberärztin Sarah-Christin Mavi, 35, über die neue Station zur Früh-Rehabilitation.

SZ: Wie lange dauert eine Covid-19-Erkrankung gewöhnlich?

Wolfgang Gesierich: Es gibt jetzt eine erste Definition, nach der die akute Phase vier Wochen dauert, dann sollten die meisten Beschwerden eigentlich abgeklungen sein. Dauern diese bis zu drei Monate an, spricht man von anhaltendem Covid und erst nach drei Monaten von einem Post-Covid-Syndrom.

SZ: Wie viele der Erkrankten leiden unter diesem Syndrom?

Gesierich: Bei einem milden Verlauf schätzen wir, dass zehn Prozent der Patienten betroffen sind. Bei hospitalisierten Patienten, die also im Krankenhaus waren, sind es mehr. Eine große Untersuchung aus Wuhan mit Betroffenen aus der ersten Welle zeigt, dass die Hälfte der Patienten sechs Monate nach ihrer Erkrankung noch Auffälligkeiten in der Lungenfunktion hat. Bei 20 bis 30 Prozent der Patienten konnten in der Computertomografie sogar noch Auffälligkeiten der Lunge nachgewiesen werden.

SZ: Wie behandelt man ein Post-Covid-Syndrom?

Gesierich: Das ist eine komplexe Behandlung, weil die Medikamente nicht mehr so sehr im Vordergrund stehen. Man kann entzündliche Veränderungen eventuell noch medikamentös nachbehandeln. Wir sehen aber auch erstaunliche Spontanverläufe, bei denen sich auch sehr schwere Lungenveränderungen vollständig zurückbilden können, wenn man dem Patienten nur genug Zeit gibt. Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen echten Organschäden - Covid betrifft nicht nur das Lungengewebe, sondern ist auch eine Erkrankung der Blutgefäße und der Blutgerinnung - und den eher unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit oder neurologische Spätfolgen wie Konzentrationsstörungen.

SZ: Für wen ist die neue Station gedacht?

Sarah-Christin Mavi: Das Angebot der fachübergreifenden Früh-Reha richtet sich an die schwerkranken Patienten, die nach einer Behandlung auf der Intensivstation noch nicht fit genug für eine normale Reha sind. Diese Patienten sind schon noch sehr hilfsbedürftig, können nicht alleine einen Spaziergang machen. Gerade in der dritten Welle beobachten wir hier eine Verschiebung hin zu jüngeren Patienten, die längere Verläufe haben, die die Erkrankung nach einem schweren Verlauf mit Intensivaufenthalt häufiger überleben. Die Station ist deshalb gezielt für Post-Covid-Patienten zwischen 18 und 65 Jahren angedacht, schließt aber auch andere Diagnosen wie chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Mukoviszidose, neuromuskuläre Erkrankungen mit geschwächter Atemmuskulatur und frisch lungentransplantierte Patienten ein.

SZ: In dieser Altersgruppe will man Einschränkungen nicht einfach so hinnehmen...

Mavi: Jüngere Patienten, ob nach einer Covid-Erkrankung oder von anderen schwerwiegenden pneumologischen Einschränkungen betroffen, sagen ganz klar, sie wollen wieder so gesund werden wie vor ihrer Erkrankung. Sie wollen wieder ihren Beruf ausüben können, ihren Alltag zum Beispiel mit kleinen Kindern erleben können. Da gibt es eine hohe Motivation, zurück ins Leben zu finden.

SZ: Wie groß ist die Nachfrage?

Mavi: Sehr groß, fast täglich klingelt das Telefon und Kliniken fragen an, wann sie Patienten verlegen können. Wir sind in dieser Woche mit vier Patienten gestartet, ein Ausbau bis zu 18 Betten ist möglich.

SZ: Wie groß ist die Chance, wieder ganz gesund zu werden?

Gesierich: Ich glaube, man kann schon sagen, wenn man diese Krankheit überlebt hat, dann besteht eine große Chance, wieder ganz zu genesen. Wir sehen erstaunlich gute Rückbildungstendenz.

SZ: Wie ernst sollte man länger anhaltende Symptome nach einer Covid-19-Erkrankung grundsätzlich nehmen?

Gesierich: Wenn sich Veränderungen der Lunge auf Röntgenbildern nachweisen lassen, insbesondere über die vier Wochen der akuten Phase hinaus, und wenn auch in der Lungenfunktion Einschränkungen messbar sind, dann muss man sich das schon genau anschauen. Bei anhaltenden Beschwerden sollte auch das Herz und das Nervensystem gründlich untersucht werden. Wenn diese Befunde unauffällig sind, dann sind auch die eher unspezifischen Beschwerden wie die Müdigkeit zwar unangenehm, aber eher harmlos und brauchen einfach Zeit zur Rehabilitation.

© SZ vom 08.05.2021/lfr
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