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Coronavirus:Gautinger Lungenklinik will Impfzentrum werden

Infektiologie-Oberärztin Marion Heiß-Neumann und Intensivmedizin-Chefarzt Lorenz Nowak haben bislang etwa 130 Coronavirus-Patienten behandelt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Das Fachkrankenhaus hat die Intensivstation von 20 auf 28 Betten erweitert, sonst wären bereits alle belegt. Die Ärzte fürchten, dass die Zahl der Patienten wieder steigt - auch unter jüngeren Menschen.

Von Carolin Fries

Die Asklepios-Klinik in Gauting hat sich dem Landkreis als mögliches Impfzentrum angeboten. "Der Standort ist durchaus geeignet", sagt Lorenz Nowak, Chefarzt der Intensiv- und Beatmungsmedizin. "Platz, Logistik und Expertise wären vorhanden", so eine Sprecherin des Krankenhauses. Die Lungenklinik steht als Pandemiezentrum des Landkreises in der Bekämpfung der Erkrankung an vorderster Front. Der Pandemiebeauftragte und Starnberger Klinikchef Thomas Weiler begrüßt die Bewerbung aus Gauting, Landratsamtssprecherin Barbara Beck sagt, "das könnte eine Möglichkeit sein". Erste Gespräche über die Einrichtung eines Impfzentrums im Landkreis fanden am Dienstag statt.

"Alle Landkreise wurden vom Ministerium aufgefordert, bis 15. Dezember ein Impfzentrum bereitzuhalten", so Beck. Wenn ein Impfstoff verfügbar ist, solle es nicht an der Infrastruktur scheitern. Landkreisweit würden deshalb verschiedene Standorte geprüft. Laut Thomas Weiler kommen ausschließlich Apotheken und Kliniken in Frage, die über Ultratiefkühlschränke verfügen. "Der Impfstoff muss bei minus 70 Grad Celcius gelagert werden, die Lagerung Tag und Nacht überwacht werden." Zudem müsse der Standort sicher sein, denn "es werden große Begehrlichkeiten entstehen".

Optimal sei ein Standort möglichst zentral im Landkreis, damit die mobilen Impfteams sämtliche medizinische Einrichtungen schnell erreichen. "Der Impfstoff ist extrem instabil, jeder gefahrene Kilometer ist eigentlich einer zuviel." Ob die Gautinger Klinik an der Landkreisgrenze damit aus dem Rennen ist, wollte er so nicht bestätigen. Es werde eine "detaillierte Strukturanalyse" geben, eine Entscheidung werde im Lauf der kommenden Woche getroffen.

Bis womöglich in Gauting geimpft werden kann, wird weiter versorgt. Zwischen 15 und 20 Covid-19-Patienten auf der Normalstation, weitere sechs bis acht auf der Intensivstation: So sah in den vergangenen Wochen der Alltag in der Asklepios-Klinik aus. Damit waren teilweise fast die Hälfte der 20 regulär vorhandenen intensivmedizinisch ausgestatteten Betten mit Patienten mit dem Coronavirus belegt. Nur weil die Lungenklinik bereits eine zusätzliche Station mit acht Betten eröffnet und diese provisorisch mit Monitoren und Beatmungsgeräten ausgestattet hat, gibt es noch freie Kapazitäten. Aktuell sind 22 Intensivbetten belegt. "Auf bis zu 36 Betten könnten wir im Notfall aufstocken", sagt Lorenz Nowak, Chefarzt der Intensiv- und Beatmungsmedizin. Den Notfall, sagt er, wolle er aber unbedingt vermeiden.

Denn das hieße, dass nur noch unvermeidbare OPs in der Klinik stattfinden und einige Stationen der Klinik geschlossen würden, um die Kräfte in der Pandemiebekämpfung zu bündeln. Personell würde das funktionieren, wenngleich das Pflegepersonal dann nicht ausschließlich aus Intensivpflegekräften bestehe. Den normalen Betrieb könne das Krankenhaus dann nicht mehr leisten, so Nowak. Es käme in erster Linie seiner Aufgabe als Pandemiezentrum nach. Im Frühjahr wurden hier etwa 80 Patienten versorgt, drei Patienten sind in der Klinik gestorben.

Im Herbst wurden bislang etwa 50 Covid-19-Patienten behandelt. Einen Unterschied zwischen der ersten und zweiten Welle können Nowak und seine Kollegin Marion Heiß-Neumann, Leitende Oberärztin der Abteilung für Pneumologische Infektiologie, nicht ausmachen. Eines aber wollen sie festhalten. Auch wenn das Virus überwiegend ältere oder vorerkrankte Patienten schwer treffe: "Es schaffen auch 30- und 40-jährige, bis dato kerngesunde Menschen mit Corona auf die Intensivstation", sagt Nowak. Die Verweildauer dort sei mitunter sehr lang, "bis zu sechs Wochen", danach weitere Wochen auf der Infektiologie. Umso mehr Covid-Patienten auf der Intensivstation sind, umso größer sei deshalb die Gefahr eines Patientenstaus.

Momentan sind lediglich sieben Covid-Patienten auf der Normalstation sowie weitere sieben auf der Intensivstation, fünf davon werden beatmet. Doch Lorenz Nowak befürchtet, dass die Zahlen wieder steigen: "Die Schlechtwettersaison hat gerade erst begonnen und die Belegung der Intensivbetten in Südbayern ist den letzten drei Wochen deutlich hochgegangen." Was, wenn das Virus ähnlich wie die Influenza erst in den Wintermonaten zuschlägt - und inwieweit könnte die Grippe Covid-19 verkomplizieren? Die Einhaltung von Hygienemaßnahmen und Kontaktvermeidung sei deshalb unverzichtbar.

Die Ärzte selber passen akribisch auf, dass der Erreger in der Klinik nicht auf das Personal übertragen und auch nicht von außen eingeschleppt wird. Patientenbesuche sind bereits seit Wochen nicht mehr erlaubt, das Personal wird alle zwei bis drei Wochen getestet oder auch nach Anlass. "Bislang gab es keine Übertragungen auf den Covid-Stationen", sagt Nowak. Natürlich habe es aber infizierte Mitarbeiter gegeben, welche sich im privaten Umfeld angesteckt hätten.

Die Mediziner haben viel gelernt über das Virus und die Krankheit. Doch auch wenn Medikamente wie Remdesivir oder Dexamethason eingesetzt würden: "Ein Quantensprung in der Behandlung ist nicht erreicht", sagt Marion Heiß-Neumann.

© SZ vom 18.11.2020

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