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Digitaloffensive für Senioren:Opa skypt jetzt

Viele Senioren wie Gautings Altbürgermeister Ekkehard Knobloch sehen sich in der Corona-Krise von der digitalen Welt abgeschnitten. Eine Initiative will die Alten schulen und - wenn nötig - sogar mit Tablets ausstatten.

Von Lisa Hamm

Wenn schon nicht "Digital Native", dann immerhin "Digital Learner": Der älteren Generation, die nicht mit Laptops und Handys aufgewachsen ist, soll in den nächsten Monaten der Übergang von der analogen in die digitale Welt ermöglicht werden. Mithilfe von Tablets sollen Gautinger Senioren lernen, online einzukaufen, E-Mails zu schreiben, mit den Enkeln zu zoomen und sicher mit ihren Daten umzugehen. Der Vorsitzende des Seniorenbeirats und Koordinator der Nachbarschaftsinitiative "Gauting hilft", Klaus M. Wagner, und seine Kollegen haben für ihr Projekt intensiv geworben und wollen es zusammen mit dem Helferkreis der Initiative demnächst umsetzen.

"Alle Alten über 75 Jahre sind im Grunde genommen von der digitalen Welt abgeschnitten", sagt Wagner. Demnach sieht er einen dringenden Bedarf an einem Digitalisierungsprojekt, denn sonst würde "diese Generation einfach abgehängt". In der jüngsten Sitzung des Seniorenbeirats bat Wagner Bürgermeisterin Brigitte Kössinger (CSU) darum, das Vorhaben im Gemeinderat zu unterstützen. Kössinger verwies auf die kommunale Einrichtung "Gautinger Insel", die eine Handy-Sprechstunde für Senioren anbietet. Aber davon hält Walter nicht viel - denn das Angebot helfe nur denen, die mobil sind.

Gauting: Ekkehard Knobloch am I-Pad

Bei Online-Treffen außen vor: der Gautinger Altbürgermeister Ekkehard Knobloch.

(Foto: Nila Thiel)

Deshalb sollen die ersten Schritte der sogenannten Digitalisierungsoffensive bereits im Februar eingeleitet werden: Fünf bis sechs Senioren sollen das Angebot testweise ausprobieren, egal ob sie noch zu Hause oder im Heim leben. Der Fokus soll auf Online-Kursen per Tablet liegen, die Wagner zusammen mit anderen Freiwilligen aus dem 50-köpfigen Hilfsnetzwerk anbieten will. Auf der einen Seite des Bildschirms sitzen dann die älteren Schüler mit zugewiesenen Tandempartnern, auf der anderen Seite die Lehrer. Die Tandempersonen - das können zum Beispiel Betreuer der Einrichtungen sein - sollen als Ansprechpartner und Problemlöser an Ort und Stelle fungieren. Wer kein Tablet besitze, der bekomme eines aus Privatspenden oder von Sponsoren - Geld sei "nicht das Problem", sagt Wagner.

Die drei Bausteine, die im Fokus des digitalen Lernens stünden, seien "Information, Kommunikation und Online-Dienstleistungen". Mit Information meint er, dass Senioren sich über Wikipedia, Online-Medien und Nachrichtenportale über Sachthemen und das tagesaktuelle Geschehen informieren können.

Der 80-jährige Altbürgermeister von Gauting, Ekkehard Knobloch, erzählt im Gespräch mit der SZ, dass er zwar gerne das Online-Angebot von Wikipedia nutze: "Unser zwölfbändiger Brockhaus ist dagegen totgelaufen." Doch vor allem bei Videokonferenzen fühle er sich abgehängt. Knobloch ist Mitglied bei "Gauting hilft", doch an den momentan online organisierten Helferkreistreffen könne er nicht teilnehmen, da es am technischen Grundwissen scheitere: "Das ist einfach schade, dass ich nur über das Protokoll auf dem Laufenden gehalten werde." Gerade jetzt in der Pandemie sei das Thema Digitalisierung "mit einer Wucht" auf ihn zugekommen, sagt der Gautinger, "da fühlt man sich in gewissem Umfang etwas ausgegrenzt".

Zoom und Teams leicht gemacht

Viele Senioren leben derzeit weitgehend isoliert in den eigenen vier Wänden. Besuch kommt nur selten, um das Ansteckungsrisiko zu vermeiden. Da bleibt als einzige Verbindung zu Familie, Freunden und Verwandten nur der Computer mit Internetanschluss. Doch der Umgang mit Zoom, Skype, Teams und anderen Programmen ist oft mit Hindernissen und Schwierigkeiten verbunden. Die Organisatoren des Gautinger Repair-Cafés haben daher beschlossen, eine dauerhafte Online-Unterstützung bei PC-Problemen einzurichten und bei der Beschaffung der geeigneten Ausrüstung zu helfen. Denn immer häufiger rufen Menschen an, die Hilfe bei der Einrichtung und Bedienung von Kommunikationsprogrammen benötigen. Unter der E-Mail-Adresse pc-hilfe@repair-cafe-gauting.de oder unter Telefon 089/893 11 054 können Senioren ab sofort um Unterstützung bitten. Dazu wird im Normalfall auf dem PC des Hilfesuchenden einmalig eine Datenverbindung eingerichtet. Per Ferndiagnose können dann die PC-Spezialisten Voraussetzungen prüfen und Fehler diagnostizieren, erforderliche Programme installieren, Anleitungen zum Gebrauch und - falls nötig - auch Schulungen geben. Die Hilfe ist wie auch im realen Repair-Café kostenlos. Wer in der Lage ist, eine kleine Spende zu geben, könne sich aber gern erkenntlich zeigen, schreiben die Organisatoren. phaa

Das zweite Lernelement "Kommunikation" soll laut Wagner genau da anknüpfen: Das Schreiben von E-Mails oder das Teilnehmen an Videokonferenzen soll den Senioren näher gebracht werden. Knobloch sagt dazu: "Eine Datei an eine Mail anhängen, das habe ich noch nie probiert."

Web-Dienste wie Online-Banking oder Online-Shopping stellen das dritte Lernelement des Projekts dar. Viele Senioren schreiben noch regelmäßig Überweisungsbriefe, was immer öfter zu Kosten führe, so Wagner. Denn viele Banken schließen immer mehr Filialen. "So etwas wie eine Push-Tan kennen die meisten noch nicht", erzählt der Projektinitiator. Selbst Doris Lichte, 83, die versiert im Umgang mit dem Tablet ist und sogar Spanischkurse und Audiobücher darüber hört, hat bei Online-Dienstleistungen Probleme: "Ich würde gerne lernen, wie man Krankenkassenabrechnungen online hochladen kann." Auch das Online-Banking würde sie gerne mal angehen, sagt die Seniorenbeirätin. Hier wünsche sie sich schon Unterstützung.

Auch der Umgang mit Passwörtern und Betrügern soll bei den Sitzungen Beachtung finden. Das ganze Thema betreffe viele - "wir haben rund 21 000 Einwohner in Gauting, darunter sind 6000 über 60 Jahre alt", erklärt Wagner. Es gelte nun, die "psychologischen Barrieren" zu überwinden und die Rentner zum Mitmachen zu animieren.

© SZ vom 17.02.2021
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