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Gauting:Brutale Bilder

Die Ukraine-Utopie "Atlantis" beim Fünfseen-Filmfestival

Von Blanche Mamer, Gauting

Bei "Atlantis" denkt man an ein mystisches Inselreich, eine Idee von Plato, oder auch an einen sagenumwobenen längst untergegangenen Erdteil irgendwo im Atlantik. Oder auch an die Utopie einer besseren Welt. Der ukrainische Film "Atlantis" von Regisseur Valentyn Vasyanovych, der mit englischen Untertiteln beim Fünfseen-Filmfestival in Starnberg und Gauting gezeigt wurde, hat nichts Mythisches und ist auch kein Science-Fiction, sondern eher eine apokalyptische Sicht auf ein durch Krieg verwüstetes Land und die wenigen Menschen, die noch übrig sind. Der Film, zu dem Vasyanovych auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt im bereits Jahr 2025 und zeigt eine düstere Vision des Donbass im Osten der Ukraine.

Es ist ein harter Film, stellenweise schwer zu ertragen, doch mit einem Hoffnungsschimmer am Ende. Schon der Beginn ist unerträglich: In dunkler Nacht wird mit einer Infrarotkamera von oben gefilmt, wie jemand mit einer Schaufel eine Grube gräbt. Drei weitere Wärmebild-Figuren kommen dazu. Einer der Menschen wird in die Grube geschubst, getreten und geprügelt. Dann wird die Grube zugeschaufelt. Nun sind nur noch drei rotgelbe Wärmepunkte übrig.

Für seinen fünften Spielfilm, ein kleines Meisterwerk, ist Vasyanovych im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig in der Sparte Horizonte mit dem Preis als bester Film ausgezeichnet worden. Hauptfigur des Films ist der ehemalige ukrainische Soldat Sergey (Andriy Rymaruk), der versucht, in diesem kaputten Land, das zu einer im Schlamm versinkenden lebensfeindlichen Wüste verkommt, ein neues Leben zu finden. Ob Sergey an dem Verbrechen vom Anfang beteiligt war, wird nicht klar.

In großen, düsteren Bildern wird sein Kriegstrauma und seine Verzweiflung aufgeblättert. Nachdem das Stahlwerk geschlossen wird, in dem er arbeitete und in dem sich sein Kriegskamerad das Leben nahm, indem er in einen Trog mit glühender Schlacke sprang, findet Sergey eine Beschäftigung als Fahrer eines Tanklaster. Mit diesem wird er Trinkwasser in weit entlegene Gegenden bringen. Auf einer der langen einsamen Fahrten trifft er bei strömendem Regen auf einen liegen gebliebenen Kleinlaster der Freiwilligenorganisation "Schwarze Tulpe". Er zieht das Fahrzeug aus dem Dreck, schleppt es ab und erfährt von der Beifahrerin Katya, dass sich die Organisation die Exhumierung von Kriegsleichen zur Aufgabe gemacht hat.

Die Helfer graben Massengräber auf, bergen die Leichen, lassen sie untersuche und identifizieren, damit sie beerdigt werden können. Katya katalogisiert die Toten, es sind Ukrainer, Russen und Donbass-Russen, oft nur erkennbar an Fetzen oder Knöpfen der Uniformen. Er begleitet die junge Archäologin zu den Ausgrabungen in die Leichenhalle und zum Friedhof. Sie verlieben sich, mit ihr lernt Sergey, dass eine Zukunft möglich ist, und schöpft wieder Hoffnung. Ihm wird klar, dass er die Heimat nicht verlassen will, wie es ihm die Leiterin der Hilfsorganisation vorschlägt. Wofür hätte er dann so schwer gekämpft?

Vasyanovych wurde durch Nachrichten über die extreme Verschlechterung der Wasserqualität in den besetzten Teilen der Ukraine zu dem Film inspiriert. Viele Szenen in "Atlantis" sind kaum auszuhalten, sie sind brutal, gemein, voller Wut und Trostlosigkeit. Wären da nicht auch unerwartet heitere Momente, zum Beispiel als Sergey eine zurückgelassene riesige Baggerschaufel mit Wasser füllt, darunter ein Feuer anzündet und ein langes, warmes Vollbad nimmt. Derart gereinigt ist er bereit für den nächsten Leichentransport zusammen mit Katya.

© SZ vom 10.09.2020

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