Paula hat mitgedacht und einen spannenden Hundekrimi mitgebracht, Enno soll sich nicht langweilen. Die Neunjährige sitzt in der Gautinger Bibliothek und liest laut aus dem Buch vor: Ein Hund wurde entführt, der Kommissar wird erpresst. Enno liegt auf seiner Decke daneben und hört aufmerksam zu. Der wuschelige Mischlingshund hat den Kopf auf den Vorderpfoten abgelegt, die schwarzen Knopfaugen blicken in Richtung des Mädchens. Ob ihn die Geschichte interessiert? Paula scheint ihn zu interessieren, ihre Stimme, ihr Geruch. Bei den ersten Sätzen war das Mädchen noch aufgeregt, jetzt lässt sie entspannt einen ihrer Füße von dem Lesepodest in der Mitte des Raumes baumeln. Der Hund mag sie, das ist wichtig.
Enno mag Menschen grundsätzlich. „Er ist so offen“, schwärmt Michaela Thiel von ihrem Hund. Die 36 Jahre alte Naturschutzbeauftragte der Gemeinde Gauting hat den jungen Wasserhund-Mischling aus Rumänien über ein Tierschutzprogramm bekommen. Ihr sei schnell klar geworden: „Mit dem mache ich was“. Im Januar hat Thiel die Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention begonnen.
Neben dem Theorieteil gehören dazu auch Praxisseminare sowie eine Prüfung. Natürlich musste sie auch einen Wesens- und Eignungstest mit Enno machen, der dem Vierbeiner Sozialverhalten, Teamfähigkeit, ein gutmütiges Wesen und Grundgehorsam bescheinigt. Jetzt darf Enno in den Einsatz. Dafür bindet ihm Thiel ein spezielles Halstuch um, damit Enno weiß, wann gearbeitet wird.
Einen Nachmittag im Monat – immer montags, wenn die Bibliothek für den Publikumsverkehr geschlossen ist – ist Enno nun ein Lesehund. Die Idee entstand im Rathaus, die Bibliothek liegt im Souterrain. „Ich finde das toll, doch bisher gab es keinen Hund“, sagt Bibliotheksleiterin Doreen Kleiner. Nun hört Enno zu und Kinder, die ihm vorlesen wollen, können sich in der Bücherei anmelden.
Die Nachfrage ist groß. Immer vier Kinder lesen in einer Stunde, dann braucht der erst zwei Jahre alte Hund eine Pause. Paula streichelt ihm vorsichtig über den Rücken – Michael Thiel hat erzählt, dass der Hund ein Hüfttrauma hat. Die Neunjährige hat daheim auch einen Hund, doch „Milo hört nicht so gerne zu“, sagt die Drittklässlerin. Dabei lese sie gerne, wenn auch nicht sehr oft. „Ich bin lieber draußen.“
Der Hundekrimi gehöre zu ihren Lieblingsbüchern, erklärt Paula. Das Mädchen liest einen Satz nach dem anderen und niemand bewertet oder korrigiert sie. Enno ist es egal, wenn die Neunjährige mal an einem schwierigen Wort hängenbleibt oder ein Satzzeichen übersieht. Und Michaela Thiel hält sich bewusst zurück. Dass die Kinder laut lesen, sei Herausforderung genug. „Es geht nicht ums Bewerten und Korrigieren“, betont Doreen Kleiner. Die Kinder sollen einfach lesen, ihre Hemmungen verlieren und Selbstbewusstsein bekommen. Jemand hört ihnen zu!

Als Paula fertig ist, liest Gloria aus ihrem Pferdebuch. Jedes Kind soll mindestens acht Leseminuten haben, erklärt Thiel. Die verbleibenden Minuten dürfen sie Enno kennenlernen und mit ihm spielen. Beim Hunde-Domino suchen sie gemeinsam Fressnapf, Ball und Trinkflasche für den Hund, später verstecken sie Enno Leckerlis und laufen mit ihm einen kleinen Parcours. Gloria hat daheim auch zwei Hunde, doch: „Die sind nicht wie Enno.“ Sie fühlt sich dem Lesehund verbunden, der sie hier auf ihrer literarischen Abenteuerreise begleitet und verrät, warum sie Bücher so mag: „Da wird Unmögliches möglich.“
Der „Lesespaß auf vier Pfoten“ kostet die teilnehmenden Kinder übrigens nichts, Michaela Thiels Angebot ist ehrenamtlich. Sie bittet die Kinder anfangs lediglich, die 3-L-Regel zu befolgen: langsam, lieb und leise zu sein, damit sich Enno nicht erschreckt. Ansonsten dürfen sie mit dem Hund, der kaum haart und damit allergikerfreundlich ist, auch kuscheln. Nach dem Lesen gehen sie trotzdem Hände waschen. Die Räume würden selbstverständlich gereinigt, sagt Kleiner.
Der „Lesespaß auf vier Pfoten“ findet das nächste Mal am Montag, 9. Dezember, statt. Infos und Anmeldung in der Bibliothek oder unter Telefon 089/89 33 71 32.

