ArchäologieGauting war ein Autobahndreieck der Antike

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Fachgespräch im Scherbenlager: Doktorand Julius Fagner (rechts) schreibt seine Promotionsarbeit über die römische Zeit in Gauting. Karl Ludwig Hebler, Vorsitzender des Archäologie-Vereins, ist froh, dass endlich ein Experte die Funde wissenschaftlich bearbeitet.
Fachgespräch im Scherbenlager: Doktorand Julius Fagner (rechts) schreibt seine Promotionsarbeit über die römische Zeit in Gauting. Karl Ludwig Hebler, Vorsitzender des Archäologie-Vereins, ist froh, dass endlich ein Experte die Funde wissenschaftlich bearbeitet. (Foto: Nila Thiel)

Ein Doktorand aus München befasst sich mit der Vorgeschichte Gautings in der Römerzeit und arbeitet einen riesigen Bestand an Funden wissenschaftlich auf. Mithilfe seiner Forschungsarbeit will Julius Fagner einen Zugang zum Leben der Menschen vor 2000 Jahren finden.

Von Michael Berzl, Gauting

Das muss ein buntes Treiben gewesen sein damals in Bratananium, wie Gauting zur Römerzeit hieß: ein Bote, der auf seinem Ritt in Richtung Salzburg eine Pause einlegt und sein Pferd mit Futter versorgt, ein Händler der hier anhält, um seine Tonwaren anzubieten, eine Herberge gibt es für die Reisenden und sogar ein öffentliches Bad. So in etwa könnte man sich das wohl vorstellen vor 2000 Jahren an der Würm. Spuren und Relikte sind noch immer zu finden im heutigen Gauting.

Dort trafen zwei wichtige Römerstraßen zusammen, ein „Autobahndreieck der Antike“ hat das ein Archäologe schon scherzhaft genannt. Mit Raststätte und Thermalbad. Ein Doktorand arbeitet nun die Funde erstmals wissenschaftlich auf. „Es ist flächenmäßig die größte Grabung im süddeutschen Raum“, schwärmt Julius Fagner. Entsprechend umfangreich verspricht seine Arbeit zu werden. „Es würde mich nicht überraschen, wenn es tausend Seiten werden“, sagt er.

Bisher kümmert sich vor allem die „Gesellschaft für Archäologie und Geschichte – Oberes Würmtal“ um die zahllosen Funde und gibt dazu Bücher und Broschüren heraus. Doch wissenschaftlich aufgearbeitet wurde das alles noch nie. Entsprechend erfreut ist der Vereinsvorsitzende Karl Ludwig Hebler: „Es ist ja nicht so gedacht, dass wir die Funde nur hier lagern. Um das zu bearbeiten, brauchen wir Experten“, erklärt der 84-Jährige. Über Professor Salvatore Ortisi vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU)  in München kam der Kontakt zustande. Die Doktorarbeit wird durch ein Promotionsstudium der Gerda-Henkel-Stiftung finanziert.

Fagner ist in Münsing am Starnberger See aufgewachsen und lebt in München. Sein Vater ist selbst Archäologe und hatte bis zu seinem Ruhestand eine Grabungsfirma. Der 29-jährige Doktorand war bei einer Tagesexkursion im Rahmen seines Archäologiestudiums zum ersten Mal nach Gauting gekommen und hatte dabei auch einen Blick in das Depot des Vereins an der Reismühler Straße in der Nähe des Freibads geworfen.

Echte Schatzkammer

Eine echte Schatzkammer, wie dem Studenten gleich klar wurde: „Das ist mir sofort aufgefallen, die schiere Menge an Fundmaterial, die hier ist und nie aufgearbeitet, nie der Wissenschaft zugänglich gemacht wurde. Das hat mich damals schon ein bisschen frustriert. Dabei sind das wirklich tolle Funde aus allen Teilen des römischen Reichs.“

Im Depot der Archäologie-Gesellschaft lagern mehr als 190 000 Fundstücke in bunten Kisten, eine echte Fundgrube für die Wissenschaft.
Im Depot der Archäologie-Gesellschaft lagern mehr als 190 000 Fundstücke in bunten Kisten, eine echte Fundgrube für die Wissenschaft. (Foto: Georgine Treybal)

Mehr als 190 000 Tonscherben, Schmuckstücke und andere Relikte aus der Römerzeit lagern allein in dem Depot. Dazu zählen mehr als 450 Münzen. Etwa 500 Kisten sind dort eng in Regalen gestapelt. Das ist so viel, dass noch nicht einmal alles erfasst und katalogisiert werden konnte.

Mit zwei Büchern in der Hand wartet Fagner beim Depot, um zu einem Rundgang durch das Gebiet des damaligen Vicus aufzubrechen, wie so ein Ort an der Straße bezeichnet wird. Ein Holzschild weist heute darauf hin. „Es sind weniger die Römer, die dort lebten, sondern die ursprüngliche einheimische Bevölkerung“, erzählt er. Für die Infrastruktur hätten sie eine „unfassbar wichtige Bedeutung“.

Solche Stützpunkte wurden in Abständen angelegt, die man etwa mit einem Pferd, zu Fuß oder mit einem Ochsengespann in einem Tag zurücklegen konnte; das sind 25 bis 30 Kilometer. Der Vicus Bratananium war eine solche Raststation und zugleich ein wichtiger Kreuzungspunkt, denn dort trafen zwei Hauptrouten aufeinander, eine nach Bregenz am Bodensee, eine nach Augsburg, und in Richtung Osten führte die Römerstraße nach Salzburg.

Dazu zählen Stücke wie dieses Öllämpchen.
Dazu zählen Stücke wie dieses Öllämpchen. (Foto: Georgine Treybal)
Zahllose Scherben liegen in Kisten und Kartons.
Zahllose Scherben liegen in Kisten und Kartons. (Foto: Nila Thiel)

Bedeutend seien solche Orte auch für den überregionalen Handel gewesen. In Gauting etwa lässt sich das gut belegen. So wurde viel Terra sigilata aus dem heutigen Südfrankreich gefunden, eine bestimmte römische Keramikart. Oder Fibeln, also Gewandspangen, die eher im heutigen Österreich vertreten sind. „Und so gibt es einen Mischmasch der einzelnen Kulturen, die hier durchziehen und sich hier auch niederschlagen“, erklärt Fagner.

Was für den jungen Wissenschaftler eine besondere Herausforderung ausmacht: Solche kleinen Straßenorte seien viel weniger erforscht als große Siedlungen wie Regensburg oder Augsburg. Gerade verbringt er viel Zeit in der Bibliothek und sucht für jedes einzelne Fundstück Vergleiche im ganzen römischen Reich, um herauszufinden, wie alt diese Stücke sind.

Der Spaziergang mit dem Doktoranden wird zur Zeitreise, als er schildert, wie sich das Leben vor 2000 Jahren abgespielt hat: „Es geht ja um Menschen, die hier gelebt haben. Und ich persönlich finde das Coole an der Archäologie, dass man einen Zugang zu diesen Menschen schaffen und ihnen näher kommen kann. Weil jedes Objekt, das gefunden wird, eine Geschichte erzählt; das waren Sachen, die den Leuten wichtig waren.“

Boom im zweiten Jahrhundert nach Christus

„Im zweiten Jahrhundert erlebt Gauting einen starken Boom, die Häuser werden aus Stein errichtet, nicht nur aus Holz, der Vicus wächst“, erzählt er lebhaft. Überreste von Niederlassungen von Händlern und Handwerkern werden nachgewiesen, außerdem eine Station an der Straße, wo Reiter ihre Pferde wechseln konnten. Eine Herberge gab es und zwei Thermen, eine Markthalle und davor einen geschotterten Platz.

Eine Skizze zeigt die Lage von einem guten Dutzend Streifenhäusern. Die Bevölkerung von Bratananium seien maximal 100 oder 200 Menschen gewesen, mehr nicht. Im dritten Jahrhundert, „eine stressige Zeit fürs römische Reich“, in der es auch mehr Überfälle gab, ging die Geschichte der Römersiedlung an der Würm zu Ende. Möglicherweise sind die Bewohner aus der Ebene an sicherere Plätze umgezogen.

Es sind erhebliche Mengen Material, die in Gauting im Laufe der Jahre in mühsamer Kleinarbeit aus dem Boden geholt wurden. Schon im Jahr 1930 hat das angefangen, als ein großes Lager mit Hunderten Tonkrügen entdeckt wurde. Seither gab es mehr als 20 weitere Grabungen. Eine größere Erkundung fand 1984 auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern statt, eine römische Kult-Standarte wurde dabei entdeckt, außerdem keltische Fibeln und eine Opferstätte.

Das Denkmalschutzgesetz schreibt Grabungen vor

Vor allem im sogenannten Badviertel im Süden des Ortes werden Archäologen regelmäßig fündig. Wer dort eine Baugrube aushebt, muss fest damit rechnen, auf Bruchstücke aus der Antike zu stoßen. Und das bayerische Denkmalschutzgesetz schreibt vor, dass in so einem Fall gegraben werden muss; der Bauherr muss das bezahlen. Fündig wird man auch in anderen Teilen des Ortes: Am Hang oberhalb des Rathauses etwa befindet sich ein Friedhof. In Opferstöcken der Kirchen seien immer wieder römische Münzen aufgetaucht, wird erzählt. Bauern haben sie beim Pflügen auf ihren Feldern entdeckt, konnten die Bedeutung aber nicht erkennen, sondern erst die Pfarrer dank ihrer Lateinkenntnisse.

Immer wieder spielte auch der Zufall eine Rolle. Als etwa 2016 auf einer Wiese gegenüber vom Sportplatz an der Leutstettener Straße eine Fläche vorbereitet wurde für den Bau einer Halle als Notunterkunft für Flüchtlinge, kamen Reste einer der Römerstraßen zum Vorschein. Wieder eine kleine Sensation. Der Verlauf war gut erkennbar am dunkleren Aushub; ein sieben Meter breiter Damm war dort mit Kies aufgeschüttet, wie sich zeigte, alte Materialgruben und Pfostenlöcher waren zu identifizieren. Wo vor 2000 Jahren die Fuhrwerke über die befestigte Fahrbahn polterten und wo die Römer die Würm überquerten, war damit klar. Die Halle, die dort entstehen sollte, wurde dann gar nicht benötigt.

Per Zufall kommen im Jahr 2016 an der Leutstettener Straße Reste einer Römerstraße zum Vorschein.  Stefan Mühlemeier leitet die Grabung.
Per Zufall kommen im Jahr 2016 an der Leutstettener Straße Reste einer Römerstraße zum Vorschein.  Stefan Mühlemeier leitet die Grabung. (Foto: Franz Xaver Fuchs)
Margret Thieme vermisst das Bodenprofil und zeichnet es auf Millimeterpapier.
Margret Thieme vermisst das Bodenprofil und zeichnet es auf Millimeterpapier. (Foto: Franz Xaver Fuchs)

Es gibt schon einige Publikationen über die Römersiedlung, allein der Archäologieverein hat mehrere Bücher und Broschüren herausgegeben. Was aber laut Fagner bisher noch fehlt, sind Untersuchungen der sogenannten B-Funde; nicht bewegliche Dinge wie Gebäudereste, Pfostenlöcher oder Fundamente. Da werde dann wissenschaftlich fundiert nachgewiesen, ob ein Gebäude wohl eine Herberge war, und nicht mehr aus dem „Bauchgefühl“ heraus.

Fagner ist seit drei Jahren mit der Doktorarbeit beschäftigt und hat davor schon seine Magisterarbeit über das Thema verfasst. Im nächsten Jahr, so hofft er, wird er seine Doktorarbeit darüber abschließen können. Im Moment wühlt er sich in der Bibliothek des Historicums der LMU durch die Literatur über Funde an anderen Orten, um Vergleiche anzustellen und Stücke zeitlich einzuordnen.

Und erste neue Erkenntnisse gibt es schon. Fibeln lassen sich jetzt noch etwas genauer datieren, fast aufs Jahrzehnt genau. Ausschlaggebend ist in dem Fall ein kleines Detail, ein spezieller Fußknopf an der Gewandspange, den es in der Form nur in einem bestimmten Zeitraum gab. Das ist echte Feinarbeit für Julius Fagner: „Ich liebe das, weil das ist Rätsellösen den ganzen Tag.“ Was dabei herauskommt, geht über Gauting weit hinaus. Ziel sei es, ein wissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk mit feinen Datierungen für die Forschung zu erstellen, erklärt der Doktorand. „Darum ist das so wichtig, das so minutiös aufzudröseln, wie es nur geht.“ Die Funde in Gauting seien auch wegen der großen Zahl dafür ideal.

Wer sich aus erster Hand informieren möchte über die Arbeit der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte – Oberes Würmtal, hat dazu Gelegenheit beim nächsten Jour fixe am Freitag, 28. November, von 19 Uhr an im Pfarrsaal von Sankt Benedikt an der Münchener Straße 7 in Gauting.

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