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Gastronomie:Zum Tanzen an den Waldrand

Obermühltal, Gasthof

"Magischer Ort": Wilef Papageorgiou, Simon Erdmann und Christian Biermann (von links) wollen das verwilderte Gasthaus im Obermühlthal zum Kulturzentrum machen.

(Foto: Georgine Treybal)

Der Kulturverein "Feta Records" will das verlassene Wirtshaus im Obermühlthal bei Starnberg in ein Kreativzentrum umbauen - für Open-Air-Kino, Festivals und mit einem Dancefloor. Wer bekommt den Zuschlag?

Von Gerhard Summer

Rund ums Geisterhaus sieht's immer wilder aus. Wer zu der verlassenen Gaststätte ins Obermühlthal kommt, staunt erst mal darüber, was sich die Natur alles zurückerobert hat. Der erst vor Kurzem gestutzte Efeu rankt sich schon wieder bis zu den oberen Fenstern des blassgelb gestrichenen Lokals. Auf den Tischen und Bänken im Biergarten wuchert in Fladen das Moos. Kleine Baumableger schießen überall hoch, schließlich flankieren Buchen, eine mächtige Esche und Kastanien das Anwesen am Waldrand.

Wenn es nach Wilef Papageorgiou und Simon Erdmann vom gemeinnützigen Starnberger Kulturverein "Feta Records" geht, dann hat das zum Verkauf stehende, still vor sich hinbröselnde Wirtshaus aber Potenzial. Ihnen schwebt hier ein Kreativzentrum vor, das für den "Kulturneustart nach der Pandemie" stehen könnte. Eine für alle offene Villa Kunterbunt mit Werkstatt, Tonstudio, Künstlerateliers, Musiklounge und Übernachtungsmöglichkeiten, "wo immer was los ist", wie Papageorgiou sagt. Denn dieser magische Ort wäre die ideale Szenerie für Open-Air-Kino, Performances, Theater, Ausstellungen und Festivals. Oder für Yoga. Und den Dancefloor am Waldrand. Nicht umsonst ist das seit zwölf Jahren leer stehende und zuletzt nur noch für den Literarischen Herbst 2016 der Kulturmanagerin Elisabeth Carr genutzte Anwesen als Filmlocation im Angebot.

Zum Verkauf steht auch ein Gelände in der Nähe des Gasthauses, an dem unter anderem die Rösterei Wieners interessiert ist: die Mühle an der Würm samt Wohnhaus, Lager und Kraftwerk.

(Foto: Arlet Ulfers)

Sonntäglicher Jazz im Biergarten käme sowieso in Frage, dafür war das Lokal an der S 6 zwischen Starnberg und Gauting ja einmal bekannt im Landkreis. Doch das Wirtshaus kam aufs Abstellgleis, nachdem der Bahnhof wegen zu geringer Auslastung Ende 2004 stillgelegt worden war. Die Ausflügler, die einst in Scharen mit dem Zug gekommen waren, blieben aus. 2009 resignierten die letzten Pächter und machten sich von einem Tag auf den anderen aus dem Staub. Sie hinterließen Speisekarten, Klamotten und angeblich auch Tiefkühlkost in der Gefriertruhe.

Gauting Würmtal, Wirtshaus Obermühlthal

Im Biergarten des Gasthauses Obermühlthal war einst sonntags Jazz geboten.

(Foto: Georgine Treybal)

Das verwunschene Gasthaus könnte jetzt wieder wachgeküsst werden. Der Eigentümer, der Würmtal-Zweckverband für Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung, hatte die Immobilie Anfang der Neunzigerjahre von der Schlossbrauerei Kaltenberg gekauft, um seine Ressourcen in diesem Areal zu schützen. Doch der "Zweck ist entfallen", unter anderem weil offene Quellen inzwischen als Brunnen gefasst worden seien, sagt der Verbandsvorsitzende, der Kraillinger Bürgermeister Rudolph Haux.

Obermühltal, Gasthof

Das verwunschene Gasthaus könnte jetzt wieder wachgeküsst werden.

(Foto: Georgine Treybal)

Deshalb stehen nun gleich zwei Areale zum Verkauf: das um 1890 erbaute, aber nicht denkmalgeschützte Wirtshaus mit 9540 Quadratmetern Grund und das nur ein paar Hundert Meter entfernte, etwa 2800 Quadratmeter große Gelände an der Würm mit historischem Pumpenhaus, alter Mühle, Wohngebäude, Lager und ehemaliger Bäckerei. Preisvorstellungen habe der Verband nie genannt, auch "Zusagen über Nutzungsrechte" seien nicht inklusive, sagt Haux.

Für die beiden Objekte gebe es inzwischen "mehr als zehn Interessenten". Darunter ist die Starnberger Kaffeerösterei "Wieners", die das Ensemble an der Würm sanieren und dort ein Museumscafé einrichten möchte. Und eben der Feta-Verein, der sich mit seinen fantasievollen und ausgetüftelten Techno-Festivals einen Namen gemacht hat. Zumal es die Kulturmacher mit dem Respekt vor der Natur ernst meinen. Zusammen mit einem Münchner Investor wollen die jungen Leute das renovierungsbedürftige Lokal an Land ziehen.

Andere Bieter seien sowohl an der Gaststätte als auch an der Mühle samt Nebenbauten interessiert, erklärt Haux. Voraussichtlich im Oktober werde die Verbandsvollversammlung entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Dabei spiele nicht nur der Kaufpreis, sondern auch das Konzept des jeweiligen Investors eine Rolle. Beide Areale liegen im sensiblen Außenbereich Starnbergs, wer beispielsweise Einfamilienhäuser am Waldrand hochziehen möchte, hat offenbar schlechte Karten. Bürgermeister Patrick Janik, der den alten Jazz-Biergarten gut kennt, weil er einen "erheblichen Teil" seiner Jugend im Mühlthal verbracht habe, sagt dazu: Natürlich wäre er froh, wenn dieser Platz seinen "Status als Nicht-Ort verlieren könnte", er sei auch "grundsätzlich offen für alles", aber eben nicht für Wohnbebauung. "Es könnte sein, dass jemand dann drei Jahre warten muss, bis wir ihm sagen, dass das nicht geht."

Drei Jahre? Ja, sagt Janik, das Starnberger Bauamt sei so unterbesetzt, dass eine "lange Warteschleife entstanden ist". Bestandsschutz wäre kein Problem. Aber wenn die Stadt über eine grundsätzlich andere Nutzung oder Erweiterungen im Außenbereich entscheiden müsste, "sprechen wir von Jahren, nicht von Monaten".

Ans Warten sind die elf Freunde von "Feta Records", die einen Baumpfleger, Architekten, Schreiner und Designer in ihren Reihen haben, ohnehin gewohnt. Denn sie hatten das Geisterhaus im Obermühlthal zunächst pachten wollen. Laut Papageorgiou zogen sich die Verhandlungen mit dem Verband, der damals offenbar noch nicht an einen Verkauf seiner Liegenschaft dachte, drei Jahre lang hin. Doch ein paar Tage bevor der Mietvertrag unterzeichnet werden sollte, sei die Corona-Pandemie dazwischengekommen.

Zuvor hatten die jungen Leute schon Bäume gestutzt, den Efeu zurückgeschnitten und die Sicherungskästen des Lokals erneuert. Nun hoffen sie, dass ihr Traum in Erfüllung geht, denn inzwischen haben sie den Unternehmer Christian Biermann mit an Bord, der seit 2002 das Hotel "Prinzregent" an der Messe in München-Riem samt Wirtshaus und eigenem Bier sowie das Freizeitgelände "Beach 38" in Fröttmaning betreibt.

Biermann sieht sich nicht als Mäzen. "Das muss schon plus/minus null rausgehen", sagt der 54-Jährige, "ich will nicht draufzahlen." Aber auch seine Vision sei es, Menschen zusammenzubringen, die sonst eher selten aufeinandertreffen. Er denkt an Workshops für kleinere Firmen genauso wie an gemeinsames Kochen und Rückzugsmöglichkeiten in hektischen Zeiten. Klar sei bei diesem Projekt, das den launigen Arbeitstitel "Feta & Bier" hat, aber auch: "Wir brauchen zwei bis drei Jahre Anlaufzeit."

© SZ vom 20.07.2021
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