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Fünfseen-Filmfestival:Zerbrechliches Glück

Gauting: fsff Preisträgerverleihung

Lauter Gewinner: Festivalchef Matthias Helwig (re.), der selbst den One-Future-Ehrenpreis erhält, mit dem ausgezeichneten Filmemacher Rolando Colla und dessen Hauptdarstellerin Linda Olsansky.

(Foto: Nila Thiel)

Der Schweizer Regisseur Rolando Colla gewinnt mit seinem Film über eine interkulturelle Liebe und Rassismus den Hauptpreis. Die One-Future-Trophäe geht an "The Great Green Wall"

Von Blanche Mamer, Gauting

Linda Olsansky bricht in Tränen aus. "Ich bin überwältigt. Damit haben wir nicht gerechnet", sagt sie, als sie sich wieder gefasst hat. Denn Der Film "What You Don't Know About Me", in dem sie die Hauptrolle spielt, hat den Fünfseen-Filmpreis 2020 bekommen. Zusammen mit Regisseur Rolando Colla war sie zur Präsentation ihres Dramas gekommen, sie hatten ihn am Freitag in Seefeld und am Samstag in Gauting dem Publikum vorgestellt.

Der Schweizer Regisseur war schon zweimal beim Starnberger Festival mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet worden: 2012 für "Sommerspiele" und 2017 für "Seven Days". Und nun also der Hauptpreis für einen schwierigen, faszinierenden, berührenden Film, der zeigt, wie zerbrechlich das Glück zwischen einem Flüchtling aus Afrika und einer alleinerziehenden weißen Mutter in der Schweiz ist. Zumal wenn der Schwarze fälschlicherweise in die Mühlen der Justiz gerät.

Im Mittelpunkt des Films steht Ikendu, gespielt von Koudous Seihon, der aus Mali nach Europa geflüchtet ist. In Schweizer Ort Bellinzona versucht er Fuß zu fassen. Hier lernt er Patricia kennen, eine allein erziehende Mutter mit zwei Töchtern von verschiedenen Vätern, die als Velo-Mechanikerin arbeitet. Die beiden verlieben sich, heiraten, alles scheint gut. Doch dann wird Ikendu festgenommen, er soll Drogen geschmuggelt und gedealt haben. Bald wird klar, dass seine afrikanischen Freunde ihn belasten. Seine Beziehung zu Patricia droht zu scheitern, denn sie weiß nicht mehr, was und wem sie glauben kann.

Die Justizgeschichte beruhe auf Fakten aus realen Gerichtsakten, sagt Colla. Er habe aber vor allem die Liebesgeschichte der beiden Außenseiter zeigen wollen und die Dreharbeiten lange vorbereitet, da er fast dokumentarisch drehen wollte. Das Budget sei extrem niedrig gewesen, das Team habe aus nur sieben Leuten bestanden. Die Schweizer Filmförderung habe keine Mittel beigesteuert, möglicherweise weil sie befürchtete, dass der Film zu offensichtlich zeige, wie voreingenommen die Justiz arbeite. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Koudous und auch die beiden Töchter sind laut Colla keine ausgebildeten Schauspieler, das jüngere der beiden Mädchen habe allerdings ein ähnliches Schicksal erlebt und wirke deswegen so natürlich. Die Jury begründete ihre Wahl auch damit dass sich der Film unter Vermeidung jeglicher Klischees mit dem Thema Flucht auseinandersetze und ein höchst brisantes Problem zur Sprache bringe, das aktueller kaum sein könnte: den strukturellen Rassismus im gegenwärtigen Europa und seine konkreten Auswirkungen auf die Betroffenen.

Es war ein spannender Abend im Gautinger Kino: Vor dem Höhepunkt, der Verleihung des Fünfseen-Filmpreises, sind bereits drei andere Auszeichnungen vergeben worden. Zunächst geht Festivalchef Matthias Helwig auf die vergangenen zehn Tage ein, lobt sein Team, freut sich über die Zuschauerzahlen, selbst wenn die Open-Airs wetterbedingt nicht den erwarteten Erfolg hatten. Er appelliert an die anwesenden Politiker, das Kino ernst zu nehmen und das Festival finanziell und personell besser zu fördern. Und während Florian Meierort mit seiner Violine Stücke von Bach und Paganini spielt, macht sich Filmpfarrer Eckart Bruchner bereit für die Vergabe des 34. "One-Future-Preises" der Interfilm-Akademie. Bis früh um fünf habe die Jury getagt, sagt er. Schließlich habe man entschieden, den polnischen Spielfilm "Corpus Christi" lobend zu erwähnen (er läuft an diesem Donnerstag an) und der Dokumentation "The Great Green Wall" den One-Future-Preis zuzusprechen.

Der Film dokumentiert eines der ehrgeizigsten Klima-Projekte der Welt, quer durch Afrika wird ein 8000 Kilometer langer "grüner Gürtel" aus Bäumen gepflanzt, der die Ausbreitung der Wüste aufhalten und Millionen Menschen Nahrung, Arbeitsplätze und eine Zukunft bringen soll. Der Film soll im Oktober ins Kino kommen. Und dann steht noch die Vergabe des Ehrenpreises an: Er geht an den Initiator des Festivals, Matthias Helwig. Bruchner, der Helwig und seine Familie "schon ewig" kennt , erklärt seine Verbundenheit mit dem Kinomacher und die gemeinsame Liebe zum Kintopp.

In der Reihe "Perspektive Junges Kino" hat die Jury sich für "Acasa, My Home" von Radu Ciorniciuc entschieden: für einen mitreißenden rumänischen Film über eine Familie mit neuen Kindern zwischen zwei Welten, der grünen Natur des Donaudeltas und dem Stadtrand von Bukarest, wohin sie zwangsumgesiedelt wurde. Hier lebt sie erst recht in Armut und Misere, nur ohne die frühere Freiheit und Natürlichkeit.

Obwohl es heuer keine Zusammenarbeit mit der Filmförderung gab, wollte Helwig am Drehbuchpreis festhalten. Denn: "Jeder Film braucht zunächst eine gute Geschichte." Der Preis, gestiftet von der Gemeinde Gauting, geht an den ukrainischen Film "Homeward". Die Story von Nariman Aliev, Novruz Hikmet und Marysia Nikitiuk spielt vor dem Hintergrund der Krim-Annexion durch die Russische Föderation und handelt von einem Vater, einem Krimtataren, der seinen gefallenen Sohn in der Heimaterde bestatten will. Das Drama ist ganz nah an seinen Protagonisten.

© SZ vom 08.09.2020

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