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Fünfseen-Filmfestival:Mütterchen im Sperrgebiet

"Du wirst nicht krank in deiner Heimat": Szene aus dem Dokumentarfilm "The Babushkas of Chernobyl".

(Foto: Verleih, FSFF)

"The Babushkas of Chernobyl" läuft in Gauting

Von Gerhard Summer, Starnberg

In diesen wild wuchernden, verseuchten Garten kommen nur die ganz, ganz Harten. An die 100 Rückkehrer hausen im Sperrgebiet von Tschernobyl, das mit einem Radius von 30 Kilometern um den am 26. April 1986 explodierten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks gezogen worden und immer noch radioaktiv belastet ist: ältere Frauen vorwiegend, die nicht im Traum daran denken, ihre Heimat zu verlassen. Sie heißen "Babushkas", Mütterchen also, sind 70, 80 oder noch älter und haben ihre Männer, zum Teil auch ihre Kinder überlebt. Alle tragen Kopftücher über ihren grauen Haaren. Sie ernähren sich von dem, was der Wald an Himbeeren, Kräutern und Pilzen und die eigenen Beete an Gurken, Tomaten, Kartoffeln und Karotten hergeben. Eine Frau hält sich noch Hühner, eine andere fischt, regelmäßig kommen Männer in Uniform vorbei, die Proben der kontaminierten Lebensmittel nehmen, und bringen ihnen Brot. Viele Babushkas haben ein paar Vorderzähne im Lauf der Jahre eingebüßt. Doch an Energie, Willen und Trotz fehlt es ihnen nicht.

In der tragikomischen Dokumentation der amerikanischen Filmemacherinnen Anne Bogart und Holly Morris, "The Babushkas of Chernobyl", die an diesem Mittwoch noch einmal auf dem Fünfseen-Festival läuft, machen sie sogar gelegentlich unbekümmert Party. Treffen sich zu dritt im bröckelnden Haus einer Freundin, singen und tanzen, essen und kippen Gläser mit Wodka, Wein oder "Moonwater", selbstgebranntem Schnaps. "Servus, Verstand, wir sehen uns morgen wieder", ruft eine von ihnen und trinkt.

Doch in der 2600 Quadratkilometer großen kontaminierten Zone dahinzuvegetieren, ist kein Spaß. Auch das zeigt der Film über das Leben nach dem GAU. Einmal sagt eine der Frauen: "Die Radioaktivität schreckt mich nicht, aber der Hunger." Einmal liegt eine Babushka völlig hilflos im Bett, weil sie gestürzt ist. Und einmal hadert eines der Mütterchen mit seinem Schicksal. Sie und die anderen hätten überhaupt keine Besitztümer, sagt die weinende Frau. Und mit dem bisschen Rente könne sie rein gar nichts kaufen. Sie wartet auf die Auszahlung der Altersversorgung, eine Botin fährt das Geld aus, blättert Scheine auf den Tisch und zählt: 30, 40, 50, 60 Hrywnja. Das wären gerade mal 1,83 Euro.

In das vom Militär bewachte Sperrgebiet kommen seit ein paar Jahren auch Touristen, die ein Faible für Kernkraftleichen und die Postapokalypse haben. Es gibt geführte Touren und Souvenirs wie T-Shirts, die angeblich im Dunkeln leuchten, ein Abstecher zu den Siedlerinnen kostet laut Spiegel 17,70 Euro Aufpreis. Bogart und Morris konzentrieren sich auf andere Besucher, die ebenfalls in Prypjat herumschleichen. Die Stadt war einst für die Arbeiter des Atomkraftwerks erbaut worden, längst erobert sich die Natur zurück, was die Menschen ihr genommen haben. Füchse richten sich in Wohnungen häuslich ein, Bäume sind in die Höhe geschossen, Wölfe und Wildpferde treiben sich herum. Und die jungen Männer, die an einem Maschinen-Friedhof mit verrosteten Panzern und Hubschraubern vorbeikommen, Fotos von einem nie eröffneten Rummelplatz mit Autoscootern und Riesenrad machen, Wasser aus einem Fluss trinken und für bekömmlich befinden, sind Anhänger des Computerspiels "S.T.A.L.K.E.R". Einer schwärmt: Hierher zu kommen, das sei so, wie 20 oder 30 Jahre in die Vergangenheit zu reisen. Prypjat liegt im Schatten des havarierten Reaktors, also in der Zehn-Kilometer-Todeszone um Tschernobyl, die wohl nie sicher sein wird.

Wie stark die Kontamination im Gebiet der halblegalen Siedlerinnen ist? Einer der Männer in Uniform hält den Geigerzähler über eine Schüssel mit Pilzen, die eine Frau gesammelt hat. "530", konstatiert er. Und welche Maßeinheit das auch sein mag - er sagt nur noch: "Wow!" Die Babushkas indes finden: "Du wirst nicht krank in deiner Heimat". Und so ganz falsch dürfte auch das nicht sein.

Die Doku läuft diesen Mittwoch, 18 Uhr, im Kino Gauting.

© SZ vom 09.09.2020

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