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Fünfseen-Filmfestival:Morbide Hommage

Die Komödie "Salon Styx" gewinnt das 'Goldene Glühwürmchen', "Masel Tov Cocktail" triumphiert beim Short-Plus-Award, und der Video-Art-Preis geht an "Un Hombre que camina"

Von Gerhard Summer, Starnberg

Die Zukunft des Films liegt über der Gürtellinie. Der junge österreichische Regisseur Alexander Peskador steht im Trenchcoat auf der Open-Air-Bühne und demonstriert, wie es gelingen könnte, die nächsten Produktionen ganz ohne Schauspieler und ohne Infektionsgefahr hinzubekommen. Der eigene Bauch habe ja ein Gesicht, sagt er, zieht den Pulli hoch und knetet mit den Händen auf Höhe des Nabels herum, auf dass sich ein sprechender Mund zeige. Die Zuschauer lachen und klatschen, zu dem Zeitpunkt ist noch nicht klar, dass vor ihnen ein Sieger steht.

Starnberg: fsff Kurzfilm Preisverleihung

Die dick eingepackten Zuschauer vergeben den Preis.

(Foto: Nila Thiel)

Peskadors leicht morbide Komödie "Salon Styx" gewinnt nämlich den Publikumspreis für den Kurzfilm, das "Goldene Glühwürmchen". Am Ende hält der Filmemacher eine Trophäe in Händen, die in Corona-Zeiten etwas an Fülle zugelegt hat. Dass er mit seiner leicht gewandeten Hauptdarstellerin Angi Dolna aus Wien und seinem Komponisten Daniel Roden ins Starnberger Seebad gekommen ist, könnte die Entscheidung der Besucher durchaus beeinflusst haben. Denn die anderen drei Regisseure, die mit ihren Kurzfilmen das Finale erreicht haben, sind verhindert. Nur Sebastian Kellermann, der mit "Otto" eine animierte Petitesse über stupid stempelnde Schnabeltiere in einem gewaltigen, an Billy Wilders "Appartement" erinnernden Büro vorlegt, schickt eine Grußbotschaft. Dabei hat Peskadors Geschichte starke Konkurrenz: Christina Tournatzés' "Cargo" ist die albtraumhafte Dokumentation der Flüchtlingstragödie von 2015, als 71 Menschen in einem Kühllastwagen erstickten, so unmittelbar und nah dran gefilmt, als säße man selbst im Lkw. "Herbst" wiederum kommt professionell, raffiniert in der Abfolge der Erzählung und mit dem exzellenten Schauspieler Jörg Schüttauf daher. Und Regisseurin Greta Benkelmann gelingt die Gratwanderung, dem Thema Demenz Leichtigkeit abzugewinnen, ohne jemals in Plattitüden oder ins Problembeladene abzudriften.

Starnberg: fsff Kurzfilm Preisverleihung

Schwarzer Humor triumphiert: Regisseur Alexander Peskador, sein Filmmusik-Komponist Daniel Roden (links) und Hauptdarstellerin Angi Dolna nehmen das "Goldene Glühwürmchen" entgegen.

(Foto: Nila Thiel)

Am Ende aber setzt sich die Geschichte aus dem Friseursalon durch: Ein Managertyp, der sich noch schnell einen Haarschnitt und eine Rasur verpassen lassen will, folgt einem Bauchgefühl und flieht. Denn neben ihm sitzt ein toter Stammkunde. Wie Peskador sagte, ist die schwarzhumorige Komödie auch als Hommage an den dritten Bezirk in Wien und an Geschäfte zu verstehen, die langsam aussterben.

Die Regisseure Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch legen im Vergleich zu "Herbst" ein paar Schippen mehr drauf: Ihr "Masel Tov Cocktail", der beim Short-Plus-Award triumphiert, ist ein ungewöhnlich frecher, frischer und provokanter Film über Antisemitismus samt eingeblendeten Datenchecks und direkter Ansprache ans Publikum. Ihre Hauptfigur Dimitrij begegnet entweder nur Gutmenschen, die das Wort Jude kaum aussprechen wollen, jungen Leuten, die nie Nazi-Opas hatten, oder einem Idioten, der infame Gaskammer-Witze macht. Die eigentliche Überraschung dieses langen, kühlen Abends aber ist der Gewinner des Video-Art-Preises, "Un Hombre que camina" vom chilenischen Regisseur Enrique Ramírez. "Ein Mann, der geht" sei an einem der größten Salzseen weltweit in der Nähe der Atacama-Wüste gedreht worden, sagt einer der Kuratoren des Wettbewerbs, Roman Woerndl, und handle von einem schamanischen Ritual und der Erdmutter "Pachamama".

Tatsächlich ist der Film ein Fest der Bilder und wirkt wie eine Beerdigung samt Marching Band. Manchmal scheint es so, als gehe die Hauptfigur in ein Gemälde hinein. Einmal bleibt sein Spiegelbild im Wasser stehen, während der Mann weitergeht.

Die Preisverleihung hat nur einen Haken: Alle drei Auszeichnungen sind mit 500 Euro dotiert. Im Vergleich zu anderen Festivals fehlt da eine Null.

© SZ vom 07.09.2020

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