bedeckt München 20°

Regie:Leise Komödien

Mit Strohhut und Kamera: Felicitas Darschin bei Dreharbeiten am Walchensee.

(Foto: Felicitas Darschin)

Die Filme der Regisseurin Felicitas Darschin aus Feldafing heben sich deutlich vom Schenkelklopfer-Humor ab. In Gauting führt die 35-Jährige nun Szenen aus "Frau Mutter Tier" vor

"Frau Mutter Tier" ist der Arbeitstitel für das Filmprojekt, dessen Entwicklung Felicitas Darschin seit drei Jahren kreativ begleitet. Die Regisseurin sieht in ihrer Komödie über drei Mütter im Großstadtchaos immer noch ein "rohes verletzliches Ei". Im Moment arbeitet sie fast täglich bis spät nachts im Produktionsbüro, um mit dem Cutter den Film zu schneiden. Am Freitag aber nimmt sich die Wahl-Feldafingerin Zeit, beim Werkstattgespräch gemeinsam mit Drehbuchautorin Alexandra Helmig Auskunft über den Entstehungsprozess des Kinofilms zu geben.

Von 19 Uhr an wird Darschin im Gautinger Kino Szenen zeigen, "die sich beim Dreh weiterentwickelt haben". Die Runde, an der noch Produzentin Susanne Freyer, Autorin Ute Wieland und Moderatorin Carolin Otto teilnehmen, steht unter dem Thema "Fokus Drehbuch". Für "Frau Mutter Tier" hat die Regisseurin mit Helmig zunächst aus deren Theaterstück Leinwandfassungen entworfen, um auszuloten, wie der Stoff filmisch umgesetzt werden kann. "Es geht darum, die Bühnenwelt ein bisschen beweglicher zu machen", sagt Darschin, die eher in Bildern als in Worten denkt. "Ein aussagekräftiges Szenenbild und vielschichtige Kostüme" dienten unter anderem dazu, der pfiffig zeitgeistigen Vorlage mehr Dynamik zu verleihen. Bei Leseproben mit Schauspielern wurden Helmigs bissige Dialoge weiter nachgeschärft.

Dabei habe sich auch die Zusammenarbeit mit Julia Jentsch als Glücksfall erwiesen. Die Darstellerin - als Sophie Scholl berühmt und vielfach ausgezeichnet - in einer komischen Rolle zu besetzen, sei ein Experiment gewesen, das sich bewährt habe: "Sie hat sehr fein und nuanciert gearbeitet". Denn bei "Frau Mutter Tier" würden im Gegensatz zum deutschen Schenkelklopfer-Humor eher "ein bisschen leisere Töne" angeschlagen. Für den neuen Streifen hat Darschin ihr zweites Kinoprojekt "Liebe lieber ungewöhnlich" (Arbeitstitel) erst mal zurückgestellt: Auch dieser Spielfilm wird in Episoden erzählt und ist eine Komödie mit versponnen französischer Tonart. Ihre Arbeit lasse sich nicht auf ein Genre festlegen, "aber Humor ist ein großer Teil meiner Persönlichkeit". Lachen sei wichtig, sagt sie: "Kino sollte immer auch einen Hoffnungsschimmer bieten". Komödien zu drehen, "macht am Set mehr Spaß, ist aber beim Schnitt die härtere Arbeit."

Felicitas Darschin war früh klar, dass Film ihre Leidenschaft ist. Im Gautinger Elternhaus gab es Klassiker von George Cukor und Howard Hawks zu sehen. Als Kind sammelte sie Filmmusik und Kinoplakate, die ihr der Vorführer des alten Gautinger Kino schenkte. Mit 15 kam das erste Praktikum: Darschin half am Starnberger See bei den Dreharbeiten für die TV-Serie "Aus heiterem Himmel". Die Teamarbeit habe sie "sehr familiär und anziehend gefunden".

Schon damals fokussierte sich ihr Interesse auf Regie: "Geschichten erzählen ist für mich das Wesentliche - und Film ist dazu die unmittelbarste Ausdrucksform." Vor und nach dem Abitur folgten weitere Praktika bei Film und Fernsehen, ein Jahr arbeitete sie gezielt auf die Bewerbung an der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF) hin, zu der sie dann gleich zwei Kurzfilme vorlegen konnte. So erhielt sie 2003 auf Anhieb als eine von acht unter 500 Kandidaten einen Studienplatz für Spielfimregie und 2007 ihr Diplom.

Wer in Darschin deshalb eine kühl kalkulierende Karrieristin sieht, liegt ganz falsch. Anders als viele Kommilitonen verwendete sie ihren Abschlussfilm nicht dazu, marktkonforme Flexibilität zu demonstrieren. Sie wollte mit der "ganz wild surrealen" Tragikomödie "Teddytester" lieber nochmal die kreative Freiheit nutzen, die das Studium bietet. "Mainstreamig kann man immer noch werden", rät sie auch jetzt als Dozentin, denn seit 2012 unterrichtet sie an HFF und Medienakademie München. Das halte sie "frisch im Geist". Zum Entwicklungsprozess von "Liebe lieber ungewöhnlich" drehte sie eine begleitende Dokumentation, die demnächst als Unterrichtsmittel eingesetzt wird. Außerdem findet es Darschin "sehr spannend", den Jurys von Filmwettbewerben anzugehören und etwa über den Deutschen Kamerapreis oder den deutschen Beitrag für den Academy Award mitzuentscheiden: "Weil man sich da ganz anders mit Filmen beschäftigt, lernt man wahnsinnig viel."

Vor allem aber wirkte die 35-Jährige in den vergangenen 15 Jahren selbst kreativ: Sie schrieb und inszenierte diverse Spielfilmprojekte, drehte TV-Dokumentationen. Immer öfter nimmt sie auch die Rolle der Produzentin ein, Darschin kennt also die Branche aus verschiedenen Perspektiven. Entsprechendes Gewicht hat ihr Urteil, wenn sie findet, mit starrem Blick auf Umsätze und Einschaltquoten drehe sich die nationale TV- und Kinoszene oft im Kreis: "Generell wird dem deutschen Zuschauer viel zu wenig zugetraut"; es werde versäumt, das Publikum für eine größere Genrevielfalt zu konditionieren.

Derzeit sei es extrem schwierig, für Filme Geld aufzutreiben: "Die Entscheidungsprozesse für die Finanzierung sind ausgesprochen langwierig geworden". In der Folge hingen auch begabte Absolventen von Filmhochschulen "viele Jahre in der Warteschleife, mit 40 gilt man dann auch noch als Nachwuchs-Talent", sagt Darschin augenzwinkernd. Zum Glück gebe es aber Kämpfer mit Geschmack und Entdeckergeist wie Matthias Helwig. Sein Fünfseen-Filmfestival (FSFF) ist für sie wie das Münchner Filmfest ein Fixum im Jahresablauf geworden. 2008 gewann sie als 26-Jährige mit "Zwerg Nase" den FSFF-Kinder-und Jugendfilmpreis, 2009 saß sie in der "Horizonte"-Jury - aber als Zuschauerin war sie noch jedes Jahr dabei. Im vergangenen Jahr etwa hat sie "The Revenant" beim Open Air am Wörthsee trotz eines Unwetters bis zum Ende gesehen: "Unterm Regenschirm waren ein Freund und ich die letzten zwei Zuschauer."

  • Themen in diesem Artikel: