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Fünfseen-Filmfestival in Starnberg:Lektion für den Hauptsturmführer

Eine Geschichte von Zufällen und vom Überleben: Im Holocaust-Drama "Persischstunden" spielt Lars Eidinger einen cholerischen Lagerkoch, der vom eigenen Lokal in Teheran träumt

Von Gerhard Summer

Lars Eidinger ist Ehrengast beim fsff

Gut beschirmt: Ehrengast Lars Eidinger (Mitte) wird vor dem Starnberger Kino von Festivalchef Matthias Helwig (li.) empfangen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Der Herr Hauptsturmführer lernt jahrelang eine tote Sprache, ach wie dumm. Mutter heißt angeblich "Anta" und Gabel "Kars", Schwein klingt wie "Tsvajn", das Restaurant ist das "Onordam". Und Brot?, fragt Lagerkoch Klaus Koch. "Radß", antwortet Gilles, der Häftling, der sich Reza nennt. Später muss er notgedrungen ergänzen: "Radß" bedeutet auch Baum.

"Persischstunden", das Holocaust-Drama des russischen Regisseurs Vadim Perelman, erzählt eine irrwitzige Geschichte. Die Groteske im Vorzimmer der Hölle handelt von Zufällen, die über Leben und Tod entscheiden, und von einem kühnen Kauderwelsch, das Reza erfindet, um zu überleben. Die ersten Vokabeln denkt sich der belgische Jude noch aus. Bald verfremdet und verkürzt er Vor- und Nachnamen von Häftlingen, die in diesem an die KZs in Natzweiler-Struthof und Buchenwald angelehnten Lager stranden und in den Tod geschickt werden. Denn der Nazi Koch träumt davon, nach dem Krieg ein deutsches Lokal in Teheran aufzumachen, und sucht deshalb schon länger einen Farsi-Lehrer.

Am Freitagabend steht der Mann, der auf gebrochene Bösewichter spezialisiert ist und diesen pedantischen, verdrucksten, leicht stotternden und jähzornigen Hauptsturmführer spielt, vor der Leinwand des Starnberger Kinos: Lars Eidinger aus Berlin. Er gibt seit 19 Uhr ein Interview nach dem anderen: wortgewandt, professionell, ernsthaft, lustig und offen. Ein Fernsehteam spricht an, dass die Vorstellung als Open-Air geplant war, Eidinger sagt: Ja, er habe sich auch sehr auf diese Kulisse gefreut, aber jetzt werde das Fünfseen-Festival wohl mehr ein Festival in fünf Sälen. Der Dauerregen verwässert nämlich den Sommer, die Besucher müssen ins trockene Lichtspielhaus verteilt werden, Festivalchef Matthias Helwig meint später: Wenn Corona nicht alles diktieren würde, dann wäre der Saal "dreimal, viermal, fünfmal ausverkauft".

Eidinger sagt nach der Vorstellung ein paar wunderschöne Sachen über Schauspielkunst: "Ich habe alle meine Rollen an", meint er, ganz wie in der Zeit, als man noch alles an Kleidung anziehen konnte, was man besaß. Und: Er agiere nicht immer nach der gleichen Masche, lege sich vorher gar nichts zurecht und halte es mit Brecht ("Zeigt, dass ihr zeigt"). Eidinger: "Ich bin das nicht, ich spiel's." Deshalb sei die Sache die: "Die Zukunft der Fiktion besteht darin, offen mit der Fiktion umzugehen." Manchmal sei er selbst überrascht, wie fremd seine Stimme klinge, wie sich sein Gesicht urplötzlich in eine irre Fratze verwandelt, etwa als er in der Rolle des Klaus Koch seinen Lehrer Reza krankenhausreif prügelt, weil der auf einmal behauptet, dass Baum "Radß" heißt. Obwohl das doch das Wort für Brot war.

Eidinger kommt regelrecht ins Plaudern. Er erzählt, wie er mit dem kleinen, kleinen Energiebündel Danny DeVito gedreht hat. Wie sich Gérard Depardieu die Vorbereitung auf die ein oder andere Rolle spart, indem er seinem Gegenüber das Textblatt ins Gesicht heftet. Er berichtet, dass er ein großer Fan des schönen Bayern sei, er habe sich sogar eine Lederhose gekauft, traue sich aber noch nicht, sie anzuziehen. Und, ach ja, Josef Bierbichler, der Ambacher, sei sein Schuhplattl-Lehrer gewesen, vor 13 Jahren an der Schaubühne in Berlin. Er könne das heute noch, sagt Eidinger und tut eine Sekunde lang so, als werde er gleich was aufs Parkett legen.

Der Mann mit der merkwürdigen Vorliebe, Betrunkene heimlich zu filmen, hat es faustdick hinter den Ohren. Einmal erklärt er, er sei dem grandiosen Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart ständig auf den Leim gegangen und habe gedacht, der Mann, der die Rolle des Gilles oder Reza übernommen hat, könne perfekt deutsch. Na ja, genau das ist die Konstellation von "Persischstunden". Über weite Strecken nimmt sich dieser Film wie ein Kammerspiel aus, das von der nie übertriebenen Kunst der Schauspieler Biscayart und Eidinger lebt. Zugleich zeigt Perelman den Alltag im Inferno. Man sieht: Der Deutsche singt gern fröhliche Lieder, macht in der Kantine Small Talk und provoziert schon mal. Ein Gerücht geht nämlich um, das vom besten Stück des Kommandanten handelt. Klaus Koch konfrontiert den Mann damit, als Rache dafür, dass ihm unterstellt wird, er halte sich einen Lust-Perser. Und er kostet die Szene aus: Es gehe nur um eine Winzigkeit, sagt der Hauptsturmführer: Angeblich sei der Penis des Kommandanten sehr klein, also fast unsichtbar. Wenn er wüsste, was Mini-Schwanz auf Pseudo-Farsi heißt, er würde es wohl auch noch sagen.

Der Regisseur erzählt vorwiegend aus der Täterperspektive. Die Nazis in "Persischstunden" sind Menschen, keine vom Himmel gefallene Monster. Und das Drama hat erschütternde Szenen, etwa wenn blutjunge Kerle Häftlinge mit der Maschinenpistole ummähen, als wären's nur Kegel. Trotzdem entwickelt die Groteske nicht die Wucht, die beispielsweise "Das Leben ist schön" hatte. Dazu peitscht die Filmmusik zuweilen zu sehr, dazu gibt es doch zu viele Klischees. Und dazu steht vor allem die Hauptthese des Films auf zu wackligen Füßen. Warum will dieser Klaus Koch ausgerechnet im Iran ein Restaurant aufmachen? Sogar Lars Eidinger weiß darauf keine überzeugende Antwort.

© SZ vom 31.08.2020

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