Süddeutsche Zeitung

Fünfseen-Filmfestival:In der Hitze des Tags

Das wuchtige Drama "Beyond The Horizon" mit Laetitia Casta

Von Blanche Mamer, Gauting

Die älteren Kinogänger erinnern sich sicher an den Sommer 1976: Es war einer der heißesten und trockensten, den weite Teile Europas bis dahin erlebt hatten. Ende Juni war die Dürre überall sichtbar, die Wiesen waren braun, die Felder ausgetrocknet, das Wasser knapp, Menschen und Tiere litten. Es war eine der markantesten Hitzewellen des vergangenen Jahrhunderts. In jenem Sommer spielt "Beyond The Horizon" von Delphine Lehericey , der mit englischen Untertiteln beim Festival in der Reihe Panorama und im Wettbewerb um den Publikumspreis läuft. Die belgisch-schweizer Produktion "Le milieu de l'horizon" basiert auf einem Roman von Roland Buti ("Das Flimmern am Horizont"), der dafür 2014 den Schweizer Literaturpreis bekommen hatte.

Es ist die Coming-of-Age-Geschichte des 13-jährigen Gus, wunderbar gespielt von Luc Bruchez, der zwar Ferien hat, doch auf dem Hof seiner Eltern im Süden der französischen Schweiz kräftig mit anpacken muss. Den Hof der Sutters trifft die große Hitze besonders, der Bauer und Familienvater Jean (Thibaut Evrard) hat sein ganzes Geld in die Hühnerzucht gesteckt. Die Hühner hält er in Zelten auf einem weit abgelegenen Feld. Sie sterben in der Hitze. Gus muss beim Einsammeln der Kadaver helfen, eine Arbeit, die ihn anwidert. Er muss seinen Vater auch beim Ausmisten zur Hand gehen und sich um das alte Pferd kümmern, muss es regelmäßig ausführen. Dabei würde er lieber auf seinem Zimmer hocken, Comics lesen, eigene Figuren zeichnen, in seinem Versteck im nahen Wäldchen tagträumen oder auch mit der gleichaltrigen Mado abhängen. Seine Mutter Nicole, gespielt von der immer noch wunderschönen Laetitia Casta, schindet sich ebenfalls auf dem Hof, hat aber immer Zeit für ihren "Kleinen", den sie drückt und herzt, als wäre er noch ein Kleinkind.

Die Atmosphäre ist bedrückend, wird aber richtig bedrohlich, als sich Cécile (Clémence Poésy), eine geschiedene Freundin der Mutter, auf dem Hof einquartiert. Jean ist misstrauisch und versucht, allerdings ohne Erfolg, Cécile los zu werden. Gus beobachtet von seinem Versteck im Wald aus, wie sich die zwei Frauen küssen und lieben. In seinem Gesicht spiegeln sich Unverständnis, Wut, Verzweiflung. Spiegelt sich, wie seine Welt zusammenbricht. Als seine geliebte maman nach einem fürchterlichen Familienkrach mit ihrer Geliebten weggeht, ertränkt der Vater seine Sorgen und seine Wut im Suff. Und Gus muss tagelang allein schauen, wie er mit Tieren und Hof zurecht kommt. Der geistig zurückgebliebene Cousin Rudy, der als Knecht mitarbeitet, ist ihm keine große Hilfe, denn er war in Cécile verliebt. Als statt des ersehnten Regens ein fürchterliches Gewitter über das Land hereinbricht, will Gus die letzten Hühner retten, die zu ertrinken drohen. Dabei wird Rudy von einem Balken erschlagen und lebensgefährlich verletzt.

"Beyond The Horizon" ist ein wuchtiger Film, man spürt geradezu die am Horizont flimmernde Hitze und das daraus resultierende Elend der Menschen, die sich sonst vielleicht nicht mit einer solchen Brutalität auseinandergesetzt hätten. Für Gus ist es das Ende der Kindheit, das Ende auch für den Hof der Sutters. Die Regisseurin ist für ihren erst zweiten Spielfilm mit dem Schweizer Filmpreis 2020 ausgezeichnet worden.

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Quelle:
SZ vom 02.09.2020
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