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Fünfseen-Filmfestival:Heftige Kontraste

Der Kurzfilmabend mit "Apfelmus", "Bloom" und "Der Tag X"

Von Gerhard Summer, Starnberg

Herrschaft, so ein österreichischer Eisbär, der hat's schwer! Boris hockt mit rotem Schal um den Hals neben seiner Liebsten in der Höhle und spricht ein wenig bräsig: "Amelie, ich hab in letzter Zeit ein bisschen die Kontexte unsrer Dualität untersucht, und es offenbarte sich eine Wiederkehr des Immergleichen". Ja, der Gute steckt in der Krise. Tief in sich spürt er "ruinöses Eis", es zieht ihn raus auf die Scholle. Aber Amelie weiß, was Boris jetzt dringend braucht: Apfelmus.

Animationskünstler Alexander Gratzer aus Hallein hat seine Posse über menschliche Tiere nach dem Ratschlag der Eisbärin benannt: "Apfelmus" dauert gerade mal gut sechs Minuten, kommt schlicht und mit wunderschönen Zeichnungen daher, erinnert entfernt an Loriot und dürfte eine der witzigsten Arbeiten sein, die das Festival in den vergangenen Jahren in seinen Kurzfilmprogrammen gezeigt hat. "Apfelmus" hat nur drei Szenen, als Verbindung dient ein "Apferl". Einer von zwei schrägen Vögeln im Nest will es vom Baum pflücken, es fällt herunter, kullert zinnsoldatenhaften Wärtern vor die Füße und rollt in die Bärenhöhle. "Wiener Schmäh", fand Nicolai Baehr, der mit Robert Kramer am Montag im Kino Starnberg als Moderator auftrat. Kommt schon hin. Letztlich dreht sich Gratzers Meisterstück um leeres Palaver und pseudo-philosophische Brocken.

Mal gemütlich, mal rasant: Szenen aus Alexander Kratzers Animationsfilm "Apfelmus".

(Foto: A. Kratzer)

So heiter ging's nicht weiter. Dieser lange Kurzfilmabend, zu dem eine Bank Popcorn und Hugo für alle Zuschauer spendierte, hatte heftige Kontraste. Mit Martina Vehs "Stummfilm" stand ein bildgewaltiges, mit Schärfe und Unschärfe spielendes Epitaph auf den Lockdown auf dem Programm. 31 Sänger, Musiker, Maler, Bildhauer oder Tänzer stehen schweigend im Stangenwald - Multikulti in der Monokultur. Jerry Hoffmanns "90 Prozent" dreht sich um den jungen Jean. Er ist magersüchtig, denkt dabei aber immer ans Essen, jedenfalls zu 90 Prozent der Zeit. Zum Glück taucht Lili auf (herrlich ausgeflippt: Lili Epply), kocht Spaghetti Bolognese und hat eine tolle Idee: "Wir haben Sex, wenn wir das aufessen." Jean fragt: "Alles?" Und stochert obszön in der Portion herum. "Okay".

Katharina Rivilis erzählt in "Der Tag X" die Geschichte zweier große Tage: Die kleine Frida hat am 17. Juni 1953, als der Arbeiteraufstand in der DDR niedergeschlagen wird, ihren achten Geburtstag. Weder der Vater noch die eingeladenen Gäste kommen, dafür rollen russische Panzer an. Der Kurzfilm der Regisseurin und Schauspielerin, die auch die Rolle der Mutter übernimmt, ist in allen Ausstattungsdetails stimmig, kommt mit hochprofessionellen Bildern daher und wirkt fast wie eine Vorstudie für einen langen Spielfilm.

Szene aus dem Skaterporträt "Bloom".

(Foto: FSFF)

Drei weitere Produktionen komplettierten das Programm: Christina Tournatzés rekonstruiert in "Cargo" die Tragödie vom August 2015, als 71 Flüchtlinge auf der Fahrt von Ungarn nach Österreich in einem von Schleppern gelenkten Kühlwagen erstickten. Ihr 15-minütiger Film hat Züge eines Requiems. Florian Steidel hebt in "Ein Leben" auf gefühllose und penetrante Ärzte in der Gynäkologie einer Klinik ab, lässt aber eine Frage offen: Wie kann es sein, dass eine Frau neun Wochen wartet, bevor sie sich zu einer Ausschabung entschließt? Und Nicola von Leffern und Jakob Carl Sauer porträtieren in "Bloom" junge Skater, die durch die Straßen von Kampala sausen, der auf sieben Hügeln gebauten Hauptstadt von Uganda.

Die zum Teil von der Ladefläche eines Lastwagens aus gedrehten Szenen sind nicht so poliert und auf Hochglanz getrimmt wie die Bilder der meisten anderen Kurzfilme. Aber dafür gelingt es den beiden Regisseuren aufs Schönste, den Rausch der Bewegung einzufangen. "Die sind ja geflogen", fand Nicolai Baehr, ganz zu Recht.

© SZ vom 02.09.2020

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