Fünfseen-Filmfestival:Freundschaft bis über den Tod hinaus

Mit "Hannes" hat Rita Falk eine traurig-schöne Geschichte fernab ihrer witzig-wüsten Eberhofer-Krimis geschrieben, die Hans Steinbichler nun verfilmte. Beim Fünfseen-Filmfest erzählt sie, dass das Manuskript einst als "zu schwere Kost" abgelehnt wurde

Von Gerhard Summer, Starnberg

Am Anfang war der Trotz. Rita Falk, vormals Bürokauffrau, hatte 2008 ihr erstes Buch geschrieben, einen Tagebuchroman über Motorradfahren, Freundschaft, Tod, Schuld und Vergebung. Sie schickte das Manuskript mehreren Verlagen zu, alle lehnten mit dem Hinweis ab, "Hannes" sei "zu schwere Kost für ein Debüt". Sie sei jetzt zwölf Jahre in dieser Branche, sagt die Autorin auf dem Fünfseen-Festival, aber sie verstehe die Begründung bis heute nicht.

Jedenfalls habe sie sich gedacht: Okay, wenn ihr nichts Ernstes von mir wollt, dann bekommt ihr jetzt was Komisches, das sich gewaschen hat. So gesehen sei "Hannes" eine Art "Geburtshilfe" für die Reihe ihrer witzig-wüsten Eberhofer-Bücher gewesen, mit denen Falk zur bayerischen Krimi-Macht avancierte. Heuer erwies ihr sogar das Münchner Filmfest Reverenz und wählte "Kaiserschmarrndrama" als Eröffnungsfilm aus, "da hast du schon Gänsehaut", sagt Falk dazu.

Starnberg FSFF Kino Breitwand, Film Hannes, Team

Rechnete gar nicht mehr damit, dass "Hannes" verlegt wird: Rita Falk mit Regisseur Hans Steinbichler.

(Foto: Georgine Treybal)

Samstagabend im Kino. Die 57-jährige und Regisseur Hans Steinbichler sind zur Deutschlandpremiere der Tragikomödie "Hannes" nach Starnberg gekommen. Falk ist zum ersten Mal beim Filmfestival dabei. Steinbichler gehört zu den Stammgästen, Festivalchef Matthias Helwig zählt erst mal all die Filme auf, die schon in den Vorjahren liefen, von "Die zweite Frau" über "Landauer - Der Präsident" bis "Eine unerhörte Frau". Und spricht wieder über die von ihm so hingebungsvoll verehrte Hannelore Elsner, die in "Hannes" in ihrem letzten Kinofilm zu sehen ist, als putzig durchgedrehte Frau Stemmerle. Später reihen sich auch Steinbichler, Produzent Nils Dünker und der Weßlinger Schauspieler Peter Weiß ein und erzählen Elsner-Geschichten. Kurze Schrecksekunde: Helwig wird doch nicht die Falk vergessen?

Nein, tut er nicht. Sie kommt mit Goldschuhen und in einem grauen Hosenanzug mit großen Taschen nach vorne, später berichtet auch sie von einer Fünf-Minuten-Begegnung mit Elsner und davon, dass sie sich mit ihrem Erstling den Tod ihrer besten Freundin von der Seele geschrieben habe. Die junge Frau war zehn Jahre zuvor verunglückt, sie hatte von ihrem Mann zum 30. Geburtstag einen Motorradführerschein geschenkt bekommen. "Hannes", sagt Falk, sei die "andere Seite von mir" und ein Herzensprojekt, so sehr sie an der Eberhofer-Rasselbande und Niederkaltenkirchen hänge.

Fünfseen-Filmfestival: Peter Weiß - der Schauspieler aus Weßling ist in dem Film in einer Szene mit Hannelore Elsner zu sehen.

Peter Weiß - der Schauspieler aus Weßling ist in dem Film in einer Szene mit Hannelore Elsner zu sehen.

(Foto: Jörg Reuther)

Hans Steinbichler wiederum findet, der Roman habe zwar einen für Nicht-Bayern schwierigen Einstieg, sei aber "großartig". Er gebe seiner Frau immer zuerst die Bücher, die er verfilmen wolle. Er erinnere sich noch gut daran, wie ihr auf dem Kanapee beim Lesen die Tränen übers Gesicht liefen. Ja, ruft seine Frau da von hinten, aber sie habe auch gelacht.

Für beides gibt es gute Gründe: So abgrundtief traurig die Geschichte der unzertrennlichen Freunde Hannes (Johannes Nussbaum) und Moritz (Leonard Scheicher) auch ist, so leicht, schräg und heiter nehmen sich die Rückblenden auf Urlaube mit Kumpels und die Szenen in einer Privatklinik für psychisch Kranke aus, dem "Vogelnest", mit denen der Regisseur das Drama gegenschneidet. Eine herzzerreißend schöne Idee von Drehbuchautor Dominikus Steinbichler trägt den unter anderem in Italien, Spanien und Schottland gedrehten Film: Moritz kommt auf die Idee, das Leben seines Freundes zu leben, dessen Tagebuch weiterzuführen und an seiner Stelle im "Vogelnest" zu arbeiten. An dem Motorradunfall ist er nicht ganz unschuldig: Hannes steigt auf Moritz' schlampig gewartete Maschine um und rutscht damit wie ein Stein von der Bergstraße. Äußerlich hat er keinen Kratzer, aber er erleidet ein schweres Schädelhirntrauma. Und auch wenn es immer wieder Zeichen der Hoffnung gibt: Irgendwie ist von Anfang an klar, dass er nicht mehr aus dem Koma erwachen wird. Zu den Stärken dieses Films gehören seine Charakterköpfe, die herzensgute Heimschwester Walrika (Gabriela Maria Schmeide) genauso wie der Patient, der angeblich nicht reden kann (Michael Kranz), und Frau Stemmerle. Vor allem aber: Steinbichler gibt der aus der Zeit gefallenen Geschichte einer Freundschaft unter jungen Männern nach und nach Weite und Tiefe. Am Ende ist es wohl so: Hannes lebt in Moritz weiter.

Warum sie im Übrigen lieber über Jungs schreibt als über Mädels? Rita Falk sagt es so: Sie habe immer schon "eher mit Kerlen an der Bar gesessen und gewürfelt". Denn sie finde Frauen "manchmal wahnsinnig schwierig".

© SZ vom 30.08.2021
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