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Fünfseen-Filmfestival:Erholung statt Autos

Gauting: Kino fsff : Mobilität und Architektur

In die Zukunft geschaut (oben v.li.): Roger Mandl, Matthias Rathke, Stephan Rauch, Markus Büchler sowie (unten) Clara Siebel und Nicolai Baehr.

(Foto: Nila Thiel)

Eine Diskussion über Wohnen und Mobilität zu Corona-Zeiten

Von Blanche Mamer, Gauting

Das Motto des Fünfseen-Festivals 2020 - "Bewegung und Stillstand" - gab auch das Thema vor für das Architekturpanel "Wohnen, arbeiten und Mobilität nach Corona". Der Starnberger Architekt Nikolai Baehr diskutierte im Kino Gauting mit sechs Kollegen, Stadt- und Verkehrsplanern vor mehr als 70 Zuhörern. Wegen des großen Interesses wurde das Gespräch in einen zweiten Kinosaal übertragen.

"Durch die Corona-Krise hat sich unser Alltag stark verändert, das Arbeiten zuhause hat gezeigt, dass Wohnen und Umfeld neu organisiert und im Straßenverkehr andere Maßstäbe gesetzt werden müssen", sagte Baehr in seiner Einführung und forderte ein anderes Planen. Markus Büchler, Landschaftsarchitekt und Sprecher der Grünen für Mobilität im Bayerischen Landtag, plädierte dafür, den öffentlichen Raum nicht weiter für Straßen und Parkplätze zu missbrauchen. "Die Infrastruktur bestimmt unser Verhalten. So wie ich den öffentlichen Raum gestalte, so wird er genutzt", sagte er und nannte als positive Beispiele die Städte Wien und Kopenhagen, die den Autoverkehr zum Teil verbannt hätten, was den Umstieg aufs Rad und auf öffentliche Verkehrsmittel sehr gefördert habe. Auch Paris und Ljubljana hätten vorbildliche Veränderungen vorgenommen. In der slowenischen Hauptstadt sei per Bürgerentscheid beschlossen worden, Verkehr aus der Altstadt zu verbannen.

Die Pandemie habe auch in München vieles möglich gemacht, was vorher undenkbar war, sagte er. So seien zahlreiche Parkplätze abgeschafft worden, um für die Gastronomie mehr Tische und Sitzplätze unter freien Himmel zu ermöglichen. Was in München gehe, müsste auch fürs Umland passen, allerdings seien die Gewerbetreibenden anderer Meinung, da sie Parkplätze vor der Tür für dringend erforderlich hielten. Für Büchler ist klar: "Die Verkehrswende beginnt vor der Haustür". Auch Baehr nennt Beispiele. In Paris sei vor einigen Jahren damit begonnen worden, die verkehrsreichen Achsen entlang der Seine für Autos zu sperren, mit Sand aufzufüllen und Liegestühle aufzustellen. Erholung statt Autoabgasen! Corona hat nicht nur die Schwächen im öffentlichen Raum offensichtlich gemacht, sondern auch den Wohnungsmarkt verändert. Dietfried Gruber vom Wessobrunner Kreis stellte die Studie "Lebenswert" zum Thema "Familientaugliche Wohnungen statt Einfamilienhäuser" vor. Zu Zeiten von Home-Office sei Aufenthaltsqualität viel wichtiger geworden. Es brauche Nebenräume, getrennte Zimmer fürs Arbeiten daheim, Terrassen, Grünflächen. Aus leerstehenden Großraumbüros gute Wohnungen zu entwickeln, sei jetzt Aufgabe der Planer und der Bauämter, sagte Matthias Rathke, Innenarchitekt und Mitglied des Wessobrunner Kreises. Es müsste ohne große Hürden erlaubt sein, Doppelhäuser in Multifunktionalhäuser umzubauen. Wenn der Druck groß sei, könnte es mit Genehmigungen schnell gehen. Wie in der Flüchtlingskrise 2015, als innerhalb von 14 Tagen Genehmigungen erteilt wurden.

Ein Beispiel ist Architekt Stephan Rauch aus Landsberg. Ihm ist es gelungen, drei Familien unter einem Dach unterzubringen, davon drei Kinder sowie Oma und Opa, deren Wohnung altengerecht ist mit direktem Gartenzugang. Es gebe zwei Dachterrassen und ein Gästezimmer, man nutze gemeinsam zwei Autos, berichtet Rauch. Das Stichwort für Baehr, auf die "absurde Stellplatzverordnung" einzugehen, die für ein Dreifamilienhaus schon bei einer Tiefgarage angelangt sei.

In ihrer Studie zur Fahrradmobilität stellt Planerin Clara Siebel fest: Die meisten Radunfälle passierten entlang von Tempo-50-Straßen, dabei werde nur jeder vierte Unfall gemeldet. Es sei notwendig, für die gefährlichen Hauptverkehrsstraßen Alternativ-Routen anzubieten. Ein großes Problem sind laut Architekt Roger Mandl die versiegelten Flächen der Garagenhöfe. Er sieht es als Herausforderung, auf diesen Flächen Lebensraum zu schaffen. Man könne beispielsweise Kitas darauf bauen oder Räume fürs Home-Office und Dächer begrünen.

© SZ vom 07.09.2020

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