Fünfseen-Filmfestival:Bodyguard, Sekretär, Unterhalter und Chauffeur

Michael Pfaff fährt die prominenten Gäste zu den Kinos. Doch seine Arbeit geht weit über das Kutschieren hinaus

Von Laura Höring, Starnberg

Er hört so manches, das nicht für seine Ohren bestimmt ist, und war schon Zeuge der Ehekrisen von Menschen, die andere nur aus den Klatschspalten der Illustrierten kennen. "Wenn man gemeinsam fährt, bekommt man natürlich auch die persönlichen Gespräche mit. In der Regel gehe ich nicht darauf ein, außer jemand will reden", erzählt Michael Pfaff, der als Fahrer beim Fünfseen-Filmfestival Schauspieler, Regisseure und andere Prominente chauffiert. Genauer ins Detail gehen möchte der 57-Jährige nicht, es ist ihm ein Anliegen, die Privatsphäre seiner berühmten Gäste zu schützen.

Pfaff ist Gastgeber, Privatsekretär, Bodyguard, Kinderbetreuer und Unterhalter in einem. In seinem Auto saßen schon Birgit Minichmayr, Barbara Auer, Lars Eidinger und Oscar-Preisträger Pepe Danquart. In der Regel hat er auch deren Handynummern, auch wenn das Festival immer wieder Überzeugungsarbeit leisten muss, dass Agenten und Management diese herausrücken. "Im Endeffekt sind das ganz normale Menschen, die vom Zug oder Flughafen abgeholt werden wollen", sagt Pfaff ganz pragmatisch, "wenn es zu Verspätung kommt oder der Gast ein Problem hat, ist es am einfachsten, kurz anzurufen." Seine Gäste chauffiert er in einem elektrisch angetriebenen SUV, bei längeren Fahrten steht im Kofferraum eine Kühlbox mit kalten Getränken und einem Piccolosekt, dazu gibt es Süßigkeiten. Beim Festival, für das er seit drei Jahren arbeitet, teilt er sich die Fahrten mit mehreren Kollegen.

Gauting  FSFF 2021, Fahrer Michael Pfaff

Fahrer Michael Pfaff (rechts) bringt seine Gäste zu den Vorstellungen - hier die Kurzfilm-Regisseure Kevin Biele (hinten) und Paul Scheufler (vorne links) sowie dessen Begleitung Julian Dietrich (vorne rechts).

(Foto: Georgine Treybal)

Bevor Pfaff jemanden abholt, versucht er sich gut vorzubereiten. Vor dem Festival und in den Pausen zwischen den Fahrten sieht er sich die Filme seiner Gäste an. "Ich überlege mir immer einen möglichen Gesprächseinstieg, lese den Wikipedia-Eintrag, Interviews und die Boulevardpresse, um zu wissen, was im Leben der Menschen gerade aktuell ist. Meistens findet man immer ein Thema, über das man reden kann, im Fall der Fälle spricht man über den Film", erzählt Pfaff, der wahrscheinlich die besten Schleichwege kennt, um im Fünfseenland am schnellsten ans Ziel zu kommen.

Er fährt etwa 200 Kilometer am Tag, hinzu kommen längere Sonderfahrten. Erfahrungsgemäß ist er an 14 Festivaltagen mehr als 3000 Kilometer auf der Straße unterwegs. Wenn er allein im Auto sitzt, vertreibt er sich die Zeit mit Radiohören, Podcasts und Kaffeetrinken. "In der ersten Festivalwoche habe ich Birgit Minichmayr aus Salzburg abgeholt. Auf der Autobahn habe ich das Hörspiel zu Maria Stuart gehört, weil sie deren Rolle derzeit bei den Festspielen spielt", sagt der 57-Jährige. Wie er mit den Gästen umgehe, sei ganz individuell: "Manche steigen ein und sind sofort am Handy, denen gebe ich Freiraum. Mit anderen habe ich mich richtig nett unterhalten. Barbara Auer wurde mir beispielsweise als kühl und distanziert angekündigt, sie war aber total sympathisch."

Gauting  FSFF 2021, Fahrer Michael Pfaff

Michael Pfaff ist leidenschaftlicher Geschichtenerzähler.

(Foto: Georgine Treybal)

Es ist leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, denn er hat schon einiges erlebt. In den 80er-Jahren dachte er als Spezialist für politischen Islam über eine Promotion in Völkerkunde nach, arbeitete mehrere Jahre in Tunesien, war Reiseleiter, Geschäftsführer, selbständig und auch immer wieder beim Film beschäftigt, unter anderem als Location Scout in der Türkei. "Eigentlich bin ich Geschichtenerzähler. Das spielt mir natürlich beim Betreuen der Gäste in die Karten", sagt er und lacht, während er mit der Zigarette in der Hand vor dem Institut für Jugendarbeit in Gauting auf mehrere Kurzfilmer wartet, um sie ins Kino nach Seefeld zu fahren.

Seine Arbeit geht weit über das Absetzen an den Veranstaltungsorten hinaus, er sei schon oft von Gästen zum Essen eingeladen worden, hätte den ein oder anderen Absacker mit ihnen getrunken, einen kleinen Einkauf erledigt oder sei mit der Tochter einer Dokumentarfilmerin zusammen über die Kinositze gehüpft, während die Mutter beim Festival zu tun hatte. "Lars Eidinger hatte nach der Ankunft im Hotel einen Interviewmarathon. Er hat mich dann gebeten, alle 30 Minuten den nächsten Journalisten zu ihm zu schicken. Dann bin ich auch Privatsekretär", sagt Pfaff. Ab und zu müsse er auch Sonderwünsche erfüllen, beispielsweise beim Hotel um extra Kissen bitten, das sei aber nicht die Regel. "Manche Gäste brauchen auch extrem wenig Betreuung. Benedict Neuenfels zum Beispiel ist alles geradelt, das waren schon mal 20 Kilometer zum Kino."

Bei den Transfers bekomme er auch Unzufriedenheit mit und gebe das dann an Kollegen weiter. Dieses Jahr zeigte das Festival beispielsweise eine Schweizer Produktion fälschlicherweise in Hochdeutsch, was Michael Pfaff im Auto von Drehbuchautor und Regisseur mitbekam. Bei der nächsten Vorstellung wurde der Film dann in Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt, was die Filmschaffenden sehr freute.

"Der Gast muss sich gehört fühlen. Die Herausforderung ist es, im Gespräch voll fokussiert zu sein, im Hinterkopf aber direkt zu überlegen, ob und wie etwas umorganisiert werden muss", sagt Pfaff, der eigentlich am Bodensee wohnt und für die 14 Tage Filmfestival auf einer Matratze im Gästezimmer von Festivalleiter Matthias Helwig schläft, der sein Cousin ist. Morgens versuchen sie noch einen Kaffee zu trinken oder abends ein Glas Wein. Dieser Austausch sei sehr spannend, "weil man immer die heißen Infos vom Festival mitbekommt". An diesem Wochenende wird er Senta Berger aus ihrer Privatwohnung in der Nähe von München abholen. Aufgeregt sei er aber nicht, sagt Pfaff mit einem Schmunzeln, er hoffe einfach, dass sie sich wohlfühlt.

© SZ vom 28.08.2021
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